Elias Schneitter
Die Blaue meines Onkels
Erinnerung

Bei meiner Großmutter lebte noch ihr Sohn Albert, der ein Zimmer im oberen Stock hatte. Immer wenn ich zu Oma kam, dann jammerte sie über ihn, weil er wieder einmal nicht zum Mittagessen nach Hause gekommen war.  Ich hab für ihn gekocht, aber er kommt nicht heim. Auf dem alten Elin-Herd in der kleinen Küche oder auf dem Bauernofen stand ein Topf mit dem Essen, das sie für ihn zubereitet hatte.

Mein Onkel war ein gutmütiger Mensch. Ihn und seine Mutter verband eine ganz eigene Beziehung. Er liebte sie sehr und das war auch umgekehrt der Fall, aber natürlich war ihr Verhältnis auch schwierig und belastet. Inzwischen war er knapp fünfzig und er hatte es nie geschafft, das Haus und sie zu verlassen.

Wenn ich bei der Oma auf Besuch war und im alten ausgebleichten Fauteuil saß und sie auf der Ofenbank lag, passierte es häufig, dass jemand vorbeikam und sich nach Albert erkundigte. Der Onkel schien ein gefragter Mann zu sein. Die Oma antwortete dann stets mit dem Unterton der Verzweiflung und einem tiefen Seufzer, sie wisse nicht, wo er gerade sei, aber er habe gesagt, er müsse ins Dorf zu einer Kundschaft etwas abmessen. Oder Material besorgen.

Onkel Albert hatte sich in der Garage eine kleine Schlosserwerkstätte eingerichtet. Von Beruf war er gelernter Schmied, aber inzwischen betrieb er eine Schlosserei, in der er kleinere Dienste für jedermann anbot. Er wäre zwar ein geschickter Handwerker gewesen, nur was den Fleiß anlangte, gehörte er nicht zu Verlässlichsten. Jeder, der bei ihm etwas in Auftrag gab, der musste über genügend Geduld verfügen. Terminarbeiten waren nicht seine Stärke.

Aber Onkel Albert war auch eine bekannte Erscheinung im Dorf, allein schon wegen seiner Arbeitskleidung. Ob Sonn- oder Feiertag und natürlich auch werktags trug er stets seine blaue Arbeitsmontur. Anders kannte ihn niemand im Dorf als in seiner Blauen. Einmal tauchte er an einem Sonntagvormittag überraschend in einem Steireranzug am Stammtisch auf, worauf die erste Frage der Anwesenden war, was denn mit ihm los sei und ob er keine Blaue mehr zur Verfügung habe.

Auch hieß es von Onkel Albert gern: hätte er die Hälfte jener Zeit, in der er in seiner Blauen steckte, auch gearbeitet, dann würde er zu den wohlhabendsten Leuten des Dorfes gehören. Aber diese Gefahr bestand nicht.

Onkel Albert hatte seinen ganz eigenen Arbeitsrhythmus. Länger als bis zur vormittäglichen Jausenzeit hielt er es in der Schlosserei nie aus, dann machte er sich auf den Weg, entweder, wie er zur Oma sagte, um Maß für eine neue Arbeit bei einer Kundschaft zu nehmen oder um Material einzukaufen.

Natürlich führten diese Wege in der Regel in eines seiner Wirtshäuser, wo er ein gern gesehener Gast war, weil er es verstand die Leute zu unterhalten.

Wegen des Onkels plagten meine Oma große Sorgen. In früheren Jahren gab es Versuche, indem er es mit Anstellungen in verschiedenen Betrieben probierte, aber das ging nie lange gut. Der Onkel war nicht der Mensch, der acht Stunden an einem Ort ausharren und arbeiten konnte. Dafür war sein Freiheitsdrang viel zu ausgeprägt.

Meistens, nach ein paar Tagen, tauchte er bei der Firma nicht mehr auf. So blieb ihm nichts übrig, als sich selbständig zu machen, um sein bescheidenes Leben finanzieren zu können. Notdürftig richtete er sich in der Garage ein und lebte von der Hand in den Mund von kleineren Aufträgen. Die Oma plagte der Gedanke, dass er ohne Versicherung war und später im Alter einmal keine Pension bekommen würde. Das waren die Sorgen der Oma, die Onkel Albert aber weniger belasteten. Zuletzt gelang es meiner Mutter über ihren Chef dann doch, für eine Krankenversicherung zu sorgen.

Mit seiner Blauen verkehrte der Onkel auch am Stammtisch der einheimischen Unternehmer im Gasthof Brücke, das neben dem Fluss ein beliebtes Wirtshaus für die Besseren im Dorf war. Einmal gab es Gespräche über eine Initiative der Bundesregierung und der Wirtschaftskammer, die gemeinsam eine Aktion zur Gründung neuer Betriebe gestartet hatten.

Da meinten einige, dass jetzt auch für meinen Onkel die Stunde als Unternehmer schlagen würde. Mit der Aktion war nämlich die Möglichkeit für einen sehr günstigen geförderten Kredit bei der heimischen Raiffeisenbank verbunden und alle rieten dem Onkel Albert daher die Chance zu nützen.

Onkel Albert hörte das Wort günstiger Kredit und war auf der Stelle überzeugt von dieser Art Wirtschaftsförderung. Er meldete einen Betrieb an, wurde Mitglied bei der Wirtschaftskammer, aber vor allem gelang es ihm zu einem günstigen Kredit zu kommen. So war mein Onkel für kurze Zeit relativ flüssig, was auch bedeutete, dass er seine Tätigkeit in seiner Firma noch mehr einschränkte. Wozu tätig sein, wenn man Geld auf der Bank hat?

Mit seinem neuen Status als Unternehmer waren natürlich auch einige bürokratische Anforderungen verbunden. Nun war die Schreibarbeit nicht unbedingt seine Stärke, sodass er mich, den Studierten, für diese Tätigkeit auswählte. Wozu haben wir dich studieren lassen. Es muss schließlich alles einen Sinn haben.

Ich machte mich schlau, was das Kassabuch, die Abrechnungen mit dem Finanzamt, Vorsteuer und Bilanz anlangte, wobei mir zugute kam, dass ich auch eine einjährige Bürofachschule absolviert hatte. Außerdem gehörte die Führung des Kassabuches nicht gerade zu einer großen Herausforderung, weil Onkel Albert als Einmannbetrieb ohnehin nur auf Sparflamme unterwegs war.

Wir kamen auch bei einem Bier im Gasthof zum Goldenen Stern überein, dass er sämtliche Belege, die seine Firma betrafen, bei der Oma in einer Schachtel verstauen sollte. Ich würde mich dann um die notwendigen Erledigungen kümmern.

Einige Zeit klappte das auch, in der Schachtel häuften sich mit der Zeit aber die Briefe, zumeist Rechnungen und vor allem, sobald das Konto schrumpfte, häuften sich die Zahlungserinnerungen rapide. Wieder einmal besuchte ich meine Großmutter, die seufzend über Onkel Albert, der nicht zum Mittagessen gekommen war, auf der Ofenbank lag. Ich war erstaunt, die Schachtel leer vorzufinden, worauf ich die Großmutter fragte, wo die Belege seien. Sie wusste von nichts.

Das ganze klärte sich dann im Goldenen Stern auf, wo ich Onkel Albert im Gespräch mit der Kellnerin antraf. Er war gerade dabei sich von ihr einen Hunderter auszuleihen, weil er, wie er verschmitzt meinte, auch einmal in ein anderes Gasthaus gehen wolle. Auf meine Frage, wo er die Belege und Briefe verstaut habe, meinte er trocken, er habe alles im Ofen entsorgt, aber das sei kein Problem, denn die würden alle noch einmal schreiben.

Ab dem Zeitpunkt, als der Kredit zur Gänze aufgebraucht war, ging es mit dem Unternehmen meines Onkels abwärts, Richtung Konkurs. In dieser Situation kündigte ich ihm wegen Hoffnungslosigkeit auch meine Mithilfe auf, weil man so nicht arbeiten könne, worauf er trocken zu mir meinte: Mit euch Studierten ist nichts anzufangen.

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Elias Schneitter

Elias Schneitter lebt in Wien und Tirol. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt der Erzählband „Civetta“ (baes) und der Roman „Ein gutes Pferd zieht noch einmal“ (Kyrene Verlag) und der Gedichtband „Zirler Blues“ (baes). Daneben Tätigkeit als Kleinverleger der edition baes (www.edition-baes.com), in der ein Schwerpunkt auf die Veröffentlichung von Literatur aus der US-amerikanischen Subkultur gelegt wird. Schneitter ist Mitbegründer und Kurator beim internationalen Tiroler Literaturfestival „sprachsalz“ (www.sprachsalz.com) bis 2023 in Hall, seit 2024 in Kufstein.

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