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Elias Schneitter
Die Welt als Telefonzelle
Notizen

Mehr oder weniger hat man sich damit abgefunden, dass immer und überall mit den Handys telefoniert wird. Dabei ist es für mich auffallend, dass die Benützer der Geräte dabei gerne auch noch ihre Lautstärke erhöhen. Besonders in der Straßenbahn, oder im Zug oder auch im Warteraum eines Krankenhauses habe ich das beobachtet.

Bin ich in Wien mit der Straßenbahn unterwegs, dann habe ich oft den Eindruck, mich in einer öffentlichen Telefonzentrale zu befinden.

Oder im Zug: Vor wenigen Tagen bin ich mit der Westbahn vom Westbahnhof (viel sympathischer als der Hauptbahnhof) nach Innsbruck gegondelt. Am Tisch auf der anderen Gangseite ließ sich eine junge Dame nieder, setzte ihre Kopfhörer auf, brachte ihr Tablet in Stellung und führte bis nach Linz ununterbrochen Gespräche mit einigen ihrer Klienten. Ich tippe, dass sie beruflich als Lebensberaterin unterwegs war. Zudem machte sie das in einer Lautstärke, als ob sie der drahtlosen Übertragungskunst nicht ganz trauen würde. Oder dass sie von ihrer Wichtigkeit als Person so eingenommen war, dass sie das auch noch besonders betonen musste. Ich versuchte zwar mit einem Handzeichen sie etwas herunterzubeamen, aber ich erntete nur einen verständnislosen Blick.

Ein andermal saß mir eine freundliche Dame mit Kleinkind gegenüber, und wie der Teufel es haben wollte, musste sie an einem Zoom Meeting (ganz wichtig!) teilnehmen. Sie hatte zwar nicht die Lautstärke der Dame von vorhin, nur ihr ca. zweijähriger Sohn turnte schlussendlich auch noch auf mir herum, weil ihm langweilig war. Dafür erntete ich für meine Unterstützung immerhin ein freundliches Lächeln.

Wieder ein andermal saß eine Künstlerin in meinem Umfeld und besprach von Salzburg bis Wien mit einem Musikerkollegen eine Partitur für eine Aufführung. Ganz großartig für mich! So kam ich zu einem Konzert ohne Eintrittskarte, denn zwischendurch sang sie auch ein paar Passagen.

Vor ein paar Tagen musste ich ins Krankenhaus wegen einer Untersuchung. Arzttermine sind ja nicht unbedingt das Begehrenswerteste, das man sich vorstellen kann. Aber im Warteraum war es sehr kurzweilig. Ein älterer Herr rief seine gesamte Verwandtschaft an, um dieser mitzuteilen, dass er im Krankenhaus sei. Warte auf Röngten, muss machen Bilder, schauen ob habe Wasser in Lunge.

Eine andere Wartende informierte ihre Tochter, dass sie noch immer nicht dran war, ein Wahnsinn diese ewige Warterei und dass sie es bis zum Mittagessen nicht schaffe. Es werde noch länger dauern.

Bei all diesen Erlebnissen muss ich stets unweigerlich an die Zeit denken, als es noch Telefonhäuschen gab, oder dass man vielleicht einmal auf die Idee käme, handyfreie Zonen einzurichten. Von selbst kommt ein Großteil der Mitbürger ja offenbar nicht auf die Idee, an Plätzen zu telefonieren, wo andere nicht gestört werden. 

Das ist wohl zuviel verlangt für eine hochtechnisierte und hochrationalisierte Gesellschaft! Also vergessen wir das einfach gleich wieder und telefonieren wir alle mit unseren Handys, was nur und wo immer es nur geht.

 

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Elias Schneitter

Elias Schneitter, geb. 1953, lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Fußball ist auch bei Regen schön“ (Edition BAES), der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Wie geht’s“ in der Stadtlichter Presse, Hamburg. Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), wo ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) in Hall.

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