Elias Schneitter
Die andere Welt vom St. Marks Place
Sommercamp in Minnesota
USA-Reportage
Bevor ich für drei Monate in die USA in das YMCA-Camp in Minnesota fahren konnte, hatte ich noch die Musterung vor dem Militärkommando zu bestehen.
Die Musterung war in unserem Dorf immer ein besonderes Ereignis, wenn die Spielbuben, wie sie genannt wurden, tauglich für den Militärdienst erklärt wurden. In früheren Jahren wurden sie sogar mit einem Pferdegespann in die Stadt kutschiert und die folgende Nacht trieben sie im Dorf ihren Schabernack, der zumeist darin bestand, dass sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betranken.
Der Amtsleiter hatte uns als Gemeindevertreter in die Landeshauptstadt begleitet und auch nachher, als wir die Nacht in den einschlägigen Wirtshäusern zubrachten. Überall wurden wir freudig begrüßt und die Zeche ging auf Gemeindekosten. Sind wir froh, dass wir in friedlichen Zeiten leben, sagte der Amtsleiter ziemlich betrunken zu späterer Stunde. Er mit seiner Holzprothese musste wissen, wovon er redete. Er hatte in Russland sein rechtes Bein verloren und ich war gerade tauglich für den Kampf mit der Waffe erklärt worden.
Bald darauf konnte ich die Reise in die USA antreten. Über eine Gesellschaft, die einen Studentenaustausch mit den USA anbot, bekam ich ein Angebot in einem Sommercamp für Buben am Sturgeon Lake, Minnesota, als counselor zu arbeiten. Das Ganze lief über die YMCA. Von der amerikanischen Botschaft in Wien erhielt ich ein Visum für vier Jahre.
Mit dem Arlbergexpress gondelte ich nach Paris, vom Flughafen Le Bourget zum JFK-Flughafen in New York und von dort mit dem Greyhound zuerst nach Chicago, dann weiter nach Minneapolis-St. Paul und schließlich das letzte Stück nach Sturgeon Lake in Minnesota.
Insgesamt eine dreißigstündige Busfahrt, die mir einiges abverlangte, die aber trotzdem recht kurzweilig und spannend verlief. Einmal bekam ich sogar mit, wie es sich ein junges Pärchen am Hintersitz gemütlich machte, während wir in der Nacht durch Ohio rasten. Auch lernte ich auf dieser Fahrt einen Typen mit Gitarrenkoffer kennen, der einen Zylinderhut mit Vogelfedern trug und auch sonst etwas auffällig gekleidet war.

E. Schneitter und H. D. Heisl mit Jack Hirschman (l.) und Lawrence Ferlinghetti (r.) im Cafe Trieste in San Francisco
Auch ich war ihm wegen meines nicht üblichen Reisegepäcks aufgefallen. Ich war nicht mit einem Koffer unterwegs, sondern ein Onkel, von Beruf Sattler und Tapezierer, hatte mir für die große Reise einen Seesack aus Segeltuch genäht, in dem ich mein ganzes Reisegepäck verstaut hatte. Der Musiker wollte auch von mir wissen, ob ich ein Seemann wäre. Diese Vermutung erheiterte mich und wir zwei verstanden uns sofort gut.
In Chicago trennten sich unsere Wege und er wechselte auf die Route 66 mit dem Ziel Venice Beach bei Los Angeles, wo er Freunde treffen wollte, um dann, hinauf nach San Francisco, North Beach und Haight-Ashbury zu trampen, wie er sagte, aber all diese Begriffe sagten mir damals nicht viel. In den USA heißt es, dass man mit dem Greyhound reisen muss, um das Land kennenzulernen.
Sturgeon Lake ist ein winziges Nest und an der dortigen Haltestelle erwartete mich der Camp-Leiter Tom Klenz, der sich etwas über mein Reisegepäck wunderte, wie ich an seinem Gesichtsausdruck deutlich erkennen konnte.
Minnesota wird auch das Land der zehntausend Seen genannt und wird landschaftlich gern mit Finnland verglichen. Hier lebten viele Nachfahren, vor allem aus dem Norden Europas, die Landwirtschaft betrieben und deshalb hatte Minnesota den Ruf ein Land der Hinterwäldler zu sein. Das riesige grüne Land ist, abgesehen von der Metropole Minneapolis-St. Paul, sehr dünn besiedelt. Um vier Dollar konnte man eine Fischerkarte für ein ganzes Jahr erwerben, mit der man berechtigt war, in allen Seen diesem Sport nachzugehen, also ein Land wie geschaffen für Abenteurer und Einzelkämpfer.
Das Camp Miller der YMCA lag direkt am Sturgeon Lake. In diesem Sommercamp waren wir in mehreren Blockhäusern untergebracht, jeder Counselor betreute eine Gruppe von Kindern, die im Wochenrhythmus wechselten. Die Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jahren kamen eher aus der unteren Schicht. Aber während des ganzen Sommers gab es kaum größere Probleme mit ihnen, und so erlebten wir wunderbare Tage und Wochen, für die die Kinder recht dankbar waren.
Im Camp ging es vor allem darum, den Buben eine abwechslungsreiche Zeit zu bieten und auch für mich gab es Dinge, die mich erstaunten, wie zum Beispiel, dass wir jeden Tag nach dem Frühstück an der Fahnenstange aufzumarschieren hatten, um die US-Flagge unter den Klängen des Yankee Doodle zu hissen. Dann gab es das Wort zum Tag, damit die Burschen mit einem guten Vorsatz und Freude in den Tag starten konnten und nicht nur mit einem üppigen Peanut-Butterbrot. Mir war so viel Patriotismus etwas fremd, zumindest anfangs, aber mit der Zeit empfand ich das gar nicht mehr so lächerlich, sondern dachte mir, mit welchem Respekt die jungen Leute ihrem Land gegenüber gedrillt wurden.
Einmal hatte ich am Abend die Zeremonie beim Einholen der Flagge zu übernehmen. Diese musste nach einem ganz genauen Ritus zusammengelegt werden und wie es der Teufel haben wollte, fiel mir die Fahne aus der Hand zu Boden. Ein kurzer Schreck ging durch die Runde und in der Folge wurde ich bei Tom Klenz, mit dem ich die ganzen Wochen nie ein Problem gehabt hatte, vorgeladen und wurde für mein Ungeschick gemaßregelt, mit der Aufforderung, in Hinkunft mehr Sorgfalt in diese Zeremonie zu legen. Ich versprach Besserung, weil ich merkte, wie wichtig das unserem Campleiter war und nicht nur ihm.
Meine Zuständigkeit bei der Freizeitgestaltung lag vor allem in den Bereichen Fußball und Kanusport. Mein ganzes Leben war ich noch nie in einem Kanu gesessen und hier musste ich nach einem zweistündigen Schnellsiedekurs täglich am Vormittag mit einer Gruppe Jungs auf den See hinauspaddeln. Ich zeigte ihnen, wie man ein Kanu steuert, links, rechts, geradeaus, kein großes Problem. Dann wurde allen die Schwimmweste angezogen und wir starteten in den Sturgeon Lake hinaus. Einmal kam überraschend eine Brise auf und es verblies mir die Jungs über den ganzen See und sie mussten mit Hilfe einiger Boote eingefangen werden. Nun trug ich für das plötzliche Aufkommen des Windes keine Verantwortung, trotzdem rechnete ich mit einer Vorsprache beim Chef, aber es gab keinen Verweis so wie bei der Flagge. So was konnte passieren, und die ganze Aktion sorgte eher für Unterhaltung, da dieser Windstoß die Fantasie einiger beteiligter Kinder beflügelte und sie in der Folge Schauergeschichten in die Welt setzten.
Wie es dem amerikanischen Pioniergeist entsprach, verbrachten wir auch jede Woche eine Nacht in einem Resort, einige Kilometer entfernt vom Miller Camp. Wie romantische Cowboys legten wir diese Strecke on horseback auf alten Kleppern zurück, kamen an zahlreichen Erdhügeln vorbei, Grabstätten von Indianern, wie wir damals noch zu sagen pflegten. Die Abende verbrachten wir bei Lagerfeuer, Marshmallows, mit Hufeisen werfen und anderen Wettkämpfen und mit dem Braten von Würstchen am Stiel. Dazu mit den üblichen Songs am lodernden Feuer: this land is your land, this land is my land, from California to the New York Island, ehe wir alle uns in die Zelte in unsere Schlafsäcke zurückzogen und während der Nacht als Hauptspeise für die Gelsen und Mücken dienten und einige am nächsten Tag mit geschwollenen Augen und roten Wangen mit zahlreichen Mückenstichen erwachten und teilweise behandelt werden mussten.
Natürlich hatten meine Kollegen und Kolleginnen ein putzig-oberflächliches Bild von Austria in Europe. Zumindest verwechselten sie es nicht mit Australia, und zwei drei erkundigten sich ganz begeistert nach dem Film The Sound of Music mit Julie Andrews und der Geschichte der armen Trapp-Familie aus den Bergen, die vor den bösen Nazis flüchten mussten und in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat in Sicherheit fanden. Zu deren Bestürzung kannte ich den Schinken nicht, was auf etwas Unverständnis stieß, aber bei den zumeist gutgelaunten jungen Amerikanern mit Freundlichkeit aufgenommen wurde. Sie hatten halt ihr eigenes Bild von Europa und alle wollten einmal dorthin reisen, wo Neuschwanstein und Venedig und der Eiserne Vorhang auf ihren Reiseplänen standen.
So ausgelassen die Zeit im Camp Miller am Sturgeon Lake auf den ersten Blick auch erschien, so lastete doch eine finstere Wolke über dem Camp. Das hing mit dem Vietnamkrieg zusammen, der häufig für sehr ernsten Gesprächsstoff sorgte. In den USA gab es keine Militärpflicht. Die Soldaten, die für den Krieg eingezogen werden sollten, wurden per Losentscheid bestimmt. Das sorgte bei den meisten jungen Mitarbeitern für großes Unbehagen. Jeder von ihnen konnte ausgewählt werden und alle beschäftigten sich damit, was sie für den Fall, eingezogen zu werden, tun würden, um der Einberufung zu entgehen. Als wir uns am Ende des Sommers voneinander verabschiedeten, wollten wir auch weiterhin in Kontakt bleiben. Zumindest brieflich.
Einer meiner Kollegen verabschiedete sich von einem anderen mit den Worten: Hoffentlich sehen wir uns bald wieder, nur nicht in Vietnam.

Bis heute ein Veranstaltungszentrum und Treffpunkt von Autoren: St. Marks Church in East Village
Bevor ich wieder nach Europa zurückflog, verbrachte ich eine Woche in New York im YMCA-Hotel in der 23. Straße. Dort teilte ich mit einem Spanier, der in einem YMCA-Camp in Ohio tätig war, das Zimmer. Wir verstanden uns auf Anhieb und er nahm mich eines Abends zu einer Veranstaltung am St. Marks Place mit. Dort hatten Künstler eine ehemalige Kirche zu einem Kulturzentrum umfunktioniert und organisierten künstlerische Veranstaltungen. An diesem Abend versammelten sich zahlreiche Dichter und Musiker, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren.
Mein spanischer Freund, der einige Jahre älter war als ich, kannte einige Namen, die hier auftraten. Er schwärmte mir von den US-Beatautoren vor, von denen an diesem Abend auch einige anwesend waren, die mir damals nichts sagten, erst viele Jahre später, als ich mich für diese Bewegung zu interessieren begann. Moderiert wurde dieser Abend von Anne Waldman und Hettie Jones und unter den Auftretenden waren angeblich einige Kapazunder dieser Bewegung, wie Amiri Baraka, Allen Ginsberg, Patti Smith, Joyce Johnson, Herbert Huncke, Gregory Corso und viele andere. Jedenfalls brodelte es bei dieser überfüllten Veranstaltung sehr heftig und es kam sogar zu Handgreiflichkeiten mit Gregory Corso, der einige im Publikum derart provozierte, dass sie ihn niederschlagen wollten. Anne Waldmann griff aber ein und die Szene beruhigte sich. Zum Schluss sang noch ein junger Musiker mit Gitarre seinen Anti-Vietnam Song mit dem Titel I wanna survive.
Ich amüsierte mich an diesem sehr lebhaften Abend hervorragend, auch wenn ich dem ganzen nur teilweise folgen konnte. Aber die explodierende Energie und das Antikriegs-Engagement sprangen auch auf mich über. Anschließend wechselten mein spanischer Freund und ich noch ins Veselka, ein Restaurant am St. Marks Place, wo wir gut speisten und viel tranken. Zu uns gesellte sich Jack Hirschman, der auch im St. Marks aufgetreten war. Mein Begleiter kannte Jack von früher und er stellte ihn mir als Dichter und ehemaligen Universitätsprofessor vor. Jack hatte an der UCLA, der Universität von L.A., unterrichtet und seine Studenten aufgefordert, den Kriegsdienst zu verweigern. Darum verlor er seine Professur an der Hochschule. Auf dem Heimweg erzählte mir mein Begleiter, dass Jim Morrison einer seiner Studenten gewesen war.
Als ich von meinem USA Aufenthalt nach Hause zurückkam, flatterte wenige Tage später mein Einberufungsbefehl ein. Ich sollte meinen Dienst in der Mondscheinkaserne in Kufstein absolvieren. Mein erster Gedanke jedoch war: Vietnam und Gott sei Dank lebe ich in Österreich. Ich legte den Brief beiseite und dachte an die Arbeitskollegen im Camp Miller, an die Veranstaltung in der St. Marks Kirche und an Jack Hirschman.
Erschienen in: Mein Amerika? America Me! Podium 217/218. Mit Beiträgen von Richard Wall, Manfred Chobot, Elias Schneitter, Dietmar Füssel, Monika Gentner, Erika Kronabitter, Ditha Brickwell u. a.. Herausgeberin: Regina Hilber. Wien: Podium. Zeitschrift für Literatur 2025. (= Doppelheft 227/218). 159 Seiten. EUR 12,-. ISBN 978-3-902886-94-1
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