Elias Schneitter
Viele Jahre später
während der Weihnachtszeit
Erinnerung
Hilde war im ersten Moment etwas erstaunt, als ein VW Rabbit mit deutschem Kennzeichen in die Einfahrt zu ihrem Haus einbog, ein älteres Paar ausstieg, der Mann mit einer Plastiktragtasche in der Hand. Es war die Vorweihnachtszeit und sie erwartete keinen Besuch. Ihre Kinder hatten sich erst für die Feiertage angesagt.
Sie fragte sich, was es mit den Beiden auf sich hatte, als sie sich dem Eingang näherten und läuteten. Hilde öffnete die Tür und grüßte etwas verlegen. Sie hatte zwar keine Ahnung, was der Mann und die Frau wolIten. Aber bereits auf den ersten Blick war ein Vertrauen zwischen ihnen, denn das Pärchen machte nicht den Eindruck, als ob es von Haustür zu Haustür unterwegs war, wie Vertreter oder Bettler, die um diese Zeit häufig anklopften.
Hilde war jedenfalls sehr gespannt, als der Mann mit schwäbischem Akzent Sie sind doch die Hilde, eine geborene Gutleben sagte er. Ja, antwortete Hilde. Wollen sie nicht hereinkommen? lud sie das Paar höflich ein. Denn plötzlich hatte sie eine Ahnung, wer da vor ihr stand und ihre Gedanken sprangen zurück in die Zeit kurz nach dem Krieg, kurz nach dem sogenannten Zusammenbruch.
Hilde war gerade sechzehn Jahre alt und ihr Heimatdorf war zuerst von amerikanischen und wenige Wochen später von französischen Soldaten besetzt worden. Sie war eines von fünf Kindern der Familie Gutleben, die sich in den Dreißiger und Vierzigerjahren, besonders während des Krieges, mehr schlecht als recht durchgeschlagen hatte.
Wenn wir nicht von den Großeltern unterstützt worden wären, die einen kleinen Bauernhof hatten, und mein Vater nicht hin und wieder eine Weihnachtskrippe oder einen Herrgott verkauft hätte, erzählte Hilde noch Jahre danach, dann wären wir wohl alle verhungert.
Trotz dieser schweren Zeit brachte der Vater von Hilde, den sie abgöttisch liebte, noch viel Humor auf. Mit dem Spruch Gutleben heißen und nichts zu fressen haben! sorgte er oft für Unterhaltung. Der Vater war Tischler, häufig arbeitslos, verfügte aber über ein großes Talent als Weihnachtskrippen- und Herrgottschnitzer, sodass seine Arbeiten von einigen nicht nur sehr geschätzt, sondern auch gekauft wurden, wenngleich damit nicht viel zu verdienen war.
Er hatte die Angewohnheit, wenn es die Temperaturen zuließen, bei offenem Fenster in der Parterrewohnung seinen Schnitzarbeiten nachzugehen. Und als sich nach Kriegsende die amerikanischen und französischen Soldaten im Dorf aufhielten, tauchten einige immer wieder bei seinem Fenster auf, um dem Vater bei der Schnitzarbeit zuzusehen.
Hilde erinnerte sich sogar an Schwarze, die sich im Tausch gegen Fleischdosen, Zucker, Mehl, Tabak und Kaugummis Holzfiguren als Souvenir für zuhause mitnahmen. Es war ein lukratives Geschäft, sodass die Familie zum ersten Mal seit langer Zeit keinen Hunger mehr zu leiden hatte.
Damals war außerhalb des Dorfes ein Barackenlager eingerichtet, in dem deutsche Soldaten kaserniert waren. Sechs- bis siebenhundert junge Uniformierte, die unter der Aufsicht der Alliierten standen. Die Insassen hatten die Möglichkeit, sich zu bestimmten Zeiten frei im Dorf aufzuhalten. Für ihre Verpflegung war die Gemeinde zuständig, aber da die Einwohner selbst nicht viel hatten, schaute die Ernährung für die Inhaftierten dementsprechend aus.
Hildes Vater brachte deshalb immer wieder einige von den Internierten mit nach Hause und lud sie zum Essen ein. Einer davon war Josef, an den sich Hilde jetzt wieder sehr gut erinnern konnte. An den jungen Mann vor so viel Jahren, der einige Male bei ihnen zu Tisch gesessen war.
Nun stellte Josef seine Frau Maria vor, mit der er seit vierzig Jahren verheiratet war, und begann vom guten Essen, das er jedes Mal beim Besuch bei Familie Gutleben bekommen hatte, zu erzählen. Einmal hätte es sogar einen Hasenbraten gegeben. Maria fiel ihrem Mann ins Wort und erzählte, dass er immer wieder von diesem vorzüglichen Braten erzählt hätte und dass er stets betone, sein ganzes Leben nur einige wenige Male so einen guten Hasen gegessen zu haben. Oft hätten sie sich vorgenommen, hierher zu kommen, um Hildes Eltern zu besuchen. Aber es hatte sich nie einrichten lassen. Erst heute. Sie hätten den Friedhof besucht und das Grab der Eltern ausfindig gemacht und von einer Friedhofsbesucherin Hildes Adresse erfahren.
Während sie sich bei einer kleinen Jause und Tee bestens unterhielten, verging die Zeit wie im Flug. Hilde erzählte lange von ihren Eltern, die schon seit Jahren tot waren, und was vor allem ihr Vater für ein herzensguter Mensch gewesen war. Auch seien nur noch sie und ihr jüngster Bruder am Leben, die anderen drei Geschwister seien
ebenfalls schon verstorben. Wie es eben im Leben so ist, sagte Hilde etwas traurig.
Und während sich Josef und Maria, als es draußen schon dunkel wurde, zum Gehen fertig machten, holte Josef aus der mitgebrachten Plastiktasche ein Stück Speck vom eigenen Hof im Schwarzwald hervor, den jetzt sein Sohn führte. Auch hatte er zwei Flaschen Rheinwein dabei und ein Kuvert mit Geld, für das Hilde eine Heilige Messe im Andenken an ihre Eltern lesen lassen sollte. Sie war von dieser Geste so gerührt, dass sie kurz mit ihren Tränen zu kämpfen hatte, während sie auf die großen abgearbeiteten Hände von Josef und Maria schaute.
Als sie sich voneinander verabschiedeten, vereinbarten sie, sich in wenigen Monaten spätestens aber im Frühjahr wieder zu treffen. Sie schmiedeten den Plan, ein paar Tage an jenem Ort zu bleiben, wo Josef vor so vielen Jahren kaserniert war. Hilde sagte sofort, dass Josef und Maria dann bei ihr wohnen müssten. Seit dem Tod ihres Mannes lebte sie alleine in dem Haus und es sei Platz genug für sie alle vorhanden.
Ihre Kinder waren schon vor langer Zeit weggezogen und lebten mit ihren Familien in der Stadt. Sie hätten sich für die Weihnachtsfeiertage angemeldet. Darauf freue sie sich sehr, so wie über den Besuch von Josef und Maria.
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eine ganz ganz schöne weihnachtsgeschichte, vor allem auch, weil sie wahr ist,. das bringt wärme ins herz! danke, lieber elias