Günther Aigner
1962/63
Der letzte Kältewinter in Europa
Analyse

Der Winter 1962/63 war der letzte große Kältewinter in Europa. In Teilen Mittel- und Westeuropas gehört er zu den kältesten Wintern seit Aufzeichnungsbeginn (01; 02; 13). Brauchbare Reihen mit Instrumentenaufzeichnungen gibt es seit rund 250 Jahren – siehe die Messreihen von Wien und Innsbruck (01).

Manche Quellen schreiben sogar davon, dass es 1962/63 in Mitteleuropa die größte Kältewelle seit dem großen Winter 1739/40 gab (03) – das würde einem Zeitraum von knapp 300 Jahren entsprechen (03). Der Bodensee fror 1962/63 zum einzigen Mal seit Messbeginn vollständig und über mehrere Wochen tragfähig zu (Große Seegfrörne) (15).

Ebenso dürfte in vielen Teilen Mitteleuropas nur der Winter 1829/30 deutlich kälter gewesen sein (01). In Deutschland war dies der kälteste Winter seit dem flächendeckenden Aufzeichnungsbeginn durch den Deutschen Wetterdienst im Jahr 1881 (02; 04). Bemerkenswert war die ungewöhnlich lange Frostdauer (02), die sich im Bereich eines 250-jährlichen Ereignisses bewegen könnte (05; 06).

Wie alle großen Winter begann 1962/63 sehr früh. Bereits im November gab es in Deutschland und Österreich Schneefälle sowie Tage mit Dauerfrost (08; 09). In Bregenz gab es von Mitte November bis zum 06. März keine Wärmephasen. Die extreme Kälte begann am 23. Dezember und endete am 06. März (08). 

In der Schweiz fror der Zürichsee vollständig zu (12; 13), ebenso viele große Flüsse im deutschsprachigen Raum wie etwa der Rhein (02; 03; 06; 10). Große Teile der Ostsee froren zu, in den Niederlanden das IJsselmeer und in Westeuropa die Rhone (FRA/CH) (02). Großbritannien erlebte The Big Freeze of 1963 (14). Der Winter 1962/63 wird bisweilen (in den Medien) auch als Jahrhundertwinter bezeichnet (06).

Die Abbildungen 1 und 2 zeigen die Wintertemperaturen in Wien und Innsbruck seit Aufzeichnungsbeginn. Während es in Wien der viertkälteste Winter der vergangenen 250 Jahre war, liegt er in Innsbruck auf Rang 6 der kältesten in den vergangenen 248 Jahren.


Abb. 1: Die Abweichungen der Wintertemperaturen (Dezember bis Feber) vom Mittel der Periode 1990/91 bis 2019/20 in Wien von 1775/76 bis 2024/25. Daten: GeoSphere Austria (HISTALP) (01). Grafik: www.zukunft-skisport.at



Abb. 2: Die Abweichungen der Wintertemperaturen (Dezember bis Feber) vom Mittel der Periode 1990/91 bis 2019/20 in Innsbruck von 1777/78 bis 2024/25. Daten: GeoSphere Austria (HISTALP) (01). Grafik: www.zukunft-skisport.at

Wir betrachten nun den Winter 1962/63 in drei Karten, welche aus Daten sowie Modellen von Climate Reanalyzer.org rekonstruiert sind (07).


1. Europäischer Vergleich: Um wie viel kälter war der Winter 1962/63 im Vergleich zu den 3 jüngsten Wintern der Gegenwart?

In der ersten Karte sehen wir die Temperatur-Anomalien (Temperaturunterschiede) vom Winter 1962/63 zu den drei jüngsten Wintern (2022/23 bis 2024/25) (07). In weiten Teilen Europas war der Winter 1962/63 um 6 bis 10 Grad kälter. Die Zone der großen Kälte reicht vom europäischen Teil Russlands bis zum Mittelmeerraum. Auch die Britischen Inseln waren betroffen. In den Niederlanden war der Winter so kalt, dass die legendäre Elfstädtetour für Eisschnellläufer – die Tour der Touren – durchgeführt werden konnte (16). Im Kaukasus, am Kaspischen Meer und in Zentralasien war der Winter hingegen relativ mild.



2. Globaler Vergleich: Anomalien der Lufttemperatur

Die zweite Karte zeigt die globalen Temperatur-Anomalien vom Winter 1962/63 zu den drei jüngsten Wintern (2022/23 bis 2024/25) (07). Aus der Karte wird klar, dass es 1962/63 nicht überall auf der Erde kalt war.

Die Kältepole waren Europa und der Osten des nordamerikanischen Kontinents. Milder als unsere letzten Winter war es 1962/63 von der afrikanischen Sahelzone über den arabischen Raum und Zentralasien bis nach Sibirien. Im mittleren und östlichen Sibirien war der Winter sogar deutlich wärmer, mit positiven Temperatur-Anomalien von teils mehr als 6 Grad Celsius. Ebenfalls vergleichsweise sehr mild war der Winter 1962/63 auf Grönland und Baffin Island (Kanada). Einen moderat übertemperierten Winter erlebten die Menschen an der nordamerikanischen Westküste von Vancouver bis Kalifornien.



3. Großwetterlagen: Die Anomalien des Luftdrucks
Die dritte Karte zeigt die globalen Anomalien des Luftdrucks von 1962/63 zu den jüngsten 3 Wintern. Deutlich zu sehen ist die Zone hohen Luftdrucks über Island. Gleichzeitig sehen wir Tiefdruck über Nordrussland. Da sich Luftmassen im Uhrzeigersinn um Hochdruckgebiete drehen, jedoch gegen den Uhrzeigersinn um Tiefdruckgebiete, führte diese Konstellation über den Winter häufig arktische, bitterkalte Luftmassen bis in den Mittelmeerraum und zu den Britischen Inseln.



Im Europa-Ausschnitt wird diese Konstellation noch deutlicher. Der tiefe Luftdruck über dem Mittelmeerraum sorgte trotz der Flutung mit relativ trockener Kaltluft für einige Schneefälle in den Alpen und in Mitteleuropa.


4. Es haben sich massive Veränderungen der Großwetterlagen ergeben
Solche Großwetterlagen wie in der dritten Karte wurden über die vergangenen Dekaden deutlich seltener. Aber wenn sie sich einstellten, waren sie weniger stark und längst nicht so stabil. Durch diese gravierende Umstellung der winterlichen Großwetterlagen hat sich in Europa eine markante, großräumige Erwärmung der Winter eingestellt, die weit über die erwartbaren globalen Erwärmungsraten hinausgeht.


5. Kann sich so ein Kältewinter wiederholen?
Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2023 ist der Frage nachgegangen, ob ein so kalter Winter wie 1963 in Mitteleuropa erneut auftreten könne – in einem sich erwärmenden Klima (02). Das Ergebnis der Berechnungen ergibt weiterhin die theoretische Möglichkeit einer Wiederholung, allerdings sei dieses Szenario eher unwahrscheinlich.

Die Studienautoren appellieren dennoch an eine gewisse Wachsamkeit der Gesellschaft gegenüber Kälteextremen (02): Während die Gefahren eines kalten Winters in einem sich erwärmenden Klima insgesamt seltener und weniger intensiv werden, ist es nach wie vor wichtig, die Möglichkeit eines extrem kalten Winters zu antizipieren, um eine mögliche Fehlanpassung und erhöhte Anfälligkeit zu vermeiden.


Quellen
(01) Daten der GeoSphere Austria aus ihrem HISTALP-Datensatz. Quelle: https://www.zamg.ac.at/histalp/dataset/station/csv.php Letzter Zugriff am 06. Jänner 2026.
(02) Sippel, S. et al. (2023) An extreme cold Central European winter such as 1963 is unlikely but still possible despite climate change. EGUsphere. Link: https://egusphere.copernicus.org/preprints/2023/egusphere-2023-2523/egusphere-2023-2523.pdf Letzter Zugriff am 06. Jänner 2026.
(03) Eichler, W. (1971) Der strenge Winter 1962/63 und seine vielschichten biologischen Auswirkungen in Mitteleuropa. In: Verhandlungen des zoologisch-botanischen Vereins in Wien. Band 110-111, S. 53-84. Gefunden als PDF unter diesem Link: https://www.zobodat.at/pdf/VZBG_110-111_0053-0084.pdf Letzter Zugriff am 09. Jänner 2026. Hinweis: Ich zitiere aus diesem Text, ohne die dahinterliegenden Quellen zu erwähnen. Für einen populärwissenschaftlichen Text sollte das genügen. Bitte lest gerne das PDF durch, um die dahinterliegenden Quellen zu studieren.
(04) Suhr, F. (2021) Das waren die kältesten Winter in Deutschland. Link: https://de.statista.com/infografik/24111/das-waren-die-historisch-kaeltesten-winter-in-deutschland/. Letzter Zugriff am 09. Jänner 2026.
(05) Stuttgarter Zeitung (2017) Naht ein Jahrhundertwinter? Link: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.historische-winter-in-deutschland-naht-ein-jahrhundertwinter.08f2ea12-7e59-4a7c-9dd5-bd048b41df43.html Letzter Zugriff am 09. Jänner 2026.
(06) Neue Zürcher Zeitung (2012) Der Winter des Jahrhunderts. Link: https://www.nzz.ch/feuilleton/der-winter-des-jahrhunderts-ld.616677 Letzter Zugriff am 09. Jänner 2026.
(07) Daten und Karten: https://climatereanalyzer.org/ Analyse: Mag. Christian Zenkl, Meteorologe, Wettercafe Innsbruck.
(08) GeoSphere Austria (2024) Klimamonitoring. Hier der Link zum Klimamonitoring von Bregenz im März 1963: https://klimaportal.geosphere.at/klimamonitoring/?view=fullscreen&station=11104¶m=t&period=period-ys-1963-0&ref=1 Letzter Zugriff am 09. Jänner 2026.
(09) Bilder: DPA. Gefunden in wetteronline.de. Texte zitiert aus wetteronline.de. Quelle: https://www.wetteronline.de/fotostrecken/1963-03-01-wi?galleryIndex=22 Letzter Zugriff am 09. Jänn
er 2026.
(10) Hirschi, J. & Sinha, B. (2007) Negative NAO and cold Eurasian winters: How exceptional was the winter of 1962/63? RMetS. Link: https://rmets.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wea.34 Letzter Zugriff am 07. Jänner 2026.
(11) Morawetz, S. O. (1963) Der Winter 1962/63 in Graz. Mitteilungen des naturwissenschaftlichen Vereins für Steiermark. Band 93, S. 291 – 294. Gefunden als PDF unter diesem Link: https://www.zobodat.at/pdf/MittNatVerSt_93_0291-0294.pdf Letzter Zugriff am 09. Jänner 2026.
(12) ORF Vorarlberg (2023) „Seegfrörne“: Bodensee vor 60 Jahren zugefroren. Link: https://vorarlberg.orf.at/stories/3185447/ Letzter Zugriff am 09. Jänner 2026.
(13) Der Spiegel (2013) Jahrhundertereignis Seegfrörne. Als die Massen übers Wasser gingen.
Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/seegfroerne-am-bodensee-als-die-massen-uebers-wasser-gingen-a-951030.html Zitierte Fotos: dpa. Letzter Zugriff: 09. Jänner 2026.
(14) BBC Archive (2023) The Big Freeze. Faszinierende kurze Doku auf dem YouTube-Kanal „BBC Archive“. Link: https://www.youtube.com/watch?v=JPFsxT-D8jE Letzter Zugriff am 08. Jänner 2026.
(15) Meichle, F. (1963) Seegfrörne und Eisprozession in Vergangenheit und Gegenwart. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Kommissionsverlag Jan Thorbecke, Lindau und Konstanz. Gefunden online via: https://digishelf.de/objekt/bsz014854767_1963/189/ Letzter Zugriff am 27. Dezember 2025.
(16) Königliche Vereinigung der friesischen 11 Städte (2026) Tour of 1963. Link: https://elfstedentocht.frl/en/tour/the-tour-of-1963/

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Günther Aigner

Günther Aigner (*1977 in Kitzbühel) ist der führende Experte in den Bereichen Skifahren und Skitourismus im deutschsprachigen Raum. Er gibt sein Wissen als Gastlektor an Hochschulen in Europa und Asien weiter. Außerdem nimmt er als Experte in den Medien am öffentlichen Diskurs teil. Als Keynote Speaker hält er Vorträge im In- und Ausland. Mit seinem 2013 gegründeten Unternehmen ZUKUNFT SKISPORT berät Aigner alpine Destinationen, Skigebiete sowie Hardware- (z. B. Seilbahnsysteme) und Softwarehersteller (z. B. Zutrittssysteme) und entwickelt Marketingstrategien für die Herausforderungen der Zukunft. Seine Arbeit dient als Bindeglied zwischen dem akademisch-wissenschaftlichen Denkraum und den alpintouristischen Praktikern. Günther Aigner hat an den Universitäten Innsbruck und New Orleans die Diplomstudien Wirtschaftspädagogik und Sportwissenschaften absolviert. Anschließend hat er das Wintermarketing von Kitzbühel / Tirol geleitet. 2021 ist er an die Uni Innsbruck zurückgekehrt, wo er als „PhD candidate“ (Doktorat „Management“) den Kreis zur akademischen Forschung schließt.

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