Elias Schneitter
Geheimtipps und Massenveranstaltungen
Notizen

Noch stecken wir mitten in der Urlaubszeit und immer wieder hören und lesen wir von einigen hotspots, zu denen die Massen strömen, und von overtourism. In Venedig zum Beispiel wird inzwischen Eintritt verlangt und in Südtirol heute gabs neulich einen Bericht, wo zu einem Aussichtsplatz mitten in der Landschaft ein Drehkreuz installiert wurde und ein Obulus eingehoben wird.

Interessanterweise lese und sehe ich in einschlägigen Medien regelmäßig auch Beiträge, in denen über Urlaubsziele berichtet wird, die als Geheimtipps, abseits der Tourismuspfade, angepriesen werden. Da muss ich immer schmunzeln. Das kommt mir so ähnlich vor, wie die ORF-Sendung Die schönsten Orte in Österreich. Neun Schätze – neun Plätze, die dann regelmäßig einen Ansturm von Selfie-Touristen auslöst, weil man auch dort gewesen sein will und Bilder ins Netz stellen kann.

Gut erinnere ich mich noch an frühere Jahre, wenn von Urlaubsreisen erzählt wurde. Da wurde gern vom wunderbar sauberen Meer, einsamen Buchten und Sandstränden gesprochen, und wenn man dann die Fotos zu sehen bekam, schaute das Ganze meist doch etwas anders aus.

Oft habe ich den Eindruck, dass wir von einem romantischen Idealbild geleitet werden, das wir uns von der Realität nicht zerstören lassen wollen. Die Frage, ob dem so ist, habe ich mir auch schon öfters gestellt, wenn ich zusammen mit Tausenden anderen in solchen hotspots unterwegs war, in den Uffizien in Florenz, am Strand von Riccione, beim Sonnenuntergang in Capri, im Louvre Paris, oder am Markusplatz in Venedig. Oder wo auch immer.

Warum treibt es mich hierher? Es ist anstrengend und sicher kein Genuss. Inzwischen meide ich solche Plätze.

Neulich ist im Tivoli die glorreiche Mannschaft von Real Madrid gegen die Burschen vom WSG Tirol angetreten. Wie ich mitbekommen habe, war das Stadion innerhalb von 40 Minuten ausverkauft, fünfzehntausend Besucher, wobei für die günstigste Karte 70 Euro hingelegt werden mussten. Am Schwarzmarkt sollen angeblich bis zu 500 Euro bezahlt worden sein. Nun gehöre auch ich zu den Fußballfans, aber diesen Massenauflauf hätte ich mir nicht einmal gegeben, wenn ich eine Eintrittskarte gratis bekommen hätte. Abgesehen davon, dass ich gar nicht in der Lage gewesen wäre, digital so schnell zu sein, um an ein Ticket heranzukommen.

Beim Fußball gehöre ich noch zur alten Garde von Fans, die sich eine Eintrittskarte beim Eingang besorgen, sich auf ein Treffen mit alten Bekannten und auf ein Bier mit einem Burenhäutl freuen. Das alles gibt es ja in den großen Stadien nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei. Sie gibt es höchstens noch bei unterklassigen Vereinen, in meinem Fall beim Wiener Sportclub, oder beim Gersthofer SV oder bei Viktoria Wien. Aber das genügt mir inzwischen, ebenso ein ruhiger Urlaub an einem nicht überlaufenen Ort. Wo das ist, verrate ich nicht, auch wenn das ohnehin niemand interessiert.


Gipfeltreffen

Wenn man den Empfang in Anchorage im TV gesehen hat, stellt sich mir unweigerlich die Frage, in welcher Welt leben wir eigentlich? Ein blutrünstiger Massenmörder wird mit rotem Teppich empfangen. Ein Despot, der zehntausende junge Leute in den Tod schickt und dazu lapidar meint: Jeder muss einmal sterben. Und 80 % der Russen stehen hinter ihm und auch bei uns im Westen stehen viele auf der Seite dieses Mannes, der an langen Tischen sitzt, weil er Angst vor einer Ansteckung mit einem Virus hat.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

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