Elias Schneitter
In unserer Kindheit war der Krieg
noch sehr präsent.
Erinnerung

Der Zweite Weltkrieg war während meiner Kindheit in den 1960-er Jahren noch überall sehr gegenwärtig. Zuhause, in den Wirtshäusern, bei den Gesprächen. Erschreckenderweise wurde immer vom verlorenen Krieg gesprochen. 

Niemand in dieser Umgebung wäre auf die Idee gekommen, dass wir, dass unser Land befreit worden wäre. Nein, das war überhaupt kein Thema. Stattdessen wurde heftig darüber diskutiert und darüber gestritten, was zur Niederlage geführt hatte. Wenn der Krieg nur noch etwas länger gedauert hätte, bis die Wunderwaffe fertig entwickelt gewesen wäre, hieß es stets. Mit der Wunderwaffe war die Atombombe gemeint.

Die Schuld an der Niederlage wurde nicht Hitler zugeschrieben, sondern den Hitlern, Leuten in seinem Umkreis, die ihn nach Strich und Faden verraten hätten. Immer wieder fuhren die Männer unserer Straße nach Mittenwald oder Berchtesgaden oder nach Garmisch, wo es Kriegsveteranentreffen gab , von denen die Männer schwer betrunken zurück kamen.

Zirl war in den 1930-er Jahren eine Gemeinde mit ca. 3.000 Einwohnern. Von diesen blieben 124 im Krieg. Es gab kaum eine Familie, die nicht einen Menschen durch den Krieg verloren hatte. Trotzdem konnte das niemanden in unserer Straße davon abbringen, vom verlorenen Krieg und wenn es den Hitler noch geben würde oder unter dem Hitler hätte es das nicht gegeben zu sprechen. 

Natürlich hatte das auch mit Selbstschutz zu tun gehabt, denn wie sonst hätte man so eine Bürde, ein derartiges Schicksal ertragen können, ohne verrückt zu werden. Die Therapie bestand darin, dass sich alle in die Arbeit und in  Alkohol stürzten, um abgelenkt zu werden. Und gearbeitet und getrunken wurde damals von den Menschen in unserer Straße sehr viel. 

Neben der 48-Stunden-Arbeits-Woche, schufteten und rackerten alle in der Freizeit, an den Wochenenden, wobei die Devise für diese Schufterei lautete: unsere Kinder sollen es einmal besser haben. 

Den meisten Erwachsenen in der Straße wurde ihre Jugend mit unvorstellbarer Brutalität zerstört, da konnten sie noch so oft vom verlorenen Krieg reden und Veteranentreffen besuchen und von der Kameradschaft im Krieg schwärmen. In ihrem Innern wussten sie, was ihnen angetan worden war, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollten und konnten. Sie waren hilflose Opfer, die ihrer Zeit ausgeliefert waren, keine Chance besaßen, außer alles unter viel Arbeit und mit viel Alkohol zu verdrängen.

Auch meine arme Großmutter konnte jedesmal ganz außer sich geraten, wenn das Judenthema im Fernsehen auch nur angedeutet wurde. Man sollte endlich einen Schlussstrich ziehen, sagte sie dann.

Ich weiß in unserem Dorf von keinem Juden, der hier gelebt hätte und deportiert worden wäre. Trotzdem steckte das unvorstellbare Unrecht, das diesen Menschen angetan worden war, tief in ihr, aber sie wollte davon nichts hören. Sie hätten davon nichts gewusst, sagte sie stets, und was hätten sie tun sollen, wenn sie etwas gewusst hätten. 

In ihrer Hilflosigkeit flüchtete sie sich in ganz abstruse, finstere Anschuldigungen an die Alliierten und sagte allen Ernstes: Warum haben die Amerikaner und die Engländer die Juden nicht alle aufgenommen, wenn sie ihnen so sehr am Herzen gelegen sind? Außerdem gäbe es immer und überall Unfrieden, wo die Juden lebten. 

Ja, in solche Aussagen flüchtete man sich damals, um sich irgendwie zu rechtfertigen, um damit irgendwie fertig zu werden.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. c. h. huber

    ich kenne das natürlich auch aus meiner kindheit und jugend in innsbruck

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