Günther Aigner
10.800 Jahre Klimageschichte
am Rotmoosferner
Analyse
Eine Wanderung zum Rotmoosferner oberhalb von Obergurgl in den Ötztaler Alpen bietet nicht nur wunderschöne Ausblicke in ein fantastisches und völlig unberührtes Hochtal. Ganz nebenbei kann man 10.800 Jahre Klimageschichte bestaunen.
Das Rotmoostal in den Ötztaler Alpen gehört zu den schönsten Naturparadiesen Tirols. Aber es ist nicht nur eine Augenweide, sondern auch ein klimageschichtliches Lehrbuch. Eine Wanderung ab Obergurgl (1.907 m Seehöhe) ist für alle Altersgruppen machbar. Wer will, kann bis zur Schönwieshütte (2.266 m) sogar mit dem Fahrrad oder E-Bike fahren. Von dort wandert man in ca. 20 Minuten bis zur Endmoräne von 1858 auf einer Seehöhe von etwa 2.300 Meter.
Die Abbildung 1 zeigt den Rotmoosferner, vom Standort der Schönwieshütte aus betrachtet, in einem Aquarell von Thomas Ender aus dem Jahr 1844. Das Gemälde zeigt den Gletscher im letzten Stadium seines Vorrückens, das 1858 seinen Höhepunkt erreichte. Der Gletscher ist an seiner Front nicht dünn wie die sich zurückziehenden Gletscher, die wir heute kennen, sondern rückt mächtig vor und ist an seiner Stirn dutzende Meter hoch. Wir haben dieses Aquarell – wie viele andere vergleichbare Bilder – dem Wirken Erzherzog Johanns zu verdanken, dessen Leidenschaften neben der Politik sowohl die Berge als auch die Wissenschaft umfassten. Johann hatte den Ehrgeiz, aber auch die finanziellen und logistischen Möglichkeiten, die Künstler in die Berge zu bringen, damit sie die vorrückenden Gletscher dokumentieren.

Abb. 1: Der Rotmoosferner auf einem Aquarell von Thomas Ender aus dem Jahr 1844, Sammlung Erzherzog Johann
Der Vorstoß des Rotmoosferners von 1858 war der weiteste in den vergangenen über 10.800 Jahren. Woher wissen wir das? Die Abbildung 2 vom Sommer 2026 zeigt im Vordergrund ein Moor, das sich seit 10.800 Jahren ungestört entwickeln konnte – es wurde seither nicht mehr vom Gletscher überfahren. Diese Datierungen wurden von einer Innsbrucker Forschergruppe rund um den Glaziologen Gernot Patzelt gemacht. Auf den Abbildungen 2 bis 4 sehen wir – knapp hinter dem Moor – die Endmoräne des Jahres 1858, die von der Rotmoosache durchstoßen und teilweise abgetragen wurde.

Abb. 2: Das Moor im Vorfeld der 1858er-Endmoräne des Rotmoosferners. Alle Fotos: Günther Aigner

Abb. 3: Die beiden Wanderer im Bild befinden sich unmittelbar vor der 1858er-Endmoräne.

Abb. 4: Die Rotmoosache hat die 1858er-Endmoräne durchstoßen und teilweise abgetragen.
Das bedeutet, dass sich die Klimageschichte der vergangenen 10.800 Jahre innerhalb der 1858er-Moräne abgespielt hat. Siehe dazu die Abbildung 5: Der Gletscher war im Holozänen Temperaturmaximum – zwischen 8.500 und 6.000 Jahre vor heute – sehr wahrscheinlich über viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende kleiner als heute und fast vollständig abgetaut. Danach konnte er sich wieder erholen und stieß mehrfach vor – niemals aber weiter als 1858. Die letzten 10.800 Jahre waren von einem ständigen vor und zurück geprägt, jedoch innerhalb der hier definierten Extremwerte.

Abb. 5: Blick von der 1858er-Moräne taleinwärts zu den letzten Resten des Rotmoosferners (links und Mitte) sowie zum markanten Wasserfallferner (rechts). In diesem Bildausschnitt fand die Klimageschichte des Rotmoosferners in den vergangenen 10.800 Jahren statt. Foto: Günther Aigner
Gänzlich eisfrei waren die Ostalpen im Holozän nie – siehe dazu die Ausführungen von Gernot Patzelt (2019) in seinem zusammenfassenden Spätwerk Gletscher. Klimazeugen von der Eiszeit bis zur Gegenwart: Im Holozänen Temperaturmaximum lag die Waldgrenze um 100 bis 130 Meter höher als am Beginn des 21. Jahrhunderts, was einer um 1 Grad Celsius höheren Temperatur in der Vegetationsperiode (Mai bis September) entspricht. Die vergangenen fünf Jahre mit ihren XXL-Sommern dürften diesen Verhältnissen geähnelt haben.
Sollte, modellhaft angenommen, das Klima der vergangenen fünf Jahre für die nächsten 3 bis 5 Jahrzehnte andauern, so würde von den heutigen Resten des Rotmoosferners praktisch nichts mehr übrig bleiben. Der Gletscher hat längst seine Nährgebiete verloren – und es wird seit vielen Jahren kein neues Eis mehr gebildet.
Das wahre Ausmaß des heutigen Klimas würde am Rotmoosferner erst dann sichtbar werden, wenn er sich daran angepasst hat und wieder in ein Gleichgewicht kommt. Sogar die ehemaligen Wälder, deren Reste wir in vielen zurückweichenden Gletschern finden (allerdings nicht im Rotmoostal), könnten im heutigen Klima wieder wachsen. Sie brauchen dafür keine zusätzliche Erwärmung, sondern nur Jahrzehnte oder Jahrhunderte Zeit. Erdgeschichtlich wäre das nicht mehr als ein Fingerschnipsen.
Und dann gibt es noch die Klimaprojektionen, die für die kommenden Jahrzehnte von einer zusätzlichen Erwärmung ausgehen: Sollten diese Projektionen real werden, würden wir die bisherigen Temperatur-Leitplanken des Holozäns verlassen.
Ob es dazu kommt, werden die nächsten Jahrzehnte zeigen. Es wäre spannend, eine Zeitreise 500 Jahre in die Zukunft zu prognostizieren. Dann könnte man rückblickend die aktuelle globale Erwärmung ohne Emotionen analysieren, einordnen und bewerten.
Zum Rotmoosferner habe ich ein Video für YouTube gemacht:
https://www.youtube.com/watch?v=_uXeI9CGC7c
Quellen:
Patzelt, Gernot (2019): Gletscher. Klimazeugen von der Eiszeit bis zur Gegenwart. Hatje Cantz Verlag GmbH, Berlin.
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