Elias Schneitter
Wie weit schlägt das Pendel
diesmal aus?
Notizen

In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche wird gerne das Bild eines Pendels verwendet, das einmal in diese und dann wieder in die andere Richtung ausschlägt. Diesen Eindruck habe ich momentan, wenn ich die heutigen politischen Entwicklungen mit jenen in den späten 1960-er und frühen 1970-er-Jahren vergleiche.

Von Politik hatte ich als Jugendlicher nicht allzu viel Ahnung, aber gebannt verfolgte ich damals die Nachrichten im Fernsehen, denn es krachte gewaltig in ganz Europa.

In Prag beim Prager Frühling, wo Dubcek und Svoboda einen Kommunismus mit menschlichem Antlitz installieren wollten und diese Bewegung von Russland brutal niedergeschlagen wurde.

Oder die Straßenschlachten in Paris, Berlin und in vielen anderen Städten, wo die Studenten für gewaltige Unruhen sorgten, mit ihren Leitfiguren wie Cohn-Bendit und Rudi Dutschke an der Spitze. Es ging gegen den Vietnamkrieg und gegen die Alt-Nazis, die noch vielerorts in Amt und Würden waren.

Der Marsch durch die Institutionen wurde ausgerufen, der ja schließlich sehr erfolgreich von der 68-er Generation umgesetzt wurde.

Auf den Straßen wurde Ho Chi Minh gerufen und Fahnen mit den Portraits der Revolutionsführer Che Guevara und Fidel Castro geschwungen. Und auch die rote Mao-Bibel, die zwar keiner gelesen hat, stand hoch im Kurs. Und die Philosophen der Frankfurter Schule wie z.B. Adorno und Horkheimer waren die Leitfiguren.

Diese Bewegung hat dann auch in der Folge nachhaltig das gesellschaftspolitische Geschehen beeinflusst, teilweise geradezu beherrscht. Links war angesagt.
Möchte man etwas böswillig sein, könnte man die Genderei und die woke Gesellschaft als späten Ausläufer dieser Entwicklung bezeichnen.

Inzwischen schlägt das Pendel radikal in die andere Richtung aus. Kickl, Orban, Meloni, Trump scheinen inzwischen für immer mehr Menschen die neuen Fixsterne und Lichtgestalten zu sein. Diese Herrn sehen sich auch selbst als die neuen Retter der Welt.

Ein Systemwechsel ist das Gebot der Stunde. Mit den herrschenden demokratischen Formen sind immer mehr unzufrieden bzw. überfordert. Eine andere Demokratie ist angesagt.

Beim letzten FPÖ Parteitag in Salzburg standen folgende Schlagworte am Programm: Frieden, Freiheit, Fortschritt und Fairness. Was mit diesen vier Worten gemeint ist, kann man sich live in Russland, Ungarn oder den USA zu Gemüte führen.

Kickl soll als neuer Führer der blauen Seilschaften und als Volkskanzler diese Ziele umsetzen. Die dritte Republik installieren. Kickl als neuer Messias, der sich inzwischen auch gerne biblischer Zitate bedient.

Man kann sich nur besorgt fragen, wie weit wird diesmal das Pendel ausschlagen?


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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Alfred Lerchbaumer

    Der „Pendelschlag“ war schon längst vorauszusehen, eine linksliberale Gesellschaftsorientierung und ein schrankenloser Turbokapitalismus, gepaart mit der digitalen Revolution, brachte eine völlige Überforderung des übersehenen „gemeinen Volkes“ mit sich.
    Wenn große Teile der Gesellschaft sich (fast) nur mehr verordneten Zwängen gegenüber sehen, sucht sie „Heilsbringer“ und achten dabei natürlich nicht unbedingt auf die politische Qualität derselben bzw. ist es egal, ob diese, zumeist populistischen „Volksredner“, einer demokratischen Grundordnung zugehörig sind.
    Fünfzig Jahre „Befreiung von alten Zöpfen“ und zugleich Repressionen gegen jeden politischen und gesellschaftlichen Zeitgeistwiderstand sind wohl die Hauptursache für den nun bereits aktuellen Pendelschlag.

  2. Helmut Schiestl

    Wobei man dazu sagen muss, dass ein Parteitag der SPÖ in den siebziger Jahren wohl genau mit diesem Motto „Frieden, Freiheit, Fortschritt und Fairness“ abgehalten worden wäre. Weiß jetzt nicht, welches Motto der letzte Parteitag der SPÖ hatte. Oder hatte er vielleicht gar keines.

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