Elias Schneitter
Die seltsame Welt der Literatur
Notizen

In einem meiner letzten Beiträge für den schoepfblog habe ich in ironischer Weise einen alten Bekannten zitiert, der die provokante Behauptung aufgestellt hat, dass die österreichische Gegenwartsliteratur deshalb so miserabel sei, weil junge Autoren und Autorinnen viel zu sehr von der öffentlichen Hand gefördert würden. Alle erhalten Stipendien und Preise und Unterstützung und dadurch glauben die meisten, zu großen Autoren berufen zu sein. Es fehle ihnen die Auseinandersetzung, so mein Bekannter, mit dem realen Leben und dadurch komme auch diese gängige, unlesbare Weicheierliteratur zustande.

Kürzlich kam eine Meldung aus dem Kunstministerium, dass es bei den Literaturförderungen Kürzungen geben werde. Wegen der Sparmaßnahmen der Bundesregierung. Daraufhin hat mich, bezugnehmend auf meinen Artikel, Helmuth Schönauer angerufen und mir fröhlich mitgeteilt, dass es jetzt endlich wieder mit der österreichischen Literatur aufwärts gehe, weil die Hilfen gekürzt würden.

Inzwischen hat das Ministerium einen Rückzieher gemacht und die ursprüngliche Einschränkung zurückgenommen. Es bleibt also alles beim Alten. Zum Schaden der Literatur in Österreich, wie mein Bekannter wohl meinen würde.

Gerne lese ich immer wieder Künstlerbiografien aus früheren Zeiten. Vorwiegend von US-amerikanischen, aber auch von russischen Autoren. Dabei gibt es einen interessanten Unterschied zwischen diesen Leuten und der heutigen Generation in Österreich. Früher haben sich fast alle Dichter in ihren Anfängen mit allen möglichen Berufen durchgeschlagen, um sich materiell über Wasser zu halten: ob als Hilfsarbeiter am Bau oder mit anderen Drecksjobs, natürlich immer mit dem Blick auf ihre literarische Karriere und ihre große Zukunft. Diese Lebensabschnitte haben den Künstlern Zugang zur Realität verschafft, den sie zumeist nie missen wollten.

Wenn man die Biografien heutiger Autoren liest, fällt auf, dass hier vor allem lange Listen von Stipendien und Preisen und Auslandsaufenthalten als poets in residence aufscheinen.

Als ich in jungen Jahren ebenfalls Ambitionen entwickelte, mich als Schriftsteller zu etablieren, hielt meine Mutter sehr wenig davon. Für einen Brotberuf ist das nichts, meinte sie. 

Auch meine wohlmeinende Großmutter warnte mich vor einem solchen Schritt. Sie sah das ganz pragmatisch, indem sie zu mir sagte: Heutzutage schreiben alle Schauspieler und Schauspielerinnen aus der Film- und Fernsehwelt Autobiografien und was weiß der Teufel noch alles. Da ist für dich ganz sicher kein Platz, denn gegen die kommst du nie und nimmer an, weil sie die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen.


Der Dichter

Ein seltsamer Mensch, der sein Lebtag
der Gesellschaft aus dem Weg ging
und all die Jahre
nur eines im Kopf hatte:
Ganz große Dichtkunst zu schaffen.

Er schraubte seine Ansprüche
jedoch so hoch hinauf,
dass es nie zur Niederschrift
auch nur einer einzigen Zeile gekommen ist.
Jede Formulierung,
jeder Gedanke,
schien ihm zu bedeutungslos,
zu lächerlich,
um festgehalten zu werden.

So schrieb er während seines ganzen Lebens
kein einziges Wort 
und verstarb überraschend
an einem Herzanfall.

Er hatte jedoch ein Testament verfasst,
in dem es hieß,
dass nach seinem Tod
keine einzige Zeile seines Werkes publiziert
oder zu Forschungszwecken verwendet werden dürfe.

Er verlangte, dass alles
ungelesen vernichtet werden müsse.

Der Nachlassverwalter stutzte,
denn seine Nachforschungen ergaben,
dass nichts aufzufinden war,
und niemand aus seinem Umfeld
je davon gehört hatte,
dass der Verstorbene ein Dichter gewesen wäre.

Ein seltsamer Mensch,
dachte sich der Nachlassverwalter
und versah das Vermächtnis
mit einem Stempel und seiner Unterschrift.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

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