Elias Schneitter
Wie man sich als kleiner Angestellter
gegen die Bürokratie
wehren muss.
Notizen

Mein Vater war viele Jahre an der Technischen Universität in Innsbruck als Leiter der Hausarbeiter zuständig und als solcher für die hausinternen Werkstätten verantwortlich. Er selbst war von Beruf Tischlermeister und direkt dem Dekan unterstellt, einem Wiener Professor, mit dem er sich hervorragend verstand, denn beide gehörten nicht zu jenen, die nicht das eine oder andere Gläschen Wein zu schätzen gewusst hätten.

In seiner Funktion hatte mein Vater auch für die Beschaffung von Maschinen und Material und für die Instandhaltung der Werkstätten zu sorgen. Darum stellte er den Antrag für den Ankauf eines Schraubenschranks, damit dem herrschenden Chaos in dem Bereich ein Ende gesetzt würde, denn dauernd lag alles kreuz und quer herum, alle bedienten sich, suchten und fanden nichts, weil ein solches Durcheinander herrschte.

Natürlich, wie es in einem solchen bürokratischen Beamtenbetrieb üblich ist, werden viele Entscheidungen nicht nach Notwendigkeit, sondern nach anderen Gesichtspunkten getroffen. Jedenfalls wurde der Ankauf des Schraubenschranks abgelehnt, weil kein Schraubenschrank notwendig und dafür kein Budget vorhanden sei.

Da mein Vater die Bürokratie kannte, hatte er im Vorfeld vorsichtshalber nicht nur um einen Schraubenschrank, sondern auch um eine Handhobelmaschine angesucht, obwohl eigentlich keine Handhobelmaschine benötigt wurde. Aus unerfindlichen Gründen wurde schließlich diese Handhobelmaschine von den Oberbehörden in Wien bewilligt und für den Ankauf freigegeben. Das bedeutete, dass mein Vater bei der Firma Ortner&Stanger anrief, und dort einem alten Bekannten die Sachlage erklärte.

Du weißt ja, wie es bei uns läuft, sagte mein Vater und musste gar nichts mehr weiter sagen.
Ich kenne die Bürokratie „aus dem Osten“, gab der Verkäufer zur Antwort.
Ich brauche einen Schraubenschrank, bewilligt wurde mir aber eine Handhobelmaschine, obwohl wir ohnehin schon zwei Stück davon haben.
Ich verstehe, sagte der Bekannte von der Firma Ortner&Stanger, aber das ist kein Problem. Wir liefern einen Schraubenschrank und verrechnen eine Handhobelmaschine.
So hätte ich mir das vorgestellt, meinte mein Vater.

So geschah es dann auch und der Vater kam in der Tischlerei zu seinem Schraubenschrank und zu seiner Ordnung.
Gott sei Dank, dachte er, siegt hin und wieder auch noch die Vernunft.

Aber das Ganze blieb dann doch nicht ohne Nachspiel, denn innerhalb der Bürokratie arbeiten Revisionäre und Kontrolleure, die wiederum die Kontrolleure kontrollieren und Ministerialbeamte und Sektionschefs und Kontrollhofräte, die alle ihre Arbeit zu leisten haben und bezahlt werden müssen.

Und so wurde von dieser Behörde, dem Rechnungshof aus Wien, festgestellt, dass da in Tirol an der Technischen Universität ein kleiner Beamter einen Schraubenschrank angekauft hatte, obwohl nur eine Handhobelmaschine bewilligt worden war.

Das hatte für den Vater zur Folge, dass er einen Termin höchstpersönlich beim Dekan erhielt. Als der Vater dort hinkam, schaute ihn schon die Sekretärin mit ernstem Blick an, ehe er das Büro des Dekans betrat.
Was sagen sie zu diesem Sachverhalt? fragt dieser und reicht ihm das entsprechende Schreiben, das der Vater ruhig und gelassen durchlas.
Ist das richtig, was in diesem Schreiben steht?
Ja, ganz genau.
Aber warum haben sie das gemacht?
Dann herrschte für einen Moment Stille im Raum. Der Dekan schaute Vater erwartungsvoll an, ehe dieser zu seiner Rechtfertigung ansetzte.
Schauen sie Herr Dekan, die Sache ist ganz einfach – und er beugt sich mit dem Oberkörper nach vorn, rückt seinem Gegenüber näher, als ob er ihm ein Geheimnis anvertrauen wollte, und schaut ihm tief in die Augen.

Herr Dekan, setzte der Vater an, gehen sie in ein Geschäft und kaufen sich einen Hut, wenn sie ein Paar Schuhe brauchen?

Wieder Stille, wieder Ruhe im Büro. Der Dekan schaute dem Vater lange ins Gesicht, ehe er die Gegensprechanlage betätigte, wo schon ganz gespannt die Sekretärin in der Erwartung eines Donnerwetters ausharrte. Aber zu ihrer Überraschung hört sie die Stimme des Dekans sagen: Bringen sie uns bitte zwei Gläser Wein und etwas Wasser. Sie verstand die Welt nicht mehr und musste zweimal hinhören, ehe sie den Auftrag erfüllte. Dann stießen der Vater und der Dekan genüsslich mit ihren Gläsern an.

Obwohl der Dekan außer Zum Wohle  kein weiteres Wort in dieser Angelegenheit verlor, vermittelte er dem Vater dennoch gedanklich das Gefühl: Sie haben ja so was von recht. In der Folge gab es dann eine Stellungnahme, durch die die Sache geregelt und aus der Welt geschafft wurde.

Hin und wieder erzählte mein Vater einer Runde die Geschichte bei einem Bier und schloss stets mit den Worten: Nun, ganze Trottel sind wir hier in Tirol auch nicht.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

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