Günther Aigner
Am Beispiel Japan
Der Absturz der größten Skination
Analyse

Stimmt es eigentlich, dass die Anzahl der Skifahrer im deutschsprachigen Raum und in Mitteleuropa in den nächsten Jahrzehnten stark rückläufig sein wird? Die Antwort ist: Wir wissen es (noch) nicht. Aber wir können darüber nachdenken, was passieren muss, dass der Skitourismus bzw. das Skifahr-Volumen in einem Land drastisch sinkt. 

Und wir haben auch ein praktisches Beispiel dafür: Japan.

In den 1980er- und 1990er-Jahren war Japan – meist etwa gleichauf mit den USA – die größte Skination der Erde. Die alte Garde der Manager unserer großen Skifirmen (ATOMIC, Fischer etc.) berichtet wehmütig aus ihren Erinnerungen, dass damals zeitweise jeder dritte Ski aus der Weltproduktion in das Land der aufgehenden Sonne geliefert wurde. 

Seit der Jahrtausendwende erlebt Japan allerdings einen beispiellosen Absturz. War man in der Saison 2000/01 mit knapp 61 Millionen Skifahrertagen (Skier Visits) noch die Nummer 1 der Welt, so steht man im Mittel der vergangenen 6 Saisonen bei etwa 25 Millionen. Zumindest vorläufig scheint ein Boden erreicht und die Talfahrt zu einem Ende gekommen zu sein. 

Wir können also einen Rückgang von 59 % des Skitourismusvolumens innerhalb von etwa 25 Jahren bilanzieren – eine Kernschmelze.


Abb. 1: Die Summe der Skier Visits aller japanischen Skigebiete pro Saison von 2000/01 bis 2024/25. Die Zahlen für 2024/25 sind vorläufige Schätzungen. Daten: International Report on Snow & Mountain Tourism (Laurent Vanat). Grafik: Günther Aigner – ZUKUNFT SKISPORT.

Wir können am Beispiel Japan modellhaft begreifen, welchen Mix an Faktoren es benötigt, dass sich das Skifahren in einem Land drastisch reduziert. Im deutschsprachigen Raum werden meist der Klimawandel und die Teuerung als Totengräber des Skifahrens vermutet. Dabei hatte die sprunghafte Erwärmung des Alpenklimas der vergangenen 4 Jahrzehnte praktisch keine Auswirkungen auf die Skier Visits. Offenbar konnten ihre Auswirkungen bis dato von der technischen Beschneiung kompensiert werden. 

Ebenso beweist der aktuelle beispiellose Skifahr-Boom in den USA, dem teuersten Skitourismusmarkt der Welt, dass selbst hohe Preise die Menschen nicht vom Skifahren abhalten können.

Was ist nun in Japan passiert? Aus meiner Sicht spielen folgende Punkte die Hauptrollen:

1) Die schier endlose Wirtschaftskrise. Im Jahr 1990 ist die japanische Spekulationsblase geplatzt – das Land konnte sich seither nie mehr erholen. Die wirtschaftliche Dauerkrise aus Rezession, Stagnation und einer explodierenden Staatsverschuldung nennt man die verlorenen Jahrzehnte.

2) Demografie. Die japanische Bevölkerung altert rasch und schrumpft in einem schier unvorstellbaren Tempo. Japan verliert pro Jahr etwa eine Million Einwohner.

3) Das Freizeitverhalten, die Trends und die Statussymbole dürften sich verschoben haben – unter anderem aufgrund der Digitalisierung.

4) Die Infrastruktur der Skigebiete ist veraltet. Dies könnte jedoch als eine Folge der Krise gesehen werden und nicht als ihre Ursache.

5) Auch der Klimawandel dürfte eine Rolle spielen, allerdings wahrscheinlich nicht die Hauptrolle. Die japanischen Alpen sind nach wie vor für ergiebige Schneefälle bekannt, die aus dem Zustrom eisiger Luftmassen aus dem nahen Sibirien und dem Kontakt mit der dazwischenliegenden feuchten Meeresluft resultieren.

Bilanz: Das Skifahren und der Skitourismus reagieren auf lang andauernde und tiefe Wirtschaftskrisen sowie auf alternde, schrumpfende Gesellschaften. Junge und bewegungshungrige Gesellschaften fahren überall auf der Welt gern Ski, sofern genug Zeit und Geld vorhanden ist.


Was bedeutet die Einheit Skier Visits?

Skier Visits (Skifahrertage bzw. Erstzutritte) sind eine Maßeinheit zur quantitativen Bemessung des Skitourismus und gelten als Indikator für die Gesundheit der Skitourismusbranche. Ein Skier Visit bezieht sich auf eine Person, die ein Skigebiet besucht, um einen ganzen Tag oder Teile eines Tages Ski zu fahren. Snowboarden und andere verwandte Abfahrtssportarten (z. B. Telemark) sind ebenfalls in der Zahl enthalten. Die Art des Skipasses ist für die Zählung der Skier Visits nicht entscheidend: Tages-, Halbtages-, Frei-, Erwachsenen-, Kinder- und Saisonkarten werden gleichermaßen gezählt. Ein Beispiel: Ein Skifahrer, der eine ganze Woche lang in einem Skigebiet Ski fährt, zählt 7 Skier Visits.


Zum Status quo des internationalen Skitourismusmarktes

Die Gesamtzahl der weltweiten Skifahrer wird derzeit auf rund 150 Millionen geschätzt. Obwohl die Forschung zur internationalen Verbreitung des Skisports begrenzt ist, kann davon ausgegangen werden, dass diese Zahl in den letzten Jahrzehnten vor allem aufgrund des Wachstums in Asien und den Vereinigten Staaten leicht gestiegen ist. 

Der weltweite Skitourismusmarkt wird auf 366 Millionen Skier Visits geschätzt und ist in den letzten 25 Jahren unverändert geblieben. Wachsende Skitourismusmärkte finden sich derzeit in China, den USA, Italien und Chile. Demgegenüber sind die Märkte in Japan und Deutschland geschrumpft.

In 100 Ländern weltweit wird Ski gefahren. 68 dieser Länder bieten ein Skifahren im Freien auf Schnee an. Die übrigen Länder verfügen über Indoor-Skizentren, künstliche Pisten oder schneebedeckte Berge ohne Skitourismus-Infrastruktur. 

Weltweit gibt es 6000 Skigebiete mit 23.000 Skiliften. 52 dieser Skigebiete verzeichnen mehr als 1 Million Skier Visits pro Jahr. Von diesen großen Skigebieten liegen 73 % in den europäischen Alpen. Dies zeigt die Dominanz der Alpen im internationalen Skitourismus. 44 % der weltweiten Skifahrerbesuche entfallen auf die Alpen.



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Günther Aigner

Günther Aigner (*1977 in Kitzbühel) ist der führende Experte in den Bereichen Skifahren und Skitourismus im deutschsprachigen Raum. Er gibt sein Wissen als Gastlektor an Hochschulen in Europa und Asien weiter. Außerdem nimmt er als Experte in den Medien am öffentlichen Diskurs teil. Als Keynote Speaker hält er Vorträge im In- und Ausland. Mit seinem 2013 gegründeten Unternehmen ZUKUNFT SKISPORT berät Aigner alpine Destinationen, Skigebiete sowie Hardware- (z. B. Seilbahnsysteme) und Softwarehersteller (z. B. Zutrittssysteme) und entwickelt Marketingstrategien für die Herausforderungen der Zukunft. Seine Arbeit dient als Bindeglied zwischen dem akademisch-wissenschaftlichen Denkraum und den alpintouristischen Praktikern. Günther Aigner hat an den Universitäten Innsbruck und New Orleans die Diplomstudien Wirtschaftspädagogik und Sportwissenschaften absolviert. Anschließend hat er das Wintermarketing von Kitzbühel / Tirol geleitet. 2021 ist er an die Uni Innsbruck zurückgekehrt, wo er als „PhD candidate“ (Doktorat „Management“) den Kreis zur akademischen Forschung schließt.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Reinhard Kocznar

    Hallo Günther,

    ich erkenne das Problem nicht. Die Japaner fahren weniger Ski, wie es aussieht. Das mag einige Betreiber betrüben, die japanische Nation ist deshalb nicht in Gefahr. Die liegt woanders.

    BIP/Kopf in USD 1992 zu 2022

    Welt 4.709 -> 12.561 (166%)
    USA 25.321 -> 74.900 (195%)
    China 506 -> 12.873 (2.444%)
    Japan 31.410 -> 33.888 (7,89%)

    BIP in Mrd US Dollar, 1992 zu 2022

    Welt 25.858 -> 100.178 (287%)
    USA 6.555 -> 25.589 (290%)
    China 602 -> 18.460 (2.966%)
    Japan 3.908 -> 4.200 (7,47%)

    Irgendwann brauchen sie dort einen neuen Meji, aber das Skifahren wird sein kleinstes Problem sein.

    Grüße
    Reinhard

    1. Günther Aigner

      Servus Reinhard!
      Danke für deine Ergänzungen. In meinem kleinen Blog-Beitrag ging es lediglich um die Entwicklung des Skifahr-Volumens in japanischen Skigebieten und wie man diesen beispiellosen Rückgang der letzten Jahrzehnte erklären KÖNNTE. Dass der japanische Staat ganz andere Probleme hat, ist klar. Ich sage es umgekehrt: Viele Probleme und Herausforderungen, welche der japanische Staat und die japanische Gesellschaft haben, spiegeln sich in der Entwicklung des Skitourismusvolumens wider. Und das finde ich doch spannend: Der Skitourismus als Spiegel der Gesellschaft bzw. der gesellschaftlichen Umwälzungen. lg Günther

  2. Reinhard Kocznar

    Absturz? Welcher Art ist das Problem, das Japan nun hat?

    1. Günther Aigner

      Hallo Reinhard! Ich dachte, ich hätte das im Kommentar dargelegt. Nicht? 🙂
      lg Günther

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