Egyd Gstättner
Die Massenflucht von Österreichern
nach Syrien
Satirische Reportage

Neulich war ich in Syrien, wenn auch nur auf Wellnesskurzurlaub, von wo ich mir erlaube, diese Post in die Heimat zu schicken. Eingeladen hatte mich Übergangspräsident al-Sharaa, und ich muss neidlos anerkennen: Ich war beeindruckt! 

Eineinhalb Jahrzehnte lang war Syrien ein Synonym für Krieg, Elend und Zerstörung; jetzt aber erhält der Wiederaufbau des Landes durch den Iran-Konflikt einen Schub: Fast tausend Tanklastwagen mit Öl aus dem Irak kommen derzeit jeden Tag in der syrischen Hafenstadt Baniyas am Mittelmeer an, wo Schiffe für die Weltmärkte beladen werden. 

Dank der reaktivierten Pipeline werden zwei Prozent des weltweiten Ölbedarfs an Syriens Mittelmeerküste gepumpt: Syrien verdient mit – eine willkommene Einnahmequelle für das Land! Syrien wird vom Krisenstaat zum Transitland!

Die Zahl der internationalen Verkehrsflugzeuge im syrischen Luftraum ist laut der syrischen Nachrichtenagentur Sana seit Ausbruch des Iran-Kriegs um fast 400 % gestiegen. Internationale Airlines leiten ihre Maschinen über Syrien, weil es ihnen sicherer erscheint als die Golf-Region. 

Syrien soll rund sechs Millionen Dollar pro Monat an Gebühren für die Überflüge verdienen, erklärte mir Ahmad al-Sharaa. Gute Nachrichten für das Land, das sich nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds auf dem Weg der wirtschaftlichen Erholung befindet. Die syrische Wirtschaft wird heuer eine zweistellige Wachstumsrate erzielen!!

Kein Wunder also, dass in den letzten Jahren klammheimlich jede Menge unauffällige Deutsche und Österreicher (samt Familien) in Syrien eingewandert sind, Flüchtlinge hauptsächlich, die um (gesellschafts-)politisches Asyl angesucht hatten, weil sie sich in ihren alten Heimaten (Wohlstandszerfall, Digitalisierungsterror, Bürger*innnenkrieg, political correctness, Cancel Culture etc.) an Leib und Leben und Seele und Psyche bedroht gefühlt hatten. 

All die Messerattacken und Sprengstoffanschläge!… Angeblich herrscht ja in Mitteleuropa Krieg, wenn auch ein Krieg ohne Fronten und Schlachtfelder. Eher Guerillakrieg und Partisanenkampf in sozialen Medien…

Nun häufen sich leider die Fälle, wo Deutsche und Österreicher durch die Straßen von Damaskus oder Aleppo rennen, Gott ist tot! brüllend Syrerinnen und Syrer mit Springmessern abschlachten oder mit Automobilen in große syrische Menschenmengen rasen. 

Dumme Sätze wie Es rettet Euch kein höheres Wesen sind dem Image der neugotischen Migranten im Land natürlich auch nicht zuträglich. Ein völlig geisteskranker Österreicher soll in einem psychischen Ausnahmezustand sogar geschrien haben, Religion sei eine ekklesiogene Kollektivneurose.

Das intellektuelle Syrien beschwichtigt: Es seien Einzelfälle, es seien nicht alle Deutschen und Österreicher so, nur die Radikalagnostiker. Es gäbe auch gute Deutsche und Österreicher! Sie arbeiten als ehrliche Astrophysiker, Gehirnchirurgen, Ladenhausdetektive und Essenszusteller, sind gut integriert – will sagen – polizeilich unauffällig. 

Dass sich diese Migranten nicht besonders für syrische Literatur, syrische Malerei und syrische Folklore interessieren, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Lieber gucken sie via Satellit ZDF, ARD und ORF (Schirennen).

 Trotzdem wächst das Unverständnis in der syrischen Bevölkerung. In mancher Moschee soll schon die Parole Cuius regio, eius religio zu hören gewesen sein. Von Gemetzel zu Gemetzel lässt sich jedenfalls eine Einbuße an Willkommenskultur beobachten. Traurig eigentlich. 

Immer, wenn ein Deutscher oder ein Österreicher ein Gemetzel anrichtet, sind die syrischen Machthaber sehr betroffen und besonnen und entschlossen. Abschiebungen sind – mit oder ohne Abschiebebescheid – aber schwer möglich, wegen irgendwelcher internationaler Verträge und Konventionen. Es existiert in Syrien keine wirkliche Abschiebekultur.

Alle diese Umstände berücksichtigend habe ich mir vorgenommen, mich zu radikalisieren und nächstes Jahr einen Wellnessurlaub am Balaton zu buchen. (Kenne ich dank des Werbeclips auf MDR!).

Quelle: Das zerstörte Syrien profitiert vom Krieg (Thomas Seibert, Kleine Zeitung Graz 7. August 2026 S. 5

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Egyd Gstättner

Egyd Gstättner (* 25. Mai 1962 in Klagenfurt) ist ein österreichischer Publizist und Schriftsteller. Egyd Gstättner studierte an der Universität Klagenfurt Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Germanistik. Schon während des Studiums begann er mit Veröffentlichungen in Zeitschriften wie manuskripte, protokolle, Literatur und Kritik oder Wiener Journal. Seit seiner Sponsion 1989 lebt er als freier Schriftsteller in Klagenfurt, wo er zahlreiche Essays u. a. für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, Die Presse, Falter, Kurier und Die Furche verfasste. Besonders bekannt wurde er im Süden Österreichs mit seinen Satiren in der Kleinen Zeitung. Darüber hinaus schrieb und gestaltete er Features für die Österreichischen Radioprogramme Ö1 und Radio Kärnten sowie für den Bayerischen Rundfunk.1993 wurde er zum Dr. phil. promoviert. 1990 erschien die erste eigenständige Buchpublikation („Herder, Frauendienst“ in der „Salzburger AV Edition“). Bis 2018 wurden insgesamt 34 Bücher Gstättners bei Zsolnay, Amalthea, in der Edition Atelier und seit 2008 im Picus Verlag Wien publiziert. Seit 2016 hat er einen zweiten Wohnsitz in Wien. Gstättner ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Reinhard Kocznar

    Als nach dem 2. Weltkrieg hier alles zerstört war, sind Millionen Österreicher:innen und Deutsch:innen nach Syrien geflüchtet. Das Leben wäre hier nicht zumutbar gewesen. Sie konnten erst zurückkehren, als hier wieder alles aufgebaut war.

    Schade, dass wir so wenig Dankbarkeit zeigen.

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