Elias Schneitter
Geheimtipp Thüringen
Notizen
Unlängst hatte ich die Möglichkeit, einen kurzen Urlaub in Thüringen zu machen. Von dieser Gegend, wie überhaupt vom Osten Deutschlands, hatte ich natürlich einen westlich geprägten Blick. Und darum war ich sehr gespannt, was mich dort erwarten würde.
Wir waren mit den Schwiegereltern meiner Tochter unterwegs, die dort in der ehemaligen DDR gelebt hatten und aus wirtschaftlichen Gründen in den Westen, nach Bayern, übersiedelt waren. Untergebracht waren wir in einem kleinen Hotel mitten im Thüringer Wald, in Brotterode-Trusetal, nicht weit von Eisenach.
Das kleine Hotel wird von einer Aussteiger-Gruppe geführt, mit möglichst viel Selbstversorgung, die Zimmer ganz einfach gehalten, Siebzigerjahre-Stil, ohne Fernseher, ohne Telefonempfang, sauber und gepflegt und die Mitarbeiterinnen erinnerten mich mit ihrer Kleidung etwas an die Amischen.

Lutherhaus in Eisenach
Unsere Bekannten zeigten uns ihre ehemaligen Wohnstätten in der Kurstadt Bad Tabarz. Dort lebten sie in einem sehr noblen Wohnhaus in einer idyllischen Villengegend, vergleichbar mit dem Innsbrucker Stadtteil Saggen, die sie einige Jahre nach der Wende verlassen hatten. Sie wollten ihrem einzigen Kind, ihrem Sohn, eine bessere wirtschaftliche Zukunft bieten. Sie verließen ihre Heimat ebenso wie dreitausend von den siebentausend Tabarzern. In der Nachbargemeinde Waltershausen waren von den zwanzig Tausend Einwohnern gleich die Hälfte abgewandert.
Nach der Wende wurden in dieser Gegend Fabriken und Betriebe der Reihe nach geschlossen. Es gab kaum Arbeit. Es blieb nicht viel anderes übrig als abzuhauen, was sicher nicht einfach war. In der neuen Heimat angekommen bekamen sie von den Westlern laufend zu hören, was die Vereinigung gekostet hat und immer noch kostet. Dabei erhielten sie gerade einmal 100 Mark Begrüßungsgeld. Damit haben unsere Bekannten für ihren Sohn ein Paar neue Stiefel gekauft. Aber im Westen ist es ihnen gelungen durch Fleiß und Tüchtigkeit einen Wohlstand aufzubauen, der im Osten nicht möglich gewesen wäre.
Heute bekommen die Migranten alles bezahlt, von der Wohnung, Verpflegung, sogar die Kosten für den Führerschein werden übernommen und bei den Kassenleistungen werden sie auch noch bevorzugt, weil sie keine Selbstbehalte übernehmen müssen. Wo soll das hinführen? Da ist es kein Wunder, dass die Menschen aus dem Osten unzufrieden sind und so wählen, wie sie wählen.
Erstaunt und beeindruckt war ich, abgesehen von der herrlichen Landschaft im Thüringer Wald, vor allem – trotz vielem Leerstand – von den Wohngegenden, alles renoviert, bunt, selbst die Plattenbauten, und vor allem die wunderbare historische Architektur in Eisenach, der Lutherstadt mit der Wartburg, wo übrigens auch Johann Sebastian Bach zur Welt gekommen und aufgewachsen ist.
In unserem Waldhotel wurden wir von den freundlichen Frauen bestens versorgt. Die Tage waren dort ein wahrer Genuss.Auch genehmigten wir uns so manche Thüringer Bratwurst, ein wahres Gedicht und Limonaden aus der Umgebung, die es auch schon zu DDR-Zeiten gegeben hat. Alles war damals auch nicht schlecht.

Das Geburtshaus von Johann Sebastian Bach
Natürlich unterhielten wir uns auch über das Leben in der ehemaligen DDR und über die Machenschaften der Stasi, die sie immer wieder zu spüren bekamen.
In unseren jungen Jahren, in den Siebzigern, da gab es eine Aufbruchstimmung. Wir wollten in die Welt hinaus. Wir schauten ja alle Westfernsehen. Dann kam Gorbatschow, die Perestroika und die Hoffnung, obwohl wir nie bei den Montagsdemonstrationen dabei waren. Das war nicht unser Zugang. Mit der Wende, da ging einfach alles viel zu schnell. Vielleicht wäre eine langsamere Annäherung beider Staaten besser gewesen. Heute könnten sich unsere Bekannten ein Leben in ihrer alten Heimat nicht mehr vorstellen. Da kann man nichts verdienen und keinen Wohlstand aufbauen.
Jedenfalls ist Thüringen für Urlauber, Wanderer, Sportler, Radfahrer, auch Wintersportler und mit einem tollen Kulturangebot ein Geheimtipp und alles andere als überlaufen. Spannend die politische Zukunft, wobei sich aus meiner Einschätzung der eingeschlagene Weg als Irrweg herausstellen wird.
Fotorechte: Elias Schneitter
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