Elias Schneitter
Mama
Gedicht
Für Niki Glattauer
Die letzten Monate vor ihrem Tod
hatte meine Mutter nur noch einen Wunsch.
Sie lebte im Altersheim
und ich besuchte sie regelmäßig.
Mit dem Rollator legten wir kurze Wege
im Hausgang zurück.
Auf und ab.
Immer wieder blieb sie stehen,
drehte den Kopf zu mir:
Du weißt, was mein sehnlichster Wunsch ist,
sagte sie mit schwacher Stimme.
Ja Mama, antwortete ich,
aber bitte mach es uns nicht so schwer.
Dann gingen wir weiter.
Bald wurde sie müde.
Sie setzte sich
auf eine Bank.
Bring mich bitte in die Schweiz
oder nach Holland, murmelte sie,
bitte.
Meine Mama wimmelte Besucher
aus ihrem Bekanntenkreis ab,
indem sie auf keine Fragen
mehr reagierte.
Sie blieb einfach stumm sitzen,
bis eines Tages niemand mehr bei ihr vorbeischaute,
außer meine Schwester und ich.
War ich bei ihr,
dann schickte sie mich
nach kurzer Zeit weg.
Du bist sicher müde. Du musst jetzt
nach Hause. Es wird bald dunkel.
Sie wollte allein sein.
Zum Abschied sagt sie,
Du weißt, was ich mir wünsche.
Das hat noch Zeit, sagte ich ausweichend.
Ich verabschiedete mich.
Während ich zum Auto ging,
dachte ich an die Schweiz und Holland.
Zirl, Oktober 2016
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