Elias Schneitter
Die preiswürdige Literatur
des Norbert Gstrein
Notizen

Das neue Buch von Norbert Gstrein Im ersten Licht ist ein Meisterwerk. Es erfüllt so ziemlich alle akademischen und germanistischen Anforderungen im Bereich der belletristischen Literatur, um dann auch medial entsprechend besprochen und mit Preisen gewürdigt zu werden.

Angelegt ist der Roman als Jahrhundertwerk, die Struktur ist klar unterteilt in vier Kapitel. Hauptfigur ist Adrian Reiter, geboren 1901, der in der Salzburger Seenlandschaft als Hotelmitarbeiter mit den Gräueln und den Krüppeln des Ersten Weltkrieges konfrontiert wird. Er selbst ist Sohn eines sozialdemokratischen Postangestellten, der ihm mit einer Axt das Bein so schwer verletzte, dass er nicht in den Krieg musste. So hinkt Reiter mit seiner Behinderung, was man auch im übertragenen Sinn sehen kann, durch sein langes Leben bis herauf in die 1980-er-Jahre.

Im ersten Teil, in der Villa Eller, die ehemalige Sommerresidenz einer Wiener Kaufmannsfamilie, sind schwer Kriegsversehrte untergebracht, mit Gesichtern wie mit einem Stacheldraht in der Fresse.

Mit Unterstützung von Frau Eller, die englische Wurzeln hat, deren Sohn angeblich in Lemberg gefallen war, aber bis zu seinem Selbstmord mit verunstaltetem Gesicht in der Villa versteckt lebt, kann Reiter ein Studium an der Uni absolvieren. 

Er wird Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte, begeistert sich für die Kavallerie im Ersten Weltkrieg und findet im Schüler Baumgartner einen begeisterten Abnehmer. Dieser zieht in den Zweiten Wektkrieg und berichtet später Reiter von Erschießungen, worauf dieser aber nicht reagiert. Interessant bei der Figur Baumgartner ist, – und das ist auch eine der vielen speziell ausgeklügelten Hintergründe des Romans – dass Baumgartner genau an all jenen Kriegseinsätzen und Kriegsschauplätzen anwesend war wie auch der spätere österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim.

Nach dem Krieg, im dritten Teil, wechselt der Roman nach England, in die Dawns. Dort lernt Reiter eine eigenartige Dame kennen und lieben, deren älterer Bruder als Deserteur von der englischen Armee in Flandern erschossen wurde.

Im letzten und vierten Teil des Buches tritt dann der Autor Norbert Gstrein selbst bei einer Lesung auf, wo ihn Reiter anspricht und ihn fragt, ob ihn die Geschichte des Martin Baumgartner interessieren würde. Sie vereinbaren ein Treffen, aber dazu kommt es nicht.

Gstrein versteht es großartig, sehr gefinkelt, raffiniert und genau strukturiert seinen Text aufzubereiten. Die Figuren, die Handlung, der Ablauf sind perfekt komponiert und konstruiert und entworfen wie auf einem Reißbrett oder in einem Setzkasten. Pferde spielen eine wichtige Rolle in dem Buch, und ich hatte oft den Eindruck, Gstrein geht als strenger Dressurreiter mit Reitgerte an die Arbeit.

Er verwendet jenen ausgefeilten Stil, den er schon in seinen früheren Werken verwendet. Es ist die Methode der Vernebelung, wo Aussagen relativiert, ins Ungewisse, in Frage gestellt werden und nicht klar und plastisch erscheinen sollen. Häufig werden Vergleiche verwendet, Wendungen, wie wenn oder als ob etc.

Als Titel des Buches hätte ich mir Im fahlen Licht, statt Im ersten Licht genauso gut vorstellen können.

Ein Rezensent hat das Buch als einen pageturner gelobt. Das stimmt. Man liest das Buch ziemlich rasch, überfliegt Passagen, der Autor flaniert und schwadroniert häufig drauflos und wenn man als Leser zwischendurch einmal innehält und genauer in die Sätze hineinliest, da entdeckt man nicht wenig an Ballast- und Füllstoffen. 

Was die Schreibarbeit von Norbert Gstrein betrifft, merkt man in jeder Zeile die große Schreibfreude, den Spaß, auch eine leise Ironie bei seiner Arbeitsweise.

Neue Erkenntnisse über die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts erfährt man in diesem Buch jedoch keine, Gstrein erzählt geschichtlich allgemein Bekanntes auf seine Art.

Besonders im ersten Teil, wo es um das Wiener Großbürgertum und die Monarchie geht, kommt einem sofort Joseph Roth in den Sinn, besonders der Radetzkymarsch. Der Unterschied zwischen Roth und Gstrein liegt vor allem in der komplett diametralen Stimmungslage der beiden Bücher. Roths Roman ist geprägt von Schwermut, Wehmut und Traurigkeit, die den Leser einnimmt, bei Gstrein ist es die intellektuelle Abhandlung von Katastrophen, bei Roth ist es das Herz, die Seele, bei Gstrein der Kopf, der Intellekt.

Zufällig habe ich einen Beitrag im Fernsehen über die Preisverleihung der Leipziger Buchmesse gesehen. Norbert Gstrein war auf der Shortliste und ich war überzeugt, dass er die Anerkennung zugesprochen bekommt. Kurz war auch der Autor eingeblendet und ich glaubte eine große Enttäuschung in seinen Gesichtszügen zu entdecken. 

Für sein Buch hätte er ohne Zweifel den Preis verdient, denn Norbert gehört zu jenen deutschsprachigen Autoren, die gewollt oder ungewollt sehr genau den Kriterien und Erwartungen der heute bestimmenden Literaturpreisjurys entsprechen.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

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