Günther Aigner
Der legendäre Kältewinter 1941/42
im Vergleich zur milden Gegenwart
Analyse
Der Winter 1941/42 zählt in Europa zu den bis dato letzten großen Kältewintern (03). Einzelne wissenschaftliche Quellen schreiben vom kältesten Winter des 20. Jahrhunderts am europäischen Kontinent (04). Dieser Winter ist nicht nur für Wetter- und Winterfans interessant, sondern auch für an der Zeitgeschichte Interessierte – Stichwort: Zweiter Weltkrieg.
Im extremen Frost des Winters 1941/42 scheiterte vor den Toren Moskaus endgültig das hitlerdeutsche Unternehmen Barbarossa – in einem grausamen und eisigen Showdown. Zahllose Berichte von den Kämpfen überliefern Temperaturen an der Frontlinie vor Moskau, die bereits Ende November minus 30 Grad erreicht haben sollen (01).
Wissenschaftlich belegt ist, dass die Morgentemperaturen in Moskau am 03. Jänner 1942 minus 35,9 Grad Celsius sowie am 20. und 21. Jänner jeweils minus 34,0 erreicht haben (04). Auch in St. Petersburg sanken die Temperaturen an einzelnen Tagen des Winters unter minus 30 Grad (04).
In Mittel- und Westeuropa war 1941/42 ebenfalls einer der letzten großen Kältewinter. Die folgende Übersicht bietet in Kürze eine Annäherung an dieses Wetterphänomen – mithilfe faszinierender Temperaturrekonstruktionen, eines Vergleichs mit den heute vorherrschenden milden Wintern und eines Einblicks in die Veränderungen der vorherrschenden Großwetterlagen.
Vielen Dank an den Innsbrucker Meteorologen Christian Zenkl (Wettercafé) für den fachlichen Austausch.

1. Wie kalt war es im Winter 1941/42 in Europa?
Abb. 1 zeigt die gemittelten absoluten Lufttemperaturen des Winters 1941/42, gemessen 2 Meter über dem Boden – und aus Daten sowie Modellen von Climate Reanalyzer.org rekonstruiert. Am Übergang von grünlicher zu bläulicher Farbe liegt die Frostgrenze, im blauen Bereich war die Landschaft sozusagen tiefgekühlt. Im Bereich Moskau können wir von einem Temperaturmittel (Dezember, Jänner, Feber) von etwa minus 20 Grad Celsius ausgehen. Selbst große Teile Frankreichs und Italiens waren im Frostbereich. Die Türkei war bis auf die Küstenregionen tiefgefroren. Dass in Mitteleuropa die maximal möglichen Kältesummen nicht erreicht wurden, zeigt auch die Tatsache, dass der Bodensee nicht zugefroren ist – im Gegensatz zum Winter 1962/63.

2. Status quo: Welche Temperaturen hatten die vergangenen 3 Winter in Europa?
Abb. 2 zeigt die gemittelte absolute Lufttemperatur (2 Meter über dem Boden, Climate Reanalyzer) der vergangenen 3 Winter (2022/23 bis 2024/25). Die Frostgrenze hat sich weit zurückgezogen: nach Island und Skandinavien, ins Baltikum, ins östliche Weißrussland und in die Ostukraine. In Mittel- und Westeuropa gab es zuletzt keinen richtigen Winter mehr, außer auf den Bergen: Deutlich erkennt man beispielsweise die Alpen, die Karpaten und das Elbrus-Gebirge. Der Apennin in Italien ist im aktuellen Klima nicht mehr erkennbar in der Frostzone, selbst die Pyrenäen und die Sudeten (Tschechien) sind es nur hauchdünn. Ein Zufrieren des Bodensees (letztmals 1962/63) oder des Gardasees (letztmals 1708/09) erscheint in den Wintern der Gegenwart surreal.

3. Um wie viel kälter war der Winter 1941/42 im Vergleich zu den vergangenen 3 Wintern?
In der Abb. 3 wird es noch spannender: Wir sehen die Temperatur-Anomalien (Temperaturunterschiede) vom Winter 1941/42 zu den drei jüngsten Wintern (2022/23 bis 2024/25). In weiten Teilen Europas war der Winter 1941/42 um 6 bis 10 Grad kälter. Im europäischen Teil Russlands, beispielsweise von Weißrussland bis Moskau, war der Winter 1941/42 sogar um etwa 15 Grad kälter als heute. Das ist im wahrsten Sinn des Wortes unvorstellbar. Für mich zumindest.

4. Der springende Punkt: Die Anomalien des Luftdrucks
Abb. 4 zeigt die Unterschiede (Anomalien) des Luftdrucks vom Winter 1941/42 zu den vergangenen 3 milden Wintern: 1941/42 dominierte ein massives Hoch über Fennoskandinavien. Da sich Luftmassen im Uhrzeigersinn um Hochdruckgebiete drehen, befördert diese Konstellation polare, arktische, meist bitterkalte kontinentale Luftmassen bis nach Mittel-, West- und Südeuropa. Gleichzeitig konnte der überwiegend tiefe Luftdruck über dem Mittelmeer für gelegentliche Schneefälle im Alpenraum sorgen. Der Winter 1941/42 war in den meisten Teilen der Alpen gewiss kein schneereicher Winter, aber er war auch nicht extrem schneearm. Es herrschte wochen-, ja monatelang große Kälte, geprägt von kontinentalen, eher trockenen Luftmassen.
5. Es haben sich massive Veränderungen der Großwetterlagen ergeben
Solche Großwetterlagen wie in Abb. 4 wurden über die vergangenen Dekaden immer seltener. Und wenn sie sich dann doch einmal einstellten, waren sie weniger stark und längst nicht so stabil. Durch die gravierende Umstellung der winterlichen Großwetterlagen hat sich in Europa eine markante, großräumige Erwärmung der Winter eingestellt, die weit über die erwartbaren globalen Erwärmungsraten hinausgeht. Insbesondere zeigen die Temperaturminima (= Tiefsttemperaturen) einen steilen Trend nach oben.
6. Gibt es ein Zurück zu den Großwetterlagen von früher?
Es ist eine interessante Frage, ob sich diese Großwetterlagen-Muster in den nächsten Jahrzehnten wieder zurückentwickeln könnten. In Fachkreisen nennt man das natürliche, regionale Klimavariationen, die interne Variabilität des Klimasystems. Also rein stochastische (zufällig dynamische) Änderungen, welche das Wetter und die Witterung auf zumindest regionaler, dekadischer Skala entscheidend beeinflussen. Solche Fragen kann aber kein Modell und auch kein Experte seriös beantworten, meint Meteorologe Christian Zenkl (Wettercafé) dazu.
Quellen
Daten und Karten: https://climatereanalyzer.org/
Analyse: Wettercafe Innsbruck, Meteorologe Christian Zenkl. (Grafiken Climate Reanalyzer.org)
(01) Aschenbrenner, C. (2016) Die Schlacht, die die Wende brachte. In: Süddeutsche Zeitung. Ausgabe vom 03. Dezember 2016. Link: https://www.sueddeutsche.de/politik/zweiter-weltkrieg-die-schlacht-die-die-wende-brachte-1.3273182
(02) Hartmann, F. (2012) Debakel im russischen Winter. In: Die Welt. Ausgabe vom 29. Jänner 2012. Link: https://www.welt.de/print/wams/vermischtes/article13839408/Debakel-im-russischen-Winter.html
(03) Deutscher Wetterdienst (2023) Der Einfluss von Wetter und Klima auf die Menschheitsgeschichte – Teil 2. Online seit 25.08.2023. Link: https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2023/8/25.html
(04) Lejenäs, H. (1989) The severe winter in Europe 1941-42: The large-scale circulation, cut-off lows, and blocking. In: Bulletin of the American Meteorological Society. Volume 70: Issue 3. DOI: https://doi.org/10.1175/1520-0477(1989)070<0271:TSWIET>2.0.CO;
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ich darf zur letzten Abb. noch ergänzen: wie beschrieben sehen wir im Norden eine massive Hochdruck-Anomalie über den gesamten Winter gemittelt, was schon mal die wohl häufige Zufuhr kontinentaler Kaltluftmassen antreibt.
Genauso wichtig war damals aber auch der so tiefe mittlere Luftdruck im Mittelmeerraum. Denn diese Tiefs saugen dann die kalte Luft aus NO zusätzlich an und verteilen diese, dann etwas erwärmt freilich, auch in weiten Teilen West- und Südeuropas.
Solche Lagen nennt man auch High over Low, also das Hoch über dem Tief, und solche Großwetterlagen sind ähnlich stabil, wie die eher bekannten Omega Lagen.
Lieber Otto, danke für dein Kommentar. Ich hab mir für ein paar österreichische Städte den Winter 1944/45 angesehen. Dieser Winter war auch kalt, aber nicht so kalt wie 1941/42. Wie es an der Ostsee war, kann ich jetzt auf die Schnelle nicht beurteilen.
Was man aber sagen kann, ist, dass der Winter 1944/45 im Ostalpenraum äußerst schneereich war. Fast ähnlich schneereich wie der legendär schneereiche Vorwinter 1943/44.
Meteorologisch waren die Winter des Zweiten Weltkriegs jedenfalls äußerst auffällig.
lg Günther
Aber auch der Winter 1944/1945 muss extrem kalt gewesen sein. Es waren sogar Gewässer wie die
Danzinger Bucht bzw. das Stettiner Haff zugefroren. Flüchtlinge aus Ostpreußen mussten einige
Kilometer zur wartenden „Wilhelm Gustloff“ über das Eis flüchten (dabei die „Rote Armee“ im
Rücken).