Egyd Gstättner
Auf nach Königsberg!
Oder:
Immanuel Kant für ein neues Zielpublikum
Essay
Nach dem Terroranschlag von Villach, bei dem ein 23jähriger Syrer einen 14jährigen Villacher auf offener Straße im Stadtzentrum getötet und fünf weitere Villacher teils lebensgefährlich verletzt hat, sind, so die Zeitungen, die Ermittlungen gegen den Beschuldigten nach einem halben Jahr nun abgeschlossen.
In diesem halben Jahr konnte festgestellt werden, dass der 23jährige Syrer zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig war und auch nicht unter Drogeneinfluss stand. Nun, da alle Ermittlungsergebnisse vorliegen, erstellt die Staatsanwaltschaft ihren Vorhabensbericht. Das kann freilich dauern, wertgeschätzte Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul!
Da das Verfahren als Fall gilt, der großes öffentliches Interesse hervorruft, muss die Staatsanwaltschaft an die Oberstaatsanwaltschaft berichten, bevor Anklage erhoben wird. Das kann freilich ebenfalls dauern…
Nützen wir, wertgeschätzte Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul, die Wartezeit also dafür, dass ich euch ein bisschen was über Immanuel Kant und die Aufklärung erzähle: Das könnt ihr in euren späteren Leben sicherlich einmal brauchen!
Ich will es nicht übertreiben und Euch daher nicht gleich mit der Kritik der reinen Vernunft behelligen, mit der Kritik der praktischen Vernunft, der Kritik der Urteilskraft, der Metaphysik der Sitten und nicht einmal mit der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, aber ich hoffe doch, dass eure Deutschkenntnisse dank der Deutschkurse mittlerweile so weit fortgeschritten sind, dass ihr euch in den elementaren Kant`schen Aufsatz Was ist Aufklärung? vertiefen könnt.
Alsdann, wertgeschätzte Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit! Habe Mut, Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul, dich deines Verstandes zu bedienen!
Unmündigkeit sei laut Kant das Unvermögen sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen. Diese Unmündigkeit sei selbstverschuldet, wenn ihr Grund nicht ein Mangel an Verstand sei, sondern die Angst davor, sich seines eigenen Verstandes ohne die Anleitung eines anderen zu bedienen. Daraufhin formuliert Kant den Wahlspruch der Aufklärung: Sapere aude!, was etwa bedeutet Wage zu wissen!
Dann erklärt Kant, warum ein großer Teil der Menschen, obwohl sie längst erwachsen sind und fähig wären, selbst zu denken, zeit ihres Lebens unmündig bleiben, das heißt nicht selbstständig denken und dies auch noch gerne tun.
Der Grund dafür sei Faulheit und Feigheit. Denn es sei bequem, unmündig zu sein. Das verdrießliche Geschäft des eigenständigen Denkens könne leicht auf andere übertragen werden. Wer einen Arzt habe, müsse seine Diät nicht selbst beurteilen; anstatt sich selbst Wissen anzueignen, könne man sich auch einfach Bücher kaufen; wer sich einen Seelsorger leisten könne, brauche selbst kein Gewissen. Somit sei es nicht nötig, selbst zu denken, und der Großteil der Menschen mache von dieser Möglichkeit Gebrauch.
So werde es für andere leicht, sich zu den Vormündern dieser Menschen aufzuschwingen. Besonders in Religionsdingen seien die meisten Menschen noch sehr weit davon entfernt, sich selbst ihres Verstandes ohne fremde Leitung zu bedienen.
Unter Aufklärung, wertgeschätzte Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul, versteht man hier also nicht Sexualaufklärung, bei der man zum Beispiel lernt, dass im Paradies keine Jungfrauen zum Entjungfern warten, und dass Entjungferungen eigentlich auch gar kein Vergnügen sind, es sei denn, man hat Vergnügen an Blut.
Aufklärung meint ganz im Gegenteil die europaweite geistesgeschichtliche und kulturelle Bewegung des 17. und 18. Jahrhunderts, die die Vernunft und den selbstständigen Verstand zum Maßstab für Wissen und Handeln machte und damit das dunkle Mittelalter erhellen sollte.
Kern der Aufklärung war die Forderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und kritisch zu hinterfragen, anstatt Autoritäten wie Kirche oder Staat blindlings zu folgen. Diese Denkweise führte zu politischen Umwälzungen wie der Amerikanischen und Französischen Revolution und prägt die Moderne bis heute.
Ja, und weil wir gerade dabei sind, wertgeschätzte Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul, will ich euch doch auch kurz mit dem Kategorischen Imperativ bekanntmachen, der da lautet: Handle so, dass die Maxime deines Handelns zum allgemeinen Gesetz erhoben werden könnte. (Die Scharia ist mit dem allgemeinen Gesetz natürlich nicht gemeint…) Übrigens, ganz nebenbei, Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul: Gott ist tot! Und weil Gott tot ist, ist auch Allah tot! Groß vielleicht, aber sicher tot.
Das heißt, Gott (allmächtig, lieb) und Allah (groß) existieren selbstverständlich, aber als Fantasie des Menschen und Machterhaltungsinstrument, nicht mehr, nicht weniger. Wahrscheinlich wisst ihr ja, dass die Frage der Theodizee lautet: Si deus, unde malum? (Wenn es Gott gibt, woher kommt dann das Böse?) Und es gibt für Gott/Allah angesichts des Übels in der Welt nur eine – gleichzeitig aber die beste Entschuldigung: Die Entschuldigung durch Nichtexistenz.
Und dass es dieses malum, dieses Übel gibt, wertgeschätzte Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul, das bestätigt ihr ja implizit selbst, indem ihr wohl schweren Herzens eure geliebten Geburtsorte vielleicht auf immer verlassen und hier in diesen davon weit entfernten Breiten um Asyl zwischen Krachlederhose und Donauwalzer angesucht habt…
Nachdem ich euch zum Erstkonsum ein paar Petitessen seiner Philosophie aufgetischt habe, wir aber nach wie vor gespannt darauf warten, was die Staatsanwaltschaft an die Oberstaatsanwaltschaft berichtet, bevor Anklage gegen den 23jährigen Syrer erhoben wird, erzähle ich euch ein bisschen was über das Leben und den Charakter dieser für eure neue Heimat so prägenden geistesgeschichtlichen Persönlichkeit.
Alsdann, Effendis, höret und staunet: Immanuel Kant wurde vor 300 Jahren in Königsberg geboren. In Königsberg besuchte Kant die Vorstaedter Hospitalschule. In Königsberg besuchte Kant das pietistische Collegium Fridericianum, begeisterte sich für antike Autoren und die lateinische Sprache; der religiöse Zwang bewirkt bei Kant aber eine Abneigung gegen den Pietismus.
In Königsberg studierte Kant an der Universität Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft. In Königsberg wohnt der erwachsene Kant außerhalb des Elternhauses, verdient seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer bei drei verschiedenen Königsberger Familien und durch Privatstunden und fasst den Entschluss, die Laufbahn eines wissenschaftlichen Lehrers zu wählen.
In Königsberg dissertiert Kant und wird Privatdozent für Philosophie an der Universität Königsberg. Seine erste Amtsanstellung und ein bescheidenes festes Einkommen erhält der 41jährige Kant als Unterbibliothekar an der Königlichen Schlossbibliothek in Königsberg.
Stellt euch vor, wertgeschätzte Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul, Berufungen als ordentlicher Professor nach Erlangen und Jena lehnt Kant ab – wer emigriert schon nach Erlangen oder Jena? – und wird fünf Jahre später lieber ordentlicher Professor für Metaphysik und Logik an der Universität – ja, genau: Königsberg! – mit der Schrift De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis. Noch einmal fünfzehn Jahre später wird Kant – 62 Jahre alt – Rektor der Universität – nona – Königsberg!
Königsberg! Geht doch! Immanuel Kants Migrationshintergrund betrug sein achtzigjähriges Leben lang keine fünfzehn Kilometer. Und doch wurde Kant, König von Königsberg, Philosophiekaiser von ganz Europa! Zum Verständnis von Immanuel Kants Charakter müsst ihr, wertgeschätzte Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul, wissen, dass Kant von Geburt aus keineswegs wirtschaftliche Unabhängigkeit zugefallen war! Er erreichte dieses Ziel erst, als ihn seine Einkünfte aus der akademischen Lehrtätigkeit dazu in die Lage versetzten.
Unabhängigkeit von jedermann war das Fundament, auf dem Kants inneres Glücksgefühl erwuchs, ein Gefühl der Freiheit und Rechtschaffenheit, das nur durch Sparsamkeit und Regelmäßigkeit möglich wurde, mit denen er seine ökonomischen Verhältnisse in Ordnung hielt.
Euer neuer Heimatphilosoph Immanuel Kant hatte keine Frau, weder mit, noch ohne Kopftuch. Euer Integrationsphilosoph Immanuel Kant hatte keine Kinder. Euer Integrationsphilosoph hat sich nicht reproduziert. Immanuel Kant ist ausgestorben.
Trauert ein wenig um ihn, wertgeschätzte Abdalarhman, Mohamed, Erkan, Kujtim, Beran, Emrah, Taleb Abdul, das wäre eine nette Geste!
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Ein interessanter Beitrag! Natürlich müsste man sich fragen, ob es nicht jede Religion verbietet, unschuldige Menschen umzubringen. Und wenn nicht, müsste man wohl diese Religion bekämpfen, nicht nur im Namen der Vernunft, sondern der Menschlichkeit!