Günther Aigner
Hungerwinter und Jahrtausendschneefall
im März und April 1817
in Tirol und Salzburg
Notizen
Im März und April 1817 schneite es in weiten Teilen Tirols und Salzburgs fast acht Wochen lang. Das Ergebnis dieses extremen Wetterereignisses waren Schneehöhen, wie sie niemals zuvor oder danach beobachtet bzw. überliefert wurden. Es war ein Jahrtausendschneefall.
Vorgeschichte
Große Teile von Tirol und Salzburg waren nach dem Volksaufstand 1809 gegen Napoleon und seine Verbündeten verwüstet – die Wirtschaft lag am Boden. Zur allgemein schwierigen Lage kamen schlechte Ernten – bedingt durch eine besonders kühle Phase der Kleinen Eiszeit, welche 1816 ihren Höhepunkt erreichte: das legendäre Jahr ohne Sommer (Quelle Nr. 01 im Literaturverzeichnis).
Die feucht-kühlen Sommer der 1810er-Jahre führten hochalpin zu extremen Schneeakkumulationen mit stark positiven Massenbilanzen und rund um 1820 zum intensivsten je von Menschen dokumentierten Vorstoß der Alpengletscher (11, S. 31f). Aus den Alpen und anderen Regionen Europas sind schreckliche Berichte von der hungernden Bevölkerung überliefert. So sollen Kinder wie die Schafe im Gras geweidet haben (01). Viele Regionen Europas erlebten eine Auswanderungswelle, besonders die Alpentäler.
Endless Winter 1816/17
Nach dem Jahr ohne Sommer folgte in den Alpen ein harter, schier endloser Hungerwinter (06). Obwohl die Datenquellen spärlich sind, dürfte es im März und April 1817 über acht Wochen hindurch häufig heftig geschneit haben. Anfang Mai 1817 erreichten die Schneehöhen in den Tallagen Dimensionen, wie sie niemals zuvor oder danach gemessen oder dokumentiert wurden.
Aus Fieberbrunn (Tirol, Seehöhe: 780 m) gibt es schriftliche Aufzeichnungen des damaligen Gendarmerie-Inspektors Karl Larcher (02): Am 6. März 1817 entwickelte sich über dem Pillerseetal ein furchterregendes Hochgewitter und es fing an zu schneien und hörte bis zum 30. April nicht mehr auf. Es schneite somit durch volle acht Wochen fast ununterbrochen. Am 1. Mai 1817 war der erste schöne Tag, der Schnee lag aber neun Schuh tief! Diese dokumentierten neun Schuh würden in etwa einer Schneehöhe von 2,75 Meter entsprechen.
Jahrtausendschneefall 1817
Es gibt in der Zeit des beginnenden19. Jahrhunderts keine amtlichen Niederschlags- oder Schneemessdaten, die wir einsehen könnten. Wir müssen uns mit Indizien begnügen. In Waidring (Tirol, 778 m Seehöhe) gibt es eine Inschrift auf einem Wegkreuz (Marterl): Schneehöhe am 24. April 1817: 2,72 m (03)

Das Wegkreuz (Marterl) in Waidring mit seiner historischen Inschrift
In Aurach bei Kitzbühel (Tirol, 846 m Seehöhe) findet sich eine Fassadenmarkierung an der Pfarrkirche (04): Schneehöhe d. 24 April 1817. Die damalige Schneehöhe ist aus diesem Strich nicht klar ersichtlich, denn es ist unwahrscheinlich, dass das Niveau der unmittelbar benachbarten Straße gleich wie heute war. Ebenfalls könnte der Strich die Schneehöhe inklusive Dachlawine festgehalten haben.

Der Strich und die Inschrift an der Fassade der Pfarrkirche in Aurach (Tirol)
An der Pfarrkirche von Hinterthal (Maria Alm, Salzburg, Seehöhe: 1.020 m) steht in schwindelerregender Höhe ein dicker Strich mit Inschrift (05): Schneehöhe am 01. Mai 1817. Die Linie ist etwa 6,5 Meter über dem Bodenniveau. Sie könnte die Schneehöhe inklusive Dachlawinen und Schneeverwehungen markiert haben.

Der Strich und die Inschrift an der Fassade der Pfarrkirche in Hinterthal bei Maria Alm (Salzburg)

Weitere Indizien
• In Kundl (Tirol, Inntal, 526 m Seehöhe) gibt es folgenden Chronikeintrag (06): Der Schnee lag am 03. Mai selbst im Inntal so hoch, dass keine Zaunstempel am Feld zu sehen waren. Anm.: Die Höhe der Zaunstempel beträgt üblicherweise ca. 120 cm
• In Haiming (Tirol, Oberinntal, 670 m Seehöhe) waren die Schneewechten am 25. April bis zu 3 Meter hoch. Noch Anfang Mai ging man auf dem Harsch über die Zäune (06, S. 412)
• Für den Raum Kössen wird von einer schauerlichen Hungersnot berichtet (06, S. 198). Die Menschen hätten Brennnessel und Heublumen gegessen, um nicht zu verhungern.
• Für das Sellraintal (Tirol) sind zwei katastrophale Lawinenabgänge im März 1817 überliefert (10).
Statistische Wiederkehrwahrscheinlichkeit: 3.000 Jahre
Anhand der jährlich größten Schneehöhen in Waidring wurde eine statistische Wiederkehrwahrscheinlichkeit von etwa 3.000 Jahren berechnet. Die Datengrundlage stammt vom Amt der Tiroler Landesregierung (Hydrographischer Dienst) (07). Die Berechnungen wurden von Univ.-Prof. Dr. Michael Oberguggenberger vom Institut für Grundlagen der Bauingenieurwissenschaften (Arbeitsbereich Technische Mathematik) der Universität Innsbruck durchgeführt. Vermittelt wurde der Kontakt durch HR Dr. Wolfgang Gattermayr, den langjährigen Leiter des Hydrographischen Dienstes Tirol, bei dem ich mich für die Zusammenarbeit herzlich bedanken möchte.

Die jährlich größten Schneehöhen in Waidring von 1909/10 bis 2025/26 im Vergleich zur Schneehöhe im April 1817. Daten: Amt der Tiroler Landesregierung (Hydrographischer Dienst).
Meteorologischer Hintergrund
Allgemein wird angenommen, dass die Nachwirkungen des gewaltigen Vulkanausbruchs Tambora in Indonesien (April 1815), welche weiten Teilen der Nordhalbkugel das Jahr ohne Sommer 1816 bescherten, auch für den darauffolgenden endless winter 1816/17 verantwortlich waren bzw. zumindest einen fördernden Einfluss hatten.
Der Innsbrucker Meteorologe Christian Zenkl gibt zum weiteren meteorologischen Hintergrund folgendes Statement ab: In den letzten 100 Jahren lagen nicht einmal im Winter auch nur annähernd so gewaltige Schneemassen. Allerdings zeigen überregionale Chroniken ein übereinstimmendes Bild: Man muss die 2,72 Meter am freien Feld in Waidring für möglich erachten. Möglich ist so ein Extremereignis nur, wenn die Wetterlage passt. Sehr wahrscheinlich haben damals polare Luftmassen den Alpenraum erfasst und einen sogenannten Kaltlufttropfen über Mitteleuropa gebildet – ein kräftiges, hochreichendes Tief, gefüllt mit kalter Luft, welches sich wochenlang annähernd stationär gehalten haben dürfte.
Aufruf an alle Leser: Gibt es weitere Quellen?
Kennst du weitere Quellen zum Jahrtausendschneefall 1817? Beispielsweise Chronikeinträge oder Markierungen an historischen Gebäuden? Wenn ja, schreib mir bitte ein E-Mail: g.aigner@zukunft-skisport.at
Fazit
Die Schneehöhen Ende April/Anfang Mai 1817 sind in Salzburg und Tirol historisch unerreicht – und zwar mit großem Abstand. Anhand der jährlich größten Schneehöhen in Waidring (Tirol) wurde eine statistische Wiederkehrwahrscheinlichkeit von etwa 3.000 Jahren berechnet. Es scheint gerechtfertigt zu sein, dieses extreme Wetterereignis als Jahrtausendschneefall zu titulieren.
Quellen
(01) Foliensatz von Günther Aigner zum Jahr ohne Sommer 1816. Diesen könnt ihr gern per E-Mail anfragen: g.aigner@zukunft-skisport.at
(02) Die Primärquelle dieses Zitates konnte ich nicht ausfindig machen. Ein Hinweis auf die Quelle lautet „Heimatchronik”. Es könnte sich dabei um die Fieberbrunner Ortschronik handeln.
(03) Das Wegkreuz findet man an der Bushaltestelle Auergasse an der Loferer Bundesstraße B178.
(04) Informationen zur Pfarrkirche in Aurach: https://de.wikipedia.org/wiki/Pfarrkirche_Aurach_bei_Kitzb%C3%BChel
https://www.aurach-kitzbuehel.gv.at/Pfarrkirche_Aurach
(05) Informationen zur Pfarrkirche Hinterthal: https://de.wikipedia.org/wiki/Pfarrkirche_Hinterthal
https://www.hochkoenig.at/de/infrastruktur/maria-alm-kirche-hinterthal.html
(06) Jäger, G. (2010): Schwarzer Himmel – Kalte Erde – Weißer Tod: Wanderheuschrecken, Hagelschläge, Kältewellen und Lawinenkatastrophen im „Land im Gebirge“. Eine kleine Agrar- und Klimageschichte von Tirol. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck. Zweite Auflage 2011.
(07) Die Schneedaten sind amtliche Messdaten vom Amt der Tiroler Landesregierung (Hydrographischer Dienst).
(08) Kronen Zeitung vom 23. April 2017. Zenkls Statement war in der Printausgabe einzusehen, findet sich aber leider nicht online:
https://www.krone.at/565986#:~:text=Das%20Marterl%20ist%20eine%20historische,hier%202%2C72%20Meter%20hoch! Zenkl bestätigte seine Zitate in einem E-Mail vom 29. April 2026.
(09) Die Berechnung der Wiederkehrwahrscheinlichkeit erfolgte durch Univ.-Prof. Dr. Michael Oberguggenberger in Zusammenarbeit mit HR Dr. Wolfgang Gattermayr, dem ich für die Mitarbeit an diesen Recherchen danke.
(10) Lukas Ruetz berichtet auf seiner Webseite u. a. von den größten Lawinenkatastrophen im Sellraintal.
https://www.lukasruetz.at/2025/09/lawinengeschichte-in-der-region-kuehtai-sellraintal/
(11) Richter, E. (1891): Geschichte der Schwankungen der Alpengletscher. Link: https://www.alpenverein.at/portal_wAssets/docs/museum-kultur/Gletschermessdienst/Richter-Geschichte-der-Schwankungen-der-Alpengletscher-Alpenvereins_Zeitschrift-1891.pdf
Fotorechte: Günther Aigner
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