Elias Schneitter
Ein bisschen schwierig
Short Story

Wenn Brigitte in Beziehungen steckte, dann waren sie immer kompliziert. Sie schien solche Verbindungen magnetisch anzuziehen. Meist waren ihre Männer verheiratet, lebten in kaputten Ehen, waren aber dennoch nicht bereit, diese aufzugeben, sodass sie dann alles aufgrund von Hoffnungslosigkeit, wie sie sagte, wieder aufgab.

Es war aber auch nicht so, dass sie stets die Opferrolle innehatte. Sie konnte auch austeilen. Alle ihre neuen Bekanntschaften ließ Brigitte wissen, dass sie Männer in der Regel unglücklich mache. Außerdem sei sie ein Freigeist, eine Beziehung auf Dauer sei mit ihr kaum möglich.

Brigitte war gemeinsam mit vier Geschwistern in katastrophalen familiären Verhältnissen aufgewachsen. Bei den fünf Kindern war der Vater überzeugt, dass zumindest drei nicht von ihm stammten. Schließlich verließ er die Familie. Manchmal vermutete Brigitte, dass in ihrer desaströsen Kindheit eine Ursache für ihr Beziehungsschlamassel liegen müsse.

Als Brigitte an die Universität kam, verliebte sie sich in einen Salzburger Studenten und bekam bald darauf ein Kind. Ihr Freund nahm seine Vaterschaft eher locker. Nach zwei Jahren trennte sie sich von ihm, da er nebenher immer irgendwelche Verhältnisse unterhielt.

Dennoch blieben Brigitte und der Vater ihres Kindes bis zum heutigen Tag in Verbindung. Er lebte nicht mehr in Innsbruck und war bereits das zweite Mal verheiratet. Wenn er in Innsbruck etwas zu erledigen hatte, kam er meist auf Besuch. Er besaß sogar einen Wohnungsschlüssel, sodass er bei ihr aus und eingehen konnte, wie er wollte.

Einmal hatte Brigitte eine längere Beziehung und dieser Mann wollte Brigitte auch heiraten. Kurz vorher aber, als das Aufgebot schon bestellt und auch eine gemeinsame Wohnung gemietet war, zog Brigitte die Reißleine und ließ die Hochzeit platzen. Daraufhin meldete er sich lange Zeit nicht mehr bei ihr.

Irgendwann hatten Brigitte und er wieder ein herzliches Verhältnis zueinander. Zu den meisten ihrer ehemaligen Bekannten pflegte Brigitte auch nach den Trennungen weiterhin lose Kontakte. So nahm Brigitte am familiären Leben ihres Kindsvaters regen Anteil, kam zu Familienfesten, wusste über alles Bescheid.

So wie Brigitte keine feste Bindung eingehen konnte oder wollte, so konnte sie auch keine Bindung ganz beenden. Stets blieb sie in Kontakt zu ihren ehemaligen Männern, telefonierte mit ihnen, ging mit ihnen ins Kino oder auf Schi- und Bergtouren.

Einer ihrer aktuellen Freunde war Fabian, den es ziemlich erwischt hatte. Er war heftig in sie verliebt. Eine Zeitlang gefiel ihr sein Verliebtsein, aber sehr bald fühlte sie sich eingeengt. Brigitte ließ ihn das wissen. Ich bin ein Freigeist, ich mache Männer nur unglücklich. Es traf ihn hart, als Brigitte ihm sagte, sie wolle nur eine Freundschaft mit ihm.

Anfangs wollte er das nicht wahrhaben. Sie gingen weiterhin zusammen ins Kaffeehaus, ins Theater, nur in ihre Wohnung lud sie ihn nicht mehr ein. Einmal besuchten sie gemeinsam ein Konzert und nachher eröffnete sie ihm, dass sie in zwei Tagen nach Patagonien fliegen werde. Das war eine Überraschung für ihn, weil sie davon nie etwas erwähnt hatte.

Als Brigitte bereits eine Woche weg war, traf Fabian einen Freund im Kaffeehaus und dieser erwähnte so nebenbei, dass Brigitte jetzt einen neuen Freund habe, der äußerst komisch sei. Fabian überging die Bemerkung.

Während der drei Wochen im Ausland meldete sich Brigitte nie bei Fabian. Kaum war sie aber zurück, rief sie ihn an. Sie vereinbarten eine kleine Bergtour. Während des Fußmarsches läutete immer wieder das Handy. Sie ließ sich zurückfallen, um ihre Telefonate zu erledigen.

Fabian dachte an den Bekannten im Kaffeehaus. Auf der kleinen Schutzhütte bei Kaspressknödeln begann sie von ihrem neuen Freund zu erzählen. Sie trafen sich seit einiger Zeit, es wäre sehr kompliziert. Er sei verheiratet, sei jedoch ausgezogen, unterhalte aber noch eine weitere Beziehung nebenher.

Einmal wäre er am folgenden Tag mit der anderen nach Italien gefahren, obwohl er ihr am Vortag noch die große Liebe geschworen hatte. Nach dieser Episode hätten sie drei Wochen keinen Kontakt mehr gehabt. Er rief zwar einige Male an, sie ließ das Handy aber klingeln. Danach trafen sie sich wieder.

Der Reise nach Patagonien mit ihm hätte sie nur zugestimmt, um zu sehen, wie es ist, wenn sie dauernd zusammen sein würden. Dort habe sie aber mitbekommen, wie er heimlich SMS schrieb und E-Mails verschickte. An die Andere. Zurzeit würden sie viel miteinander reden, aber sie wisse nicht, wie es weitergehe.

Fabian hörte ihren Ausführungen zu. Er zahlte die Getränke und die Kapressknödel und sie kehrten ins Tal zurück. Dort verabschiedeten sie sich voneinander. Sie drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Helmut Schiestl

    Dem schließe ich mich gerne an! Sehr gut getroffen! Das kenne ich von mir auch!

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