Elias Schneitter
Mich stört die Wasserlacke
nicht!
Neues aus dem Beisl

Ältere Dame, etwas verwahrlost, sitzt allein etwas abseits an einem Tisch. Unter ihr ist eine große Pinkellache

Unterm Tisch da, da muss jemand was ausgeschüttet haben. Es ist eine richtige Wasserlacke…Nein nein, sie stört mich überhaupt nicht… Für mich ist das überhaupt kein Problem…Ich will es nur sagen. Das ist keine Beschwerde. Betrachten Sie das ja nicht als eine Beschwerde. Um Gottes willen… Nur das nicht…Ich mag keine Menschen, die sich andauernd beschweren. So ein Mensch bin ich nicht… Ich wollte es Ihnen nur sagen, damit Sie es wissen. Sie brauchen nicht sauber zu machen, wegen mir… Überhaupt nicht. 

Ich kenne Menschen, die würden durchdrehen, das Lokal verlassen, wutentbrannt, vielleicht noch etwas durch die Gegend werfen, das Personal beschimpfen, den Chef, die Chefin, die Kellnerin, die ganze Belegschaft würden sie zur Sau machen, nur wegen so einer Wasserlacke, die ja weiter nicht stört… Mich zumindest stört sie nicht…

Ich bin kein so negativer Mensch, der immer nur das Schlechte, das Negative, sieht, auf alles pessimistisch reagiert, sich überall aufregt, alles in Grund und Boden verdammt, nein nein zu diesen Menschen gehöre ich nicht… 

Wenn Sie wollen, dann kann ich das selber in Ordnung bringen… Geben Sie mir einen Putzlappen und einen Kübel, dann erledige ich das… Ich bin ein hilfsbereiter Mensch… Ich sehe ja wie viel Arbeit Sie haben…Es ist unglaublich, was Sie da leisten müssen… Das verstehe ich sehr gut, dass Sie sich nicht um so eine Kleinigkeit kümmern können…. Aber bringen Sie mir den Lappen, dann krieche ich unter den Tisch…. Ich mach das gern… 

Ich habe meine Mutter jahrelang gepflegt… Sie war bettlägerig, kam nicht mehr aus dem Bett heraus… Jahrelang…. Aber ich hab sie nicht in das Pflegeheim gegeben…Das hätte ich nicht übers Herz gebracht… Sie dort hinein zu geben… Ich hab für sie gekocht, sie gewaschen, sie gewickelt, alles, aber ich hab das gern gemacht… Ich bin so ein Mensch… 

Was ist da so ein kleine Wasserlacke unter einem Tisch… Das ist ja rein gar nichts… Ich bin mein ganzes Leben für andere da gewesen… Das war mein Lebensinhalt, anderen zu helfen…Sicher kommt man da nicht weiter im Leben… Denn wenn man im Leben weiterkommen will, dann braucht man den Ellbogen, ohne Ellbogen kommt man zu nichts im Leben, aber wem sage ich das… Ich sehe ja selbst, wie hart Sie hier Ihr Geld verdienen…

Alle wollen zugleich bedient werden, alle wollen zugleich bezahlen, dem einen passt der Kaffee nicht, dem anderen ist es zu laut… Wenn man so ein einfacher Mensch ist wie Sie und ich, dann kommt man im Leben zu nichts…Aber das hat nichts zur Sache…Ich hab mir immer gesagt, lieber habe ich nichts, lieber bin ich ein nichts, aber zumindest habe ich ein reines Gewissen…

Und ein reines Gewissen habe ich, denn andere Menschen habe ich nie ausgenützt, habe nie jemand etwas genommen, oder jemand anderen über den Tisch gezogen…Lieber habe ich mich über den Tisch ziehen lassen, bei Gott…nein, ein reines Gewissen kann man mit Geld nicht aufwiegen…Soviel Geld gibt es auf der Welt gar nicht, wie ein reines Gewissen wert ist….

Aber der Mensch in seiner Raffgier…Er kennt ja nur das Geld und das Geld und noch einmal das Geld…Aber zu diesen Menschen hab ich nie gehört, weil Geld nicht glücklich macht…Nein Geld macht nicht glücklich…Geld allein ist gar nichts…Geld ist genau so nichts wie diese Wasserlacke unter meinem Tisch…Nicht der Rede wert…Bedeutungslos…

Ja, geben Sie mir den Lappen, dann putze ich den Boden auf…Das mache ich gern…Ich habe immer gern gearbeitet…Mein ganzes Leben habe ich gern gearbeitet…Außerdem, diese Wasserlacke bedeutet ja keine Arbeit…Das ist ja nichts, nicht der Rede wert….Geben sie mir den Lappen….Ja, danke….Danke, danke, ich mach das schon. 

Ich mach das gern…Ich bin froh, wenn ich etwas zu tun habe…Außerdem ist das ja keine Arbeit…Wenn ich Ihnen sage, was ich in meinem Leben schon alles getan habe…Tagelang könnte ich erzählen….aber wer hat heutzutage schon noch Zeit….

Kein Mensch hat heutzutage noch Zeit zuzuhören….Sie haben ja auch keine Zeit…Wie auch…Lassen Sie mich nur machen… Ich mache das gern…. Lassen Sie mich nur machen…

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

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