Gerda Walton
Die Sache mit den Spatzenknödeln
Bemerkungen
zu meiner winterlichen Vogelgesellschaft
Viele haben ja überhaupt keine Ahnung, wie praktisch so ein Vogelhaus im Garten oder auf dem Balkon ist, auch wenn meines, wenn ich ehrlich sein soll, in Bezug auf die Exklusivität seiner Besucher etwas zu wünschen übriglässt. Unter uns gesagt: Ich füttere vorwiegend Spatzen. Zum Glück akzeptieren sie als Futter auch Meisenknödel, eigene Spatzenknödel habe ich nämlich noch nirgendwo entdeckt.
Meine Tochter hat sie mir irgendwann probehalber mitgebracht, da ihr mein diesbezügliches Problem offensichtlich zu Herzen gegangen ist. Möglicherweise war auch leiser Spott dabei, das schließe ich nicht aus. Was soll ich sagen, ich habe die Meisen- inzwischen einfach auf Spatzenknödel umbenannt, man muss sich nur zu helfen wissen.
Zum Glück bin ich ein Mensch mit viel Fantasie und ich stelle mir halt vor, dass das, was vor meinem Küchenfenster grau und braun und eher unansehnlich herumflattert und sich an den Meisenknödeln delektiert, eigentlich in den schönsten Regenbogenfarben leuchtet und nur von einer bösen Fee verzaubert wurde. Ab und zu mischen sind auch ein paar noch fantasieloser gefärbte Amseln darunter, die unter Garantie binnen kürzester Zeit heftig zu streiten beginnen. Dann komme ich mir schon fast international vor.

Dabei wäre der Lieblingsvogel unserer Familie unbestreitbar das Rotkehlchen, das in England als Glücksbringer gilt. Wenn es sich im Herbst der Orientierung halber zum ersten Mal kurz sehen lässt, flippt mein Mann regelmäßig aus vor Freude und tut so, als ob es einzig nur ihm zuliebe gekommen wäre, weil die Engländer nun einmal Rotkehlchen lieben. Das Füttern überlässt er dann mir, aber vielleicht wird das in England auch so gehandhabt und ich sollte mir darüber keine Gedanken machen.
In Ermangelung internationaler, weitgereister Gäste sehe ich mein Vogelhaus zwangsläufig seit Jahren weniger aus einem tierschützerischen Blickwinkel. Es ist nämlich mit seiner Spatzenbesatzung die beste Wetterstation, die man sich nur wünschen kann. Als routinierter Vogelhaus- Besitzer muss man nicht ewig darauf warten, bis im Fernsehen endlich der Wetterbericht kommt, der ja bekanntermaßen sehr unterschiedlich ausfallen kann, je nachdem, welcher Wetterprophet gerade Dienst hat. Und auch den hundertjährigen Kalender oder alte Bauernregeln kann man heutzutage, in Zeiten der uns tagtäglich gepredigten Klimaerwärmung, getrost vergessen. Die würden uns nämlich schon ein Jahr im Voraus eine Winterdepression vorhersagen, nur weil es vor hundert Jahren um die gleiche Zeit geschneit hat. Mittlerweile schneit es ganz und gar nicht mehr wie früher, sondern zumeist erst viele Wochen später, und dann auch nur einen halben Tag lang und das war es.
Mit einem gut funktionierenden Vogelhaus läuft das viel einfacher. Sie müssen nur aus dem Fenster schauen. Auf einen Blick weiß man, was man im Grunde eigentlich gar nicht wissen will, nämlich wie schlecht das Wetter wird und wie viel Schnee zu erwarten ist. Eine erlesene Gästeschar bedeutet nichts Gutes, das kann ich Ihnen verraten, aber das kennt man auch von anderen Gelegenheiten. Je farbenfroher die Gäste, umso schlechter das Wetter: So könnte man es auf den Punkt bringen.
Zugegeben, das Internet kommt billiger, weil das Vogelfutter von Jahr zu Jahr im Preis anzieht. Wenn ich an einem kalten Tag die Futterstelle gleich dreimal nachfüllen muss, habe ich manchmal das Gefühl, dass mir die Spatzenbagage noch die Haare vom Kopf fressen wird. Aber meine Enkelin holt dann, nachdem sie das Vogelhaus wochenlang nicht aus den Augen gelassen hat, mit Begeisterung ihre Schiausrüstung aus dem Keller, denn dann muss es schnell gehen, bevor sich der angekündigte Schnee auf der Igler Heiligwasserwiese schon wieder in eine riesige Eisplatte oder in Matsch verwandelt.
Mir kommen, wenn die Sonnenblumenkerne oder die wie auch immer- Knödel wieder einmal am Ausgehen sind, gelegentlich schon etwas abwegige Gedanken. Zum Beispiel, wie das wohl der heilige Franziskus gemacht hat, der angeblich so arm war. Bei uns hätte der richtiggehend arbeiten müssen, um die Vögel auf seinem Feld zu ernähren. Aber in Italien tut man sich ja generell mit allem leichter.

Unsere Vögel zu füttern geht ganz schön ins Geld, auch wenn es nur Spatzen sind. Und dann schwärmt mein sadistischer Nachbar, der näher am Wald wohnt, völlig überflüssigerweise von Blau- und Haubenmeisen, Buntspechten, Eichelhähern und weiß der Kuckuck von welchen seltenen Tierchen noch, die bei ihm, zumindest nach seiner Behauptung, Stammgäste sind. Unter uns gesagt: ich habe ihn im dringenden Verdacht, dass er seine gefiederten Lieblinge zumindest gelegentlich mit Pignolis oder dergleichen besticht, nur damit sie nicht bis zu mir weiterfliegen, wo es nur Vogel- Hausmannskost gibt.
Oder er ist ein Angeber. Ich werde ihm anlässlich einer Blitzvisite schon noch auf die Schliche kommen, ich muss nur das richtige Wetter abwarten. Der einzige Unsicherheitsfaktor ist unsere Nachbarskatze Gina, deren Lieblingsaufenthaltsort neuerdings unter meinem Vogelhaus zu sein scheint. Ich kann sie verjagen, so oft ich will, das beeindruckt das Biest überhaupt nicht. Seelenruhig schmeißt mir das unnütze Vieh den ganzen Wetterbericht über den Haufen, statt gelegentlich eine der Mäuse zu fangen, die von dem ganz gut zu leben scheinen, was meine verwöhnten Spatzen zu Boden fallen lassen.
Wenn ich es gar nicht mehr erwarten kann, bis aus einem meiner vielen, nur von einer bösen Fee verzauberten Spatzen endlich eine Vogelrarität wird, mit der ich bei meinem Nachbarn punkten könnte, stelle ich als Ersatzbefriedigung einfach ein paar der alljährlichen Rotkehlchen-Weihnachtskarten der alten englischen Tante meines Mannes auf’s Fensterbrett, von denen ich schon einen Schuhkarton voll gesammelt habe.
Als kleinen Trost für den Fall, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch so gravierende Probleme wälzen – der heilige Franziskus würde uns jetzt wohl mit leisem Vorwurf ermahnen, dass auch Spatzen Geschöpfe Gottes sind, auch wenn ihr Gefieder nur unscheinbar grau ist. Und unsere hungrigen Gartenvögel zu füttern letztlich nicht eine Sache des Aussehens, sondern des Herzens ist.
Fotorechte: Gerda Walton
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danke für diese heitere, erfrischende sicht auf spatzen und wetterprognose!