Gerda Walton
"Man muss immer sagen, was man will, und was man nicht will."
Vor 15 Jahren starb Hilde Zach
Erinnerungen an eine bemerkenswerte Frau

Hilde Zachs Lebensweg und ihr Wirken als Kommunalpolitikerin sind, zuerst nach ihrem krankheitshalber erfolgten Abschied aus der aktiven Politik, und dann nach ihrem viel zu frühen Abschied aus dieser Welt, so vielfach und intensiv beleuchtet worden, dass ich mir heute aus Anlass ihres 15. Todestages am 15. Jänner 2011 die Freiheit nehmen möchte, sie einmal nicht aus dieser sozusagen öffentlichen Sicht zu schildern, sondern meine persönlichen Erinnerungen an diese bemerkenswerte Frau noch einmal aufleben zu lassen.

Mit einem aus Altersgründen ganz normalen und hoffentlich verzeihbaren Weichzeichner möchte ich an jene Seiten erinnern, die ihr engster Freundes- und Sympathisantenkreis an ihr lieben und schätzen, manchmal aber auch fürchten gelernt haben.

Wohl alle, die mit ihr in näherem Kontakt standen, wissen es nur zu gut – faserschmeichelnd war sie nie, schon gar nicht zu sich selbst. Aber man hat bei ihr immer gewusst, woran man war, denn Falschheit, der man in der Politik heute geradezu exzessiv begegnet, hat sie nie gekannt, was manche als Unklugheit zu bezeichnen pflegten. 

Ich habe diesen Charakterzug an ihr immer sehr geschätzt, auch wenn er nicht immer bequem war. Ihr Motto, dass man nur von jenen lernt, die mit einem hart umgehen und nichts schenken, war für mich eine wichtige Erkenntnis und hat mich so manche Fehleinschätzung vermeiden lassen.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich wohl von niemandem so viel gelernt habe wie von Hilde Zach. Ich verdanke ihr viel, keine materiellen Dinge, denn für Freunderlwirtschaft hatten wir beide nie viel übrig. Ich gebe aber offen zu, dass sie zu den ganz wenigen Menschen gehört, die mich wirklich und auf Dauer beeindruckt haben. Sie hat mir Dinge vermittelt, die man nicht einfach lernen kann, wie eine Fremdsprache oder höhere Mathematik. 

Durch ihr Vorbild hat sie mir vor allem beigebracht, wie wichtig es ist, die den Frauen leider vielfach angeborene Zaghaftigkeit zu überwinden, und was Mut, Risikobereitschaft und Fleiß, ungeheurer Fleiß, in Bewegung setzen können. Ein Ausspruch von ihr ist mir zum lebenslangen Leitfaden geworden: Man muss immer sagen, was man will und was man nicht will.

Mit dem Föhnsturm, den sie mit ihrem Eintritt in die Stadtpolitik verursachte, hat sie Innsbruck gründlich entstaubt und entrümpelt und das mit einem unglaublichen Mut, der seinesgleichen sucht. Uns haben diese anfangs extrem schwierigen Jahre beruflich eng zusammengeschweißt, aber in Innsbruck gibt es auch heute noch, 15 Jahre nach ihrem Abschied aus der von ihr so geliebten Stadt, fraglos noch immer viele, deren Leben sie in irgendeiner Weise positiv verändert hat und die gerne an sie zurückdenken.

Die Lebenskraft eines Zeitalters liegt bekanntlich nicht in seiner Ernte, sondern in seiner Aussaat. Deshalb möchte ich anlässlich dieser Erinnerungen an Hilde Zach ein bisschen in die Vergangenheit schweifen, in die Zeit, als der Boden zur Aussaat der Liste für Innsbruck vorbereitet wurde. 

Wie immer man Innsbrucks erste weibliche Bürgermeisterin rückblickend auch beurteilen mag, langweilig war es rund um sie herum nie. Ein bekannter Journalist hat sie zu Anfang ihrer Karriere einmal als Atomkraftwerk bezeichnet und das war eher eine Untertreibung. Ihr politischer Aufstieg in einem Alter, in dem sich die meisten Frauen bereits darauf konzentrieren, Enkelkinder zu hüten und die auftauchenden Falten und Altersbeschwerden zu bekämpfen, war fraglos geradezu märchenhaft.

Nun, jedes Märchen beginnt bekanntlich mit den Worten …es war einmal, und Hildes realitätsbezogener Metzgervater hätte es mit Sicherheit sofort ins Reich der Märchen abgetan, wenn ihm jemand prophezeit hätte, dass seine Tochter Hilde, die kleinste und zarteste der Familie, die nach ihrer Geburt versehentlich auf einen falschen Vornamen notgetauft wurde, einmal Bürgermeisterin von Innsbruck werden würde. 

Dass er sie ins Internat nach Feldkirch ziehen ließ, um dort die Handelsschule zu absolvieren, bedeutete für Hilde bereits das Ende der Fahnenstange, danach ging es sofort ab ins Geschäft und das war´s. Aber schon damals erwies sie sich nicht nur als äußerst trickreiche Verhandlerin, sondern auch als überaus fleißig, denn neben der harten Arbeit in Vater Zachs Metzgerei noch die Abendmatura zu bewältigen, das verlangte vollen Einsatz. Aber kommen wir zu ihrem Einstieg in die Politik.

Also, es war einmal an einem schönen Sommernachmittag, aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht nach dem genauen Datum, es liegt lange, lange zurück und tut auch nichts zur Sache, als sich ein paar tatkräftige Damen aus der Wirtschaft mit mir, damals Geschäftsführerin des Innsbrucker Wirtschaftsbundes, im Schanigarten des Café Atrium in der Meinhardstraße zu dem trafen, was man heute als brain storming bezeichnen würde, auch wenn es dem flüchtigen Beobachter vermutlich eher als Kaffeekränzchen erschienen wäre. 

Es war eine ziemlich revolutionäre Gruppe mit Hilde als Wortführerin, alle um die 50 herum, die sich da zusammengefunden hatte und etwas bewegen wollte. Zurückblickend würde ich sagen, dass bei dieser Gelegenheit das Samenkorn gelegt wurde, aus dem später die Liste für Innsbruck entstehen sollte.

Aus besseren Tagen (Privatfoto Gerda Walton)

Die vielen Barrieren, die Hilde Zach in einer damals noch total männerdominierten Gesellschaft hat überwinden müssen, möchte ich nur in aller Kürze streifen, heute interessiert das ohnehin niemanden mehr, weil sich die Zeiten zum Glück doch sehr geändert haben und es inzwischen ein bisschen auch auf die Tüchtigkeit und nicht mehr ausschließlich auf das Geschlecht ankommt. 

Ihr wichtigster Karriereschritt war, rückblickend gesehen, wohl die Wahl zur ersten weiblichen Bezirksobfrau des Wirtschaftsbundes in Österreich. Hubert Held war damals der später äußerst faire, bereits siegessichere Mitbewerber, er konnte ja nicht wissen, wie intensiv Hilde und ich bei mir daheim in meiner Stube in nächtelanger Arbeit an einer umstürzlerischen Rede gefeilt hatten, mit der Hilde dann in ihrer unnachahmlichen Art und Weise einen klaren Sieg errang. Was einen der Wählenden, der auch Schützenhauptmann war, zur verzweifelten und typisch tirolerischen Aussage trieb: Ja soll ich jetzt hinter einem Weibets herrennen?

Rückblickend muss ich fast darüber lachen, wie viele Steine man uns in den Weg zu legen in Folge bemüht war. Und ich möchte nicht verhehlen, dass wir ab und zu über unseren eigenen Mut ein bisschen erschrocken waren, vor allem, als sich die Dinge vor der Innsbrucker Gemeinderatswahl dramatisch zuspitzten und wir mit Herwig van Staa in einem Winzigbüro, wir haben es das Besenkammerl genannt, in das man mich damals beim Wirtschaftsbund als Ketzerin verbannt hatte, die so genannte Wende für Innsbruck planten. Spaßhalber, aber wohl auch mit dem Mut der Verzweiflung, haben Hilde und ich damals nicht nur einmal festgestellt, dass man uns vor einigen Jahrhunderten fraglos als Hexen verbrannt hätte. Über einige Zeit hinweg war damals unser Mantra wir fürchten uns nicht, wir fürchten uns nicht!

Aber bekanntlich entdeckt man keine neuen Erdteile, wenn man nicht den Mut hat, alte Küsten aus den Augen zu verlieren, und an Mut hat es uns damals nicht gefehlt, dafür aber an finanziellen Mitteln. Denn man hat – typisch männlich würde ich sagen – damals geglaubt, dass wir schon aufgeben würden, wenn wir kein Geld hätten.

Aber viele Frauen haben bekanntlich die Gabe, aus wenig viel zu machen und vielleicht wäre die Welt heute nicht bis über die Ohren verschuldet, würde man mehr Frauen ans Ruder lassen. Und so waren es vor allem Frauen als treue Mitstreiterinnen, die völlig unkonventionell zum Erreichen des damals angepeilten Zieles beigetragen haben. Allein durch das, was alle am besten konnten, nämlich arbeiten. Dass es durchaus auch männliche Unterstützer gab, denen Hilde mit ihrem forschen Einsatz ganz einfach imponierte, sei keineswegs vergessen.

Hoffentlich ist es Hilde auf der himmlischen Habenseite angerechnet worden, wie vielen Innsbrucker Pensionisten wir seinerzeit mit unseren unzähligen Veranstaltungen Freude gemacht haben, deren glanzvoller und umtriebiger Mittelpunkt immer die Frau Hilde war. Jeder hat sie und sie hat jeden persönlich gekannt, von jedem wusste sie die Lebensgeschichte, gab Rat und, wo nötig, nicht selten auch unkonventionelle und rasche Hilfestellung. 

Wir haben uns später noch öfters darüber amüsiert, wie wir für die damalige Innsbrucker Gemeinderatswahl, die die Wende bringen sollte, in der gerade leerstehenden Schlosserei einer Freundin als Werbegag rund 3000 Kresse-Töpfe aufstellten, die von ihr sorgsam gepflegt wurden. Es war das Billigste, was mir damals einfiel, Geld war ja kaum vorhanden.

Die Ideen gingen uns aber auch später, nach ersten Anfangserfolgen, nie aus. Gerade weil die Presse Hilde anfangs dafür geringschätzte, dass sie viele Jahre lang durch ihrer Hände Arbeit und nicht als Schreibtischtäterin ihren Lebensunterhalt verdient hatte, und wir der Meinung waren, dass man sich für ehrliche Arbeit nicht entschuldigen muss, gab es einmal mit Absicht als Wahlwerbung Zachsche Fleischkäsesemmeln und die von der Presse als Fleischkäs- Hilde Titulierte konnte sich dabei wieder einmal so richtig in ihrem Element fühlen. 

Ein anderes Mal haben wir vor einer Wahl auf der Maria Theresien- Straße von einem ihrer Bewunderer gesponserte Kastanien gebraten und Punsch ausgeschenkt, danach mussten wir nach meiner Erinnerung stundenlang die Straße kehren, um keinen Müll zu hinterlassen.

Als sie bereits Kulturstadträtin war, gab sie einmal einer ihr nicht besonders zugetanen Journalistin auf deren bissige Bemerkung, dass sie für diese Aufgabe wohl kaum prädestiniert sei, zur knappen Antwort, dass das schon möglich sei, dass sie dafür aber wisse, wie das Geld verdient würde, um sich Kultur überhaupt leisten zu können. Dass sie mit städtischem Geld sparsam, aber effizient umgehen konnte, kam den Stadtfinanzen fraglos sehr zugute. Dass sie aufgrund dieser sie sehr belastenden Verantwortung mehr wie einmal nicht schlafen konnte, wussten allerdings nur wenige.

Sogar den Park von Schloss Ambras haben wir zum Schrecken des damals gerade ganz neu bestellten Kurators auf den Kopf gestellt, wurden gleichzeitig mit ihm aber gut Freund. Mit der von vielen geliebten Innsbrucker Gartenschau und vielen, vielen anderen Veranstaltungen für Innsbrucker Senioren und aktive Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt hat der Freundeskreis rund um Hilde Zach aber keinesfalls nur erfolgreiche Wahlwerbung betrieben, sondern unzähligen Menschen viel Freude bereitet und Hilde eine Bühne für ihre unvergesslichen Auftritte geschaffen. Noch heute werde ich immer wieder einmal darauf angesprochen, wie schön das doch damals war.

Angela Merkel soll einmal gesagt haben, dass man nur dann den Pokal holen kann, wenn alle Spieler auf dem Feld gewinnen wollen. Hilde hat es meisterhaft verstanden, allen klar zu machen, auf welches Tor gespielt wird, was heute bekanntlich in der Politik, wo jeder sein eigenes Tor zu haben scheint, nicht mehr der Brauch ist. Ihr Credo war, dass es in einer Gruppierung zwar viele Indianer braucht, aber nur eine oder einer der Häuptling sein kann und sich alle dementsprechend verhalten müssen, um diesen bestmöglich zu unterstützen.

Liebe Hilde, es gäbe noch unendlich viel über Dich zu erzählen, Anekdoten ohne Ende, zum Beispiel, wie Du mich nach dem Brand in Deiner Wohnung zeitig am Morgen angerufen hast, damit ich nicht erschrecke, wenn ich davon im Radio höre. Nach Deinem knappen Bericht hast Du mir erklärt, jetzt in die Stadtsenatssitzung gehen zu müssen. Und das trotz einer leichten Rauchgasvergiftung und einer wie die Selchkuchl der väterlichen Metzgerei stinkenden Wohnung, wie Du mir kurz zuvor geschildert hattest.

Wirklich verirrt auf unserem gemeinsamen Weg haben wir uns in all den Jahren eigentlich nur einmal, das war im Labyrinth von Leeds Castle in England, aus dem wir ziemlich lange nicht mehr hinausgefunden haben. Aber so ein Labyrinth ist ja schließlich dafür bekannt, dass es dort Lustwandelnden zu unerwarteten Einsichten auch über das Labyrinth des Lebens verhilft. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass das Geheimnis des Lebens darin bestehe, alle Mühsal des Alltags in einem einzigen glücklichen Augenblick vergessen zu können, und dazu gehört fraglos der Moment, wenn man den Ausgang aus einem Labyrinth, welches auch immer es sein mag, nach langem Suchen endlich gefunden hat.

Wenn auch das Leben, wie für uns alle, öfters Winkel, Haken und vor allem schwere gesundheitliche Tiefschläge für Dich bereitgehalten hat, Hilde, Du hattest immer die Kraft, sie ohne Klagen zu überwinden und ich habe Dich oft und oft dafür zutiefst bewundert. Ich hoffe, dass ich Dir das auch gesagt habe.

Die Menschen rund um uns werden zunehmend harmoniebedürftiger, die Politik trägt dem leider nur verbal, real aber überhaupt nicht Rechnung, ganz im Gegenteil. Ob die uns derzeit überrollende Digitalisierung die richtige Saat ist, von der künftige Generationen werden ernten können, erscheint mir fragwürdig, verändert sie doch unser aller Leben in einem nie dagewesenen und fraglos bedrohlichen Ausmaß.

Wünschen wir uns, dass die derzeitige Innsbrucker Stadtpolitik über all ihren Streitereien nicht vergisst, dass auch sie, wie seinerzeit Hilde Zach mit ihrem legendären Einsatz für die ihr so am Herzen liegende Stadt Innsbruck, aussäen muss, damit künftige Generationen ernten können.

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Gerda Walton

Gerda Walton ist ein wandelndes botanisches Lexikon. Sie hat in den letzten Jahren weit über 600 Gärten dieser Welt bereist, die sie mit viel Einfühlungsvermögen auch fotografisch festgehalten und über die sie zahlreiche Artikel in renommierten Gartenzeitschriften geschrieben hat.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. c. h. huber

    ja, die hilde war schon ein ganz besonderer mensch, immer in eile, dennoch mit offenen ohren für die anliegen der bürger. natürlich war sie nicht fehlerfrei, aber bewundernswert.

  2. Kollerits Walter

    Mit dieser erinnerungswürdigen Dokumentation wird umfassend darauf hingewiesen, wie man Politik zu verstehen hat und wie man auch bei schwierigen Themen positive Ergebnisse erzielen kann. Ein Vorbild für die heute in Schieflage geratenen Entscheidungen mancher verantwortlichen Personen. Ich gratuliere der Verfasserin dieses Artikels.

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