Elias Schneitter
Der Turmbau zu Babel
Notizen
Was die digitale Revolution betrifft, gehöre ich aufgrund meiner bisherigen persönlichen Erfahrungen zu den großen Skeptikern. Natürlich sehe auch ich die vielen Vorteile, aber andererseits habe ich, was auch mit meinem fortgeschrittenen Alter zusammenhängen mag, dauernd Komplikationen und Ärgernisse mit den neuen Technologien, die es im analogen Zeitalter so nicht gegeben hat.
Häufig habe ich den Eindruck, dass vieles nicht einfacher, sondern ganz im Gegensatz viel komplizierter und undurchsichtiger geworden ist. Jedenfalls teile ich nicht die Ansicht – noch nicht -, dass die Digitalisierung der große Problemlöser sein wird, als die sie uns gerne verkauft wird.
Lustigerweise bin ich kürzlich zufällig auf einen Text aus dem Alten Testament gestoßen. 1. Buch Mose, Genesis 11, Vers 1 – 9, wo man, wenn man so will, bereits die Folgen der Digitalisierung prophetisch ablesen kann. Es geht darin um den Turmbau zu Babel und da heißt es kurz zusammengefasst:
Und die ganze Erde hatte eine einzige Sprache und dieselben Worte. Wohlan, laßt uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, daß wir uns einen Namen machen,
Nur, das passte dem lieben Gott nicht und er bestrafte die hochmütigen Turmbauer und er stieg hinab, um ihre Sprache zu verwirren, damit keiner mehr die Sprache des anderen verstand.
Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut.
Soweit die Bibelgeschichte, die man, bei einiger Phantasie, auch als Gleichnis und Allegorie für unser Tech-Zeitalter verwenden kann.
Bürokratie 1:
Mein Sohn benötigte einen aktuellen Meldezettel. Er versuchte das mit Austria ID: Kostenpunkt: € 20,–. Sparsam wie er ist, holte er ihn persönlich bei der Berzirkshauptmanschaft. Kostenpunkt: € 2,70.
Mit anderen Worten: Es lohnt sich noch, analog und zu Fuß zu gehen.
Bürokratie 2:
Im Blog hab ich vor Wochen darüber berichtet, wie kompliziert Ansuchen online für Kulturprojekte sind. Für einen Antrag, bei dem wir zu zweit drei Stunden gesessen sind, ging es um einen Zuschuss für ein Buchprojekt im niedrigen dreistelligen Bereich.
Jetzt erhielt ich einen Anruf, dass die Förderung nicht weiter bearbeitet werden kann. Wir hatten in der Rubrik Publikationsförderung angesucht. Das war falsch. Wir hätten bei Druckkostenzuschuss ansuchen sollen. Wir müssten einen neuen Antrag bis Ende des Monats stellen mit dem Vermerk, dass wir bereits einen falschen Antrag gestellt hätten. Auf meine Frage, ob eine realistische Chance für eine Förderung bestünde, meinte der freundliche Beamte (KI-Stimme?), das könne er nicht beantworten. Es gebe eine Jury.
Zitat, aufgeschnappt in einem Bier- und Weinhaus in Wien Hernals:
Heast da Putin soi de Ukrainer in Ruah lossen. Dafir gebn mia eam de Ungarn und de Slowaken und die Ostdeitschen. De woin eh ham zun Putin.
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kann deinen kommentar vollinhaltlich nachvollziehen, lieber elias. ich bin offenbar einfach zu alt für diese „schöne neue welt“, stelle ich immer wieder fest, wenn ich mich mit einer angeblichen verbesserung oder vereinfachung duch ein internet-formular stundenlang herumgeplagt habe. aber dann natürlich ein kurzes glücksgefühl, heißt es, ich habs doch richtig ausgefüllt.