Gerda Walton
Die Sache mit dem tiefgekühlten Baum
Eine Geschichte, als zu Weihnachten
noch viel Schnee lag.

Alle Jahre kommt sie wieder, die schöne, besinnliche Weihnachtszeit, und vielleicht weil sie so schön ist, dass manche sie offensichtlich kaum erwarten können, tut sie das von Jahr zu Jahr früher. Mittlerweile hat man als Geschenke zu machen Verpflichteter das Gefühl, dass doch gerade erst Ostern war, zumindest bei der Werbung im Fernsehen, die uns heuer bereits Ende Oktober erstmalig daran erinnert hat, dass bald Weihnachten ist. 

Schaut man dann überrascht im Kalender nach, ob sich diesbezüglich womöglich etwas geändert hat, so stellt man erleichtert fest, dass der erste Adventsonntag im Kalender immer noch Anfang Dezember ausgewiesen ist. Da die Beharrlichkeit der Werbung bezüglich ihrer Behauptung an Heftigkeit jedoch konstant zunimmt, begreift man zwangsläufig, dass sich Weihnachten von altertümlichen 3 Tagen inzwischen eindeutig auf gut und gerne 3 Monate ausgeweitet hat und dass das Christmas shopping bereits Ende Oktober beginnt, Kalender hin oder her.

Was aber, genau betrachtet, natürlich schon seinen Sinn hat, da ansonsten die von Jahr zu Jahr an Umfang zunehmende Zahl von Weihnachtsmuffeln, die vor lauter Muffel Weihnachten sonst womöglich tatsächlich übersehen hätten, gerade noch rechtzeitig daran erinnert wird, die alljährliche weihnachtliche Fluchtreise auf die Malediven oder sonst irgendwo hin zu buchen, bevor dort alles mit anderen Weihnachtsmuffeln überfüllt ist.

Die daheim bleiben wollen oder müssen überstehen wie durch ein Wunder das Fest aller Feste dann doch immer wieder. Älteren Jahrgängen gelingt das, indem irgendetwas weggelassen wird, was früher, als man noch jünger war, unabdingbar zum Ablauf des Festes dazu gehörte. 

Hat man mit der Familie ausdiskutiert, wie hoch der Tannenbaum diesmal sein soll, bio oder einfach nur grün, lebend oder abgeschnitten, elektrisch oder altmodisch beleuchtet, aber feuergefährlich, wird mit einem ergebenen Seufzer der Generationen-Christbaumschmuck aus dem Keller geholt, der von Jahr zu Jahr ein bisschen schäbiger aussieht, wodurch man zwangsläufig damit konfrontiert wird, selbst auch nicht jünger zu werden. 

Vielleicht sollte man ihn doch gelegentlich etwas modernisieren, aber wenn der Baum dann aufgeputzt ist, erinnert er einen doch irgendwie wieder an die eigene Kindheit und an die Zeit, als Weihnachten ein alljährlich herbeigesehntes Fest war.

Gelegentlich gibt es aber auch Ereignisse, von denen die Festtagsroutine gehörig durcheinandergewirbelt wird. Im konkreten Fall war es so, dass ich den Weihnachtsbaum wirklich sehr früh gekauft habe, bereits Anfang Dezember, weil sich gerade eine günstige Gelegenheit ergab. Wie üblich steckte ich die Tanne, deren Transport ins Auto und wieder heraus meine Kräfte ziemlich beansprucht hatte, so wie sie war samt Netz in einen großen Kübel mit Wasser und stellte sie, geistig abgehakt, in den Garten, damit sie dort in der feuchten Umgebung die Zeit bis Weihnachten gut überstehen würde. 

Zuerst regnete es in Strömen und ich dachte, das wird den Baum frisch halten. Dann begann es zu schneien und da man ja nicht ununterbrochen an einen bereits gekauften Weihnachtsbaum denkt, tat ich das auch nicht. Mehrmals täglich musste ich Schnee räumen, weil sonst niemand da war, abgesehen von allem anderen, was man glaubt, vor Weihnachten tun zu müssen. 

Dann wurde es so richtig winterlich kalt, weihnachtlich eben, und am Heiligen Abend vormittags fragte mein Mann, wo denn der Baum sei, gehörte es doch nach alter Tradition zu seinen Obliegenheiten, diesen im Wohnzimmer schief aufzustellen. Denn angeblich wachsen alle Weihnachtsbäume im Wald schief heran. 

Im Garten, meinte ich nachdenklich. Genau in diesem Augenblick fiel er mir nämlich wieder ein. Da mein Mann behauptete, dass da kein Baum sei, ging ich ungehalten Nachschau halten. Gestohlen? Er war schon da, nur so eingeschneit, dass er als solcher nur für einen Insider erkennbar war. 

Nachdem wir ihn mit vereinten Kräften ausgeschaufelt und aus dem gefrorenen Kübel herausgepickelt hatten, war er zumindest transportfähig, obwohl ihn der Eiskübelanhang doch ziemlich schwer und unhandlich machte. Als mein Mann meinte, dass er ihn so aber nicht aufstellen könne, schickte ich ihn zwecks Wahrung des weihnachtlichen Friedens erst einmal ins Dorf zum letzten Einkauf. 

Bis sich trotz intensiven Einsatzes von heißem Wasser der riesige Eisklumpen zuerst aus dem Kübel und dann auch vom Baum löste, war der Nachmittag angebrochen und die vorher seltsam verformten Äste waren zumindest leicht angetaut, wenn auch noch immer triefend nass. 

Statt Stille Nacht zu singen zitierte unsere Tochter Goethes Vom Eise befreit sind Strom und Bäche und machte den Vorschlag, die Illuminierung des Weihnachtsbaumes um einen Tag zu verschieben, was wir der Not gehorchend auch taten. Tannenduft hatten wir ja genug, bis hinein ins Bad, wo sich der Baum in der Wanne langsam wieder zu regenerieren begann.

Doch erst als ich später am Abend eine Freundin anrief, um mir den baumlosen Zustand von der Seele zu reden, und sie mich anklagend fragte, warum ich ihr das nicht gleich gesagt hätte, da sie in diesem Jahr doch über 2 Bäume verfügte, einen hätte ihr Mann gekauft und einen sie, verstand ich plötzlich, warum Weihnachten besser nur einmal im Jahr stattfindet.

Ein frohes Fest Ihre Gerda Walton



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Gerda Walton

Gerda Walton ist ein wandelndes botanisches Lexikon. Sie hat in den letzten Jahren weit über 600 Gärten dieser Welt bereist, die sie mit viel Einfühlungsvermögen auch fotografisch festgehalten und über die sie zahlreiche Artikel in renommierten Gartenzeitschriften geschrieben hat.

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