Ewa Jönsson Hörtnagl | Bergwelten
Ewa Jönsson Hörtnagl
Bergwelten
Einleitende Worte des Bildhauers und Künstlers Peter Demetz zu Ewa Jönsson Hörtnagls Ausstellung in der Kunsthalle Tuble da Nives, Gröden, am 6/3/2026
Wenn wir in die Natur gehen und Berge betrachten, dann ahnen wir zumindest ansatzweise, welche Kräfte hier am Werk gewesen sein müssen. Tektonische Verschiebungen, Druck, Erosion, Sedimente, Verwerfungen – die Geologie kennt bekanntlich keine Rücksicht auf empfindsame Gemüter.
Und dennoch stehen diese gewaltigen Formationen heute mit einer stoischen Ruhe vor uns, als hätten sie alle Katastrophen der Erdgeschichte mit jener Gelassenheit überstanden, die man sonst nur emeritierten Professoren nach der dritten Podiumsdiskussion zuschreibt.
Man blickt auf Schichten, Klüfte, Brüche und Einschnitte – und zugleich auf etwas scheinbar Zeitloses. Als dürften wir einen einzigen, winzigen Moment im Leben eines Berges betrachten, eingefroren für die Ewigkeit. Natürlich wissen wir, dass das eine Illusion ist. Der Berg bewegt sich weiterhin. Nur sehr viel langsamer als unsere Aufmerksamkeitsspanne.
Ewa Jönsson Hörtnagl malt diese Berge nicht als Landschaften im klassischen Sinn. Sie malt keine Alpenidylle für den Kalender neben dem Frühstückstisch. Ihre Bilder zeigen vielmehr das Werden und Vergehen der Felsen zugleich – als würde man verschiedene Zeitmomente übereinandergelegt sehen, ein geologisches Zeitraffervideo ohne beruhigende Hintergrundmusik.
Ihre Malerei wirkt wie ein Kondensat von Erfahrung: Verdichtung von Erinnerung, Material, Bewegung und Zerfall. Ewa Jönsson Hörtnagl malt Zeit. Sie malt Vergänglichkeit.
Über ihr Werk wurde geschrieben:
„Verfolgt man das Werk der Künstlerin in seinen verschiedenen parallelen Spuren, so wird einem klar, dass der gemeinsame Nenner immer in der Suche nach Erinnerungen, in einer Welt der Vergänglichkeit liegt. Der Berg selbst ist genau die gleiche Masse gespeicherter Erinnerungen, die sich Sediment um Sediment langsam zu einer geschlossenen und scheinbar einheitlichen Form verdichtet. Aber wir wissen, dass der Fels, wie die Bäume, unzählige Jahresringe in sich trägt und alle Zeitalter gleichzeitig erlebt.“
Ewa Jönsson Hörtnagl räumt ein, dass sie sich in den Bergen eigentlich gar nicht wohlfühlt. Mehr noch: Sie empfindet Berge als Bedrohung. Wo andere Ehrfurcht, Erhabenheit oder wahlweise „alpines Wellnessgefühl“ verspüren, erlebt sie Angst, Unbehagen, Enge.
Und genau darin liegt vielleicht der eigentliche Motor dieser Arbeiten.
Denn diese Bilder sind keine Liebeserklärungen an die Bergwelt. Sie sind keine romantische Annäherung an die Natur im Sinne des 19. Jahrhunderts, kein spätes Echo Caspar David Friedrichs mit Funktionsjacke. Was wir sehen, ist vielmehr eine direkte, körperliche Auseinandersetzung mit etwas Widerständigem und Bedrohlichem.
Das Raue, bisweilen Brachiale der Malweise macht diesen Konflikt sichtbar. Man spürt förmlich die Gesten, die Bewegungen, die Energie des Malprozesses. Die Oberfläche der Bilder wirkt nicht harmonisiert, sondern erkämpft. Hier wird nicht „Natur dargestellt“ – hier wird mit ihr gerungen.
Ewa Jönsson Hörtnagl malt Berge als Speicher von Zeit und Erinnerung, aber auch als Orte der Verunsicherung. Ihre Arbeiten erzählen von Vergänglichkeit, von innerer Reibung und von dem Versuch, einer diffusen Angst eine Form zu geben. Ewa malt Berge nicht, um sie zu verklären. Sie malt sie, um ihnen standzuhalten.
Oder anders gesagt: Diese Berge wollen nicht bewundert werden. Sie wollen ernst genommen werden.
Peter Demetz
Ewa Jönsson Hörtnagl
geb. 1950 in Helsingborg, Schweden. Studierte Malerei, Grafik und Fotografie an der Akademie für Angewandte Kunst in Wien und anschließend Malerei bei Prof. Oswald Oberhuber.
Sie lebt und arbeitet in Schweden und in Tirol als Malerin, Grafikerin, Designerin und gestaltet öffentliche Räume.
Ihre Werke wurden im Rahmen zahlreicher internationaler Einzel- und Sammelausstellungen, Kunstmessen, Galerien und Kunsthallen ausgestellt.
Ewa Jönsson Hörtnagl arbeitete auch für Theater und Film als Gestalterin von Bühnenbild und Kostümen und zeichnet als Kuratorin für die Fotobücher to be a man und Unforgettable – Unforgotten von Erich Hörtnagl verantwortlich.