Gerda Walton
Bastelanregung für Vogelscheuchen
Gebrauchsanweisung für Gartenfreaks

Eigentlich sind sie, zumindest bei uns, schon lange nicht mehr in Mode, diese von der Ausstattung her früher nicht selten lebensecht an den jeweiligen Acker- oder Gartenbesitzer erinnernden Vogelscheuchen, bei denen man im Vorbeigehen spontan wusste, wessen ausrangierter Anzug hier seinem letzten Zweck zugeführt wurde. 

Im Spätherbst standen sie dann ausgebleicht, schäbig und reichlich zerzaust auf den abgeernteten Feldern, bis sie irgendwann verschwanden, um im nächsten Jahr verjüngt wie Phönix aus der Asche wieder mit dem aus dem Kasten entsorgten G´wand vom letzten Jahr aufzutauchen. 

Als Kind fand ich diese skurrilen Vogelscheuchen ganz einfach faszinierend, durfte aber in Ermangelung eines für die Aufstellung benötigten Gartens nie eine basteln. Nach dem Krieg wurden die meisten Textilien bekanntlich auch so lange um- und nochmals umgeschneidert, oder anderweitig wiederverwendet, dass die kläglichen Überreste bei den meisten Familien höchstens noch für eine ziemlich kleine Scheuche gereicht hätten.

In England dagegen sind Vogelscheuchen wieder total populär, stehen vorzugsweise im Vorgarten und deuten, ausgestattet mit Golfequipment oder dem Radlerdress des letzten Jahres, zumeist auf das Hobby des Hausherrn hin. Anlässlich der Krönung ihres bekanntlich sehr naturverbundenen neuen Königs gab es allerdings auch den einen oder anderen Ausrutscher, bei dem man nicht mit Sicherheit sagen konnte, wie er jetzt eigentlich gemeint war. Ein Bild dazu sagt bekanntlich mehr, als tausend Worte.

Um ein Kindheitstrauma endlich aufzuarbeiten, beschloss ich kürzlich spontan den Bau einer Vogelscheuche. Ein paar benötigte Holzlatten fanden sich im Keller, Stroh zum Ausstopfen tauschte ich im benachbarten Pferdestall gegen ein paar verschrumpelte Winteräpfel ein: und jetzt galt es nur noch Kreativität zu beweisen, wessen Gesicht ich meiner Scheuche verleihen sollte. Sagen Sie nichts, ich kann mir auch so gut vorstellen, welche Idee Ihnen jetzt spontan zufliegen dürfte. 

Nein, künstliche Intelligenz habe ich nicht in Anspruch genommen, man hat ja dieser Tage erlebt, wie peinlich das ausgehen kann, und schließlich will man nicht plötzlich jemanden mit sorgsam ondulierten gelben Haaren zwischen den Gemüsebeeten stehen haben, die nach jedem Windstoß neu frisiert werden müssen.

Meine vor Jahrzehnten ausrangierten und aus rein sentimentalen Gründen noch nicht entsorgten Tennisröcke wären schon in Frage gekommen, waren für diesen Zweck jedoch eindeutig zu kurz und hätten allenfalls eine Scheuchen- Dame ohne Unterleib ergeben. Nach langem Stöbern im Kleiderkasten entdeckte ich einen alten, bodenlangen Faltenrock, der vor vielen Jahren einmal in Mode gewesen war, und mir bestens geeignet schien, damit in Form der Scheuche eine meinem Alter entsprechende Persönlichkeit zu gestalten. Zuletzt erhielt Bella, wie ich sie benannte, noch eine alte Faschingsperücke mit blitzblauen, üppigen Locken, eine riesige Sonnenbrille und den obligaten Sonnenhut aufgesetzt.

Aber wie es der Teufel will, bestürmte mich doch neulich meine Tochter mit der Frage, in welchem Kasten denn eigentlich mein langer Faltenrock hänge, der sei jetzt nämlich total in Mode und sie würde ihn gerne einmal anprobieren. Stumm deutete ich durchs Küchenfenster hinaus auf Bella. Dem fassungslosen Blick meiner Tochter konnte ich nur mit dem Hinweis begegnen, dass man ja nicht immer und unbedingt mit der neuesten Mode gehen müsse, die sei oft gar nicht so kleidsam, wie man an Bella klar erkennen könne. 

In meinem fortgeschrittenen Alter kann ich über Mode und Auswüchse künstlicher Intelligenz natürlich leicht lachen, da setzt man zwangsläufig andere Prioritäten.

Sollte ich Sie jetzt auf eine Bastelidee gebracht haben, war das ganz und gar meine Absicht. Nehmen Sie aber besser ihren eigenen Ideenreichtum und keine künstliche Intelligenz in Anspruch, schließlich leben wir nicht in Amerika. Noch deutlicher möchte ich jetzt wirklich nicht werden.
Gerda Walton

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Gerda Walton

Gerda Walton ist ein wandelndes botanisches Lexikon. Sie hat in den letzten Jahren weit über 600 Gärten dieser Welt bereist, die sie mit viel Einfühlungsvermögen auch fotografisch festgehalten und über die sie zahlreiche Artikel in renommierten Gartenzeitschriften geschrieben hat.

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