Elias Schneitter
Ein gelungenes Sommerfest
Notizen

Wenn man sich, so wie ich, schon seit Jahren in Pension befindet, dann hat das Auswirkungen auf das persönliche Umfeld. Man trifft sich vorwiegend mit anderen Pensionisten und älteren Menschen. Eben die Pensionisten-Blase mit ihren Themen und Beschwerden!

Kürzlich hatte ich das große Vergnügen einmal ein verlängertes Wochenende dieser Blase zu entkommen. Bei der Hochzeit meiner Tochter. Getraut und gefeiert wurde in einem Luxushotel in einem Tiroler Seitental. Wir waren eine eher kleine Runde, ich weitaus der Älteste und mit meiner Begleitung waren wir die einzigen Rentner. Das Elternpaar des Ehemannes stand in den Fünfzigern, der Rest alles junge Leute in ihren Dreißigern.

Das Spannende war für mich dabei, dass ich die Hälfte der Beteiligten zum ersten Mal traf. Sie kamen aus Oberbayern, die Brauteltern verfügten sogar noch über ostdeutschen Hintergrund.

Durch das gemeinsame Essen, die Zeiten am Pool und abends an der Bar, die Feierlichkeit selbst, alles bei herrlichstem Sommerwetter, hatten wir alle viel Zeit uns näher kennenzulernen.

Alle standen, wie es so schön heißt, mitten im Leben, alle hatten genaue Pläne für ihr Leben und ihre Zukunft. M., ein Urbayer und von Beruf Schreiner, ist gerade dabei einen alten Bauernhof zu revitalisieren, mit einer eigenen Werkstätte, und zusammen mit seiner Freundin will er auf diesem Anwesen auch ein kleines Café und ein paar Fremdenzimmer installieren.

Die Freundin selbst betreibt gerade noch mit der Mutter ein Gasthaus in Pacht, ihre Erzählungen über ihre drei Stammtischrunden hatten viel Esprit und man merkte ihr an, wie sehr ihr dieses Geschäft am Herzen lag. Ganz nebenbei zeigte uns der sonst eher verschlossene Urbayer am Handy einige seiner kunstvollen Drechslerarbeiten und auch ein selbst gebautes Kanu aus Eschenholz, mit dem er und seine Freundin unterwegs sind.

Die Brauteltern kamen in ihrer Jugend aus der ehemaligen DDR, weil sie dort wirtschaftlich keine Perspektive sahen. Aber natürlich pflegen sie noch Beziehungen in ihre alte Heimat, wo, wie sie meinten, auch nicht alles schlecht gewesen war, und dass in der AfD nicht nur Nazis wären. Wir hatten ein einfaches Leben dort. Bananen hat es keine gegeben, halt nur Obst und Gemüse je nach Jahreszeit.

Als sie in den Westen wechselten, freuten sie sich über das große Warenangebot, aber vom gespritzten Obst fing die Frau gleich eine heftige Allergie ein. Am meisten geschockt war das Paar damals von den vielen Migranten. Das waren wir nicht gewohnt und damit haben wir heute noch unsere Probleme.

Inzwischen ist sie Geschäftsführerin einer großen Reinigungsfirma und ihr Mann, einst Elektriker, hat sich zum Physiotherapeuten umschulen lassen und kommt mit seinen bayrischen Kundschaften bestens zurande.

Der Bräutigam und sein Trauzeuge haben beide mit fünfzehn eine Kochlehre in einem Tegernseer Nobelrestaurant absolviert und abgeschlossen. Eine harte Ausbildung, noch nach alter Schule. Der Bräutigam führt inzwischen eine Cateringfirma, der Trauzeuge ist Koch in einem Pflegeheim. Die Freundin des Trauzeugen arbeitet ebenfalls in der Gastro. In einem Großbetrieb, in dem sie sechzig Mini-Jobber beschäftigen. Wenn die neue Rentenreform kommt, dann wird es schwierig. Das war einer der wenigen politischen Kommentare in diesen Tagen, was sehr sehr angenehm war. 

Vor allem nämlich erzählten alle Beteiligten von ihren Berufserfahrungen und ihrem Alltag. Richtig erfrischend für einen Oldie, der die Themen und Gespräche von Pensionistenrunden sehr gut kennt. Jedenfalls die üblichen Jammereien und Zukunftsängste waren an diesen Tagen kein Thema, und es war sehr wohltuend in diese optimistische Welt wieder einmal einzutauchen.

Abgerundet wurde das ganze Wochenende von dem Aufenthalt in diesem Fünfsternehotel in einem Tiroler Seitental. Unglaublich, was da geboten wurde, von den Zimmern angefangen, über die Küche, das Personal bis hin zu den vielen kleinen Ideen und einer großen Professionalität.

Wenn man zwischendurch so etwas erleben darf, ist man vorübergehend einmal weit weg vom täglich herauf beschworenen Untergang des Abendlandes. So eine Erfahrung tut einfach gut.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

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