Elias Schneitter
Zirl und Rum:
Das klingt doch nach nichts!
Notizen

Je älter man wird, desto mehr bewegt man sich gedanklich in der Vergangenheit. So geht’s mir natürlich auch.

Immer wieder kommt mir inzwischen meine Urgroßmutter aus Patriasdorf, inzwischen eingemeindet in die Stadt Lienz, in den Sinn. Diese alte Dame habe ich nie getroffen und ich kenne sie nur von einem Familienfoto, das ich über meinem Schreibtisch hängen habe. Sie in der Mitte, zusammen mit ihrem Ehemann und daneben die sieben Kinder.

Meine Urgroßmutter war eine resolute Frau, eben die Moarbäuerin von Patriasdorf, und sie machte dieser Rolle auch alle Ehre. Sie verwalteten ein stattliches landwirtschaftliches Anwesen, das nach ihr im Laufe der Jahre zu einer großen Wohnsiedlung mutierte.

Aber darum soll es hier nicht gehen. Meine Urgroßmutter wurde über neunzig Jahre alt und verbrachte ihre letzte Zeit im Altersheim in einem Doppelzimmer. Als sie die Unterkunft mit einer armen Frau, die ihr Dasein als Magd auf einem Bauernhof verbracht hatte, teilen musste, war sie anfangs etwas konsterniert. Sie glaubte schließlich, was Besseres zu sein. Aber diese Überheblichkeit löste sich bald in Luft auf und die beiden verstanden einander bestens.

Die Urgroßmutter überlebte fünf ihrer sieben Kinder, und zu ihrem neunzigsten Geburtstag kam ein junger Journalist des Osttiroler Boten, Helmut Krieghofer, ins Altersheim, um ein kleines Porträt über sie zu verfassen.

Ihre beiden Töchter, die noch lebten, wohnten inzwischen in Nordtirol, eine in Zirl und eine in Rum. Unter anderem fragte der junge Journalist auch nach ihnen und meine Urgroßmutter antwortete als grande dame folgendermaßen: Eine lebt in Rom und eine in Zürich. 

So stand es dann auch in der Zeitung: Rom und Zürich.

Natürlich wurde unsere Urgroßmutter innerhalb der Familie gefragt, wie sie auf diese beiden Großstädte gekommen sei. Ach, gab sie zur Antwort, Zirl und Rum. Das klingt doch nach nichts. Das habe ich halt ein bisschen interessanter gemacht.

Eine echte Moarbäuerin eben, meine Urgroßmutter.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

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