Gerda Walton
Die besten Urlaubsgrüße
Aus der Farbenpracht einer Postkarte
sollte man keine Rückschlüsse
auf das Reiseziel des Absenders ziehen.
Notizen

Ja, jetzt sind wir wieder einmal mittendrinnen in dieser wunderbaren, aber von Jahr zu Jahr hektischer und vor allem verkehrsreicher ausfallenden spätsommerlichen Urlaubszeit, zu der zwar zum Glück nicht alle, dennoch aber viel zu viele, die durchaus auch zu anderen Zeiten verreisen könnten, das so genannte Urlaubsfieber packt.

Nun, bei nicht wenigen Urlaubszielen – spontan fallen mir London oder Venedig ein – ist es ohnehin ziemlich egal, zu welcher Jahreszeit man hinfährt, weil es dort eigentlich immer viel zu viele Touristen gibt. Offensichtlich kann man sich daran gewöhnen, sich sogar im Urlaub als Teil einer Masse zu bewegen und nicht, zumindest ein paar Tage lang, einmal ein freier Mensch, ein von Alltagszwängen befreites Individuum zu sein.

Einmal abgesehen von einem reinen Badeurlaub ist es heute, um zumindest einige der berühmten Sehenswürdigkeiten, der musts des angepeilten Urlaubsortes, abhaken zu können, unumgänglich, diese Besuche von daheim aus bereits Wochen im Voraus per Internet zu buchen und das Zeitlimit dann auch genau einzuhalten. Andernfalls vergeht einem allein schon beim Abschätzen, wie viel der kostbaren Urlaubszeit man wohl beim Anstehen in den allgegenwärtigen Touristenschlangen vergeuden würde, das Interesse an den Kulturschätzen der Menschheit. 

Wohl auch aus diesem Zwang heraus hat sich eine interessante Alternative ergeben, nämlich sich eine der neuerdings wieder vermehrt angebotenen Postkarten zu kaufen, auf der jene musts gezeigt werden, deren Besichtigung und Verewigung per Handy man, aus welchem Grund auch immer, versäumt hat.

Eine Zeitlang soll der Postkarten-Absatz ja eher zurückgegangen sein, was der rasant fortschreitenden Fototechnik zuzuschreiben war. Anfangs noch zögerlich, aber dann doch, fühlten sich sogar ältere Jahrgänge der Verweigerung moderner Fototechnik per Handy nicht mehr verpflichtet und ließen sich, unterstützt durch Kinder und Enkelkinder,  technisch hochrüsten und so up-to-date bringen, dass sie ihren gesamten, natürlich ehrfürchtig staunenden Pensionisten-Freundeskreis täglich und in Sekundenschnelle mit Urlaubsbildern zwangsbeglücken und beeindrucken konnten.

Inzwischen hat sich das wieder geändert. Neuerdings wird das Postkartenangebot wieder umfangreicher, da es angesichts der Touristenmassen zunehmend schwieriger ist, Fotomotive ohne fremde Köpfe aufs Handy zu bannen. Gar nicht so wenige sollen inzwischen dazu übergehen, Postkarten, für deren Zustandekommen der Fotograf früh aufstehen und mehr Zeit und Geduld aufbringen musste als Touristen üblicherweise zur Verfügung steht, einfach abzufotografieren und als eigenen Schnappschuss auszugeben.

Was natürlich ein bisschen auch in der leidigen Tatsache begründet ist, dass man Postkarten inzwischen ohnehin nicht mehr verschicken kann, da in kaum einem Land der Welt noch Briefmarken zum Aufgeben dieser als Neidobjekte für die Daheimgebliebenen gedachten farbenfrohen Objekte aufzutreiben sind.

Und hat man mit viel Glück wider Erwarten doch eine Marke ergattert, liegt die wirkliche Herausforderung erst noch vor einem. Nämlich das Auffinden eines Briefkastens, von dem man als Optimist mit Fug und Recht annehmen kann, dass er zumindest ab und zu ausgeleert wird.

Die ganz Unverbesserlichen Postkarten-Versender geben ihre Grüße an die Daheimgebliebenen mangels anderer Möglichkeiten nicht selten am Abreisemorgen schnell noch an der Hotelrezeption ab. In diesem Fall sollte man allerdings nicht gekränkt sein, wenn sich die mit einer Urlaubspostkarte Beglückten erst drei Monate später beim Absender dafür bedanken, der dadurch nicht selten irritiert ist, da er inzwischen vergessen hat, wem er seinerzeit Postkarten geschickt hat und vor allem an welchem Ort er sich aufgehalten hat, da inzwischen längst eine andere Reise absolviert wurde.

Die Welt gehört bekanntlich dem, der sie zu genießen versteht, und wenn man nicht selbst genießt, dann tun es verlässlich die Erben. Sicherer ist auf jeden Fall also der spontane Versand per Whatsapp, ob sich der mit einer Foto- Flut Beglückte nun darüber freut oder nicht.

Der einzige Nachteil des digitalen Postkartenersatzes besteht darin, dass man sich beim zumeist abendlichen Versenden oft einfach nicht mehr daran erinnern kann, wie dieses blöde Schloss oder was auch immer man via Äther verschicken will, eigentlich geheißen hat, was einem bei der guten alten Postkarte natürlich nicht passieren kann.

Gelegentlich denkt man, insbesondere beim abendlichen Urlaubsspaziergang, über so manches nach. Unter anderem vielleicht auch über Sinn und Zweck dieser zumeist etwas überarbeiteten Postkarten, die man, auch wenn man im Grunde genommen gar keine verschicken möchte, alleine schon aufgrund der totalen Urlaubsunterbeschäftigung im Kiosk um die Ecke Abend für Abend durchstöbert und irgendwann dann doch kauft. Dabei stellt man dann fest, dass sich die Postkartenerzeuger gegenüber der modernen Fotoübermittlung per Internet doch einen raffinierten Wettbewerbsvorteil zu verschaffen wussten, indem sie Fotomotive von sämtlichen und wirklich allen, mit eisernem Willen vom Urlaubsort aus gerade noch erreichbaren Sehenswürdigkeiten anbieten.

Einerseits wird man dadurch fraglos inspiriert, sich vielleicht doch einmal einen Tag vom Strand wegzubewegen und zumindest eine der auf den Postkarten abgebildeten berühmten antiken Stätten und Attraktionen in natura in Augenschein zu nehmen. Andererseits darf man natürlich nicht außer Acht lassen, dass man durch das Versenden einer simplen Postkarte daheim tiefen Eindruck schinden und unschwer den Eindruck erwecken kann, doch tatsächlich das gesamte, berühmt umfangreiche historische Potential einer griechischen Insel in Augenschein genommen zu haben. 

Auch wenn man sich vom Strand überhaupt nicht wegbewegt hat, weil das angebotene Besichtigungsprogramm angesichts der Hitze und auch sonst ganz einfach zu mühselig wäre oder die Kinder gestreikt haben, weil sie nicht schon wieder so einen Haufen alter Steine ansehen wollten.

Ein guter Tipp noch für all jene, die sich aus Langeweile oder aus welchem Grund auch immer, gelegentlich doch zum Kauf von Postkarten verführen lassen und es dann aus Mangel an Briefmarken oder ganz einfach aus Faulheit, die einem im Urlaub ja bekanntlich zusteht, nicht geschafft haben, die Postkarten auch zu schreiben und auf den Weg zu schicken.

Daheim hat man, im Gegensatz zum Urlaub, wieder Zeit. Und da gibt es, zwar beileibe auch nicht mehr vor der Haustüre, aber da und dort doch noch die Möglichkeit, in den Besitz von Briefmarken zu gelangen. Zumeist ist die Postkarte dann, praktisch also von Haus zu Haus, ohnehin schneller beim geplanten Empfänger, der sich hoffentlich über die verspäteten Urlaubsgrüße freut. Zumeist aber noch mehr über die Tatsache, dass man inzwischen wieder gut heimgekommen ist und seine Balkonblumen jetzt selbst wieder versorgt, was mit der Zeit und angesichts der Hitze doch etwas mühsam wurde.

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Gerda Walton

Gerda Walton ist ein wandelndes botanisches Lexikon. Sie hat in den letzten Jahren weit über 600 Gärten dieser Welt bereist, die sie mit viel Einfühlungsvermögen auch fotografisch festgehalten und über die sie zahlreiche Artikel in renommierten Gartenzeitschriften geschrieben hat.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Walter Merkl

    Frau Walton, Sie sprechen mir aus der Seele !
    Bei mehreren Reisen mit der QUEEN MARY 2 (jeweils Atlantiküberquerungen)
    habe ich Postkarten geschrieben und an der Rezeption (Pursers Office) dort
    abgegeben. Diese wurden zwar mit nicht wenig berechnet, erreichten aber ihre
    jeweiligen Empfänger nie.

    Mit lieben Grüßen aus Bayern
    W. Merkl

  2. Helmut Schiestl

    Neulich war ich in der schönen bayerischen Stadt Ingolstadt, und obwohl es dort viele schöne Motive geben würde, schöne Altstadt, schöne Kirchen und Plätze und eine Burg, fand ich in keinem der einschlägigen Geschäfte dafür eine Ansichtspostkarte. Es gab da zwar allerlei Karten mit Jux-Motiven oder so Romantik-Zeugs, was sich junge verliebte Pärchen schreiben, aber keine Karte von einem der schönen städtischen Motive.
    Nun sah ich in Ingolstadt auch sehr wenige Touristen, obwohl, wie schon gesagt, die Stadt sehr schön ist und durchaus eines Besuches lohnt. Aber eben wahrscheinlich rentiert sich da keine Produktion und Verkauf mehr von Postkarten. Ich verschicke ja auch schon lange keine mehr. Seit ich ein Smartphone besitze und alle die, denen ich früher Karten schrieb, ein ebensolches besitzen, versende ich meine eigenen Aufnahmen, die ja dann auch, zumindest meistens, einen persönlicheren Touch haben.
    Und den von der Autorin angesprochenen Problemen mit Briefmarkenladen- und Postkasten-suchen-Gehen weine ich keine Träne nach! Ein unnötiger Stress, wenn jetzt dafür am Bildschirm der Empfängerin oder des Empfängers ein für sie ganz persönlich ausgesuchtes Fotomotiv mit einem lieben Gruß aufpoppt. Und meistens bleibt es dann ja auch nicht bei einem Foto!

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