Elias Schneitter
Was wäre gewesen, wenn…?
Notizen

Kürzlich bin ich zufällig im Internet auf Edward Snowdon gestoßen. Jener Edward Snowdon, der für CIA, NSA und DIA gearbeitet hat und dann 2013 enthüllte, welche mafiösen Überwachungssysteme die Geheimdienste bei der weltweiten Internetkommunikation betreiben.

Mit seinen Informationen war Snowdon für unsere mediale Empörungsgesellschaft ein gefundenes Fressen. Einerseits war er der Bösewicht, der Verräter, und andererseits war er der große Held, der aufzeigte, wie die dunklen Mächte, ganz nach George Orwell, die Menschheit überwachen.

Um einer langjährigen Haftstrafe wegen Hochverrats zu entgehen, musste Snowdon fliehen und landete in Moskau. Nach der üblichen Erregungs- und Aufmerksamkeitsphase war er sehr bald vergessen und alles lief bei den Geheimdiensten wieder seinen üblichen Weg.

Und jetzt, als ich zufällig über ihn gestolpert bin, habe ich mich gefragt, wie er wohl heute zu seinen Enthüllungen steht. Ob er sie noch einmal starten würde? Oder ob er inzwischen die Finger davon lassen würde, denn außer einem medialen Wirbel und einer kurzzeitigen Aufmerksamkeit im Hinblick auf seine Person hat es ja nichts gebracht? Wir werden weiterhin überwacht und außer, dass Herr Snowdon jetzt in Moskau festsitzt, hat sich nichts geändert.

In dieser Hinsicht kommen mir auch die großen Revolutionäre der Weltgeschichte in den Sinn, wie ein Martin Luther oder Friedrich Engels und Karl Marx und viele andere. Auch bei den beiden Letztgenannten frage ich mich, ob sie noch einmal ihr Kommunistisches Manifest und Marx sein Kapital publizieren würden, wenn sie gewusst hätten, welche Folgen und welches Elend ihre Theorien, auf die sich ihre Gefolgsmänner beriefen, mit sich gebracht haben.

Oder ich frage mich auch, ob der große Martin Luther seine 95 Thesen zur Reformation der katholischen Kirche (des Vatikans) noch einmal an die Kirchentür genagelt hätte, wenn ihm klar gewesen wäre, dass er damit zum Auslöser des Dreißigjährigen Krieges wurde.

Besonders absurd bei Luther ist ja auch, dass er vor allem den Ablass-Handel des Vatikans bekämpfte, jene Zahlungen, die unter anderem dafür verwendet wurden, um den Prunk und den Glanz für den Petersdom zu finanzieren, zu dem inzwischen jährlich Hunderttausende pilgern, um dieses geniale Kunstwerk zu bewundern.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

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