Diethard Sanders
Ich frönte dem Richtigen
inmitten des Falschen.
Klage und Selbstbezichtigung
Weitergehen. Immer weitergehen. Dabei hat man doch alles richtig gemacht. Vor allem hat man weitergemacht, das war das Wichtigste. Aber was wäre denn auch anderes übriggeblieben? Das Firmament färbte sich langsam rot, jede Nacht ein wenig mehr, und alle schauten zu. Man hat weitergemacht, und jetzt muss man trotzdem in der Schlange bleiben und darf nur ab und zu mit kleinen Schritten weitergehen.
Siehe, dies ist die Zeit des Falschen. Alles verkehrt und alles kommt falsch, und wie oft doch im Gewande des Angebrachten. Nützliches wird so lange begärtnert, bis sich Gewinn daraus schlagen lässt, und fortwährend verwandelt sich vordem Erwünschtes zur Pflicht, bis man zusammenbricht.
Und weil man ein Bürger mit Anstand ist, schaut man betont weg, während sich auf der anderen Seite der Wahnsinn immer schamloser austobt. Das Richtige liegt mit erhobenem Zeigefinger und völlig zu Recht versenkt am Boden der Seen moralinsaurer Zuversicht. Sollten wir denn wirklich, allen Ernstes, um unser gutes Recht gebracht werden, von unseren so mühsam gezogenen Früchten zu essen? Denn wir waren stets fleißig und verdienen Respekt.
Alles war falsch und ist es seit alters her gewesen. Niemals war eine Zeit, der man vergeben könnte, die Schuld lastet auch auf den vermeintlich Besten. Von wegen Respekt! Und was feiern wir da eigentlich? Worüber sollte ich mich freuen? Das Falsche war das Gefäß meines Lebens ebenso wie es das der anderen war. Das gab Sicherheit. Ich frönte dem Richtigen inmitten des Falschen, also konnte wohl nichts Falsches dran sein, oder? Denn wir schauen genau aufeinander.
Ich will nichts davon hören, will es nicht wissen, verneine es heftig am hellichten Tag, in Schriften, in Reden, und auch vor mir selbst. Dennoch ist es das Falsche gewesen. Und in der Nacht, wenn ich bar allen Schutzes plötzlich erwache, dann springt es mich an mit erdrückender Wucht: Hier bin ich schon wieder, du kennst mich genau, ich bin das Falsche, das Falsche in all deinem Tun.
Sollte man flüchten? Landschaft zum Davonlaufen gibts noch genug – nun denn hinaus, hinauf, fürbass und bergan! Nur Leistung zählt! Und man geht und man steigt, doch die Erlösung bleibt aus, so müde man ist, man weiss es genau: im Falschen bin ich, wohin ich auch strebe, kein Steilhang, kein Fels und kein Eis kann Zuflucht noch sein.

Und das Falsche legt seine Maske ab. Schaut mich an! Ich bin das Falsche in eurem Glauben und all euren Taten und Vorhaben. Und was glaubt ihr, weshalb ich mich jetzt so ganz offen zeige?
Denkt drüber nach, meine wackeren Ritter, stets treu mir ergeben bis in den Tod. Greift ruhig nach den Sternen, es ist mir egal, ich begleite euch gerne bis tief in das All. Man bemüht sich, den Spott zu überhören und erkennt: Das Falsche hat sich nicht irgendwann ereignet. Es war immer schon da.
Es ist kein Unfall, kein Missgeschick, sondern es haftet uns an wie unsere Beine. Es folgt uns, wohin auch immer wir gelangen. Eine Woche Italien hilft da nicht. Man stapft durch den Schnee, geht abends Konzert, und selbst die Musik, der göttliche Funke, verhallt inmitten des Falschen.
Am Ende wird man, entblösst und entledigt von allem, das einen noch irgendwie wärmen und schützen könnte, dem strengen Gericht der Trauer ausgeliefert. Es hat keinen Sinn mehr, weiter zu leugnen, und es gibt nur ein einziges Geständnis, das als gültig anerkannt wird.
Angeklagter, du weigerst dich zu gestehen? Dann bleibst du hier so lange stehen, bis du reden wirst. Oder hattest du etwa geglaubt, du würdest wieder in deine Zelle zurückgeführt, um dich dort weiterhin deinen Träumereien hinzugeben? Dafür ist es zu spät. Wenn du also vernünftig bist, dann sagst du den kurzen Satz, den wir einzig aus deinem Munde hören wollen: Ja, ich hatte es geglaubt!
Ja, ich hatte es geglaubt. Aber was hat mich dazu veranlasst? Es ist wohl meine Jugend gewesen. Ich hatte es nicht anders gekannt, bekam immer nur das Gleiche zu hören. Was, Sie auch? Und Sie auch? Wir alle bekamen immer nur das Gleiche zu hören und bis heute wird der grosse Kanon fortgesungen.
Die Tatsächlichkeit der Dinge aber lässt sich auf die Dauer nicht betrügen. Irgendwann sickert der Zweifel sogar durch öldichte Fugen, und jeder schwarze Tropfen auf der weißen Toga der Einfalt nimmt die Form einer Frage an.
Warum kann eine einzige Lüge zehn Wahrheiten vergiften? Warum ist die Wahrheit so schwach, so leicht zu verdünnen? Wie lächerlich, geradezu ärmlich steht sie doch da neben der geilen, zufriedenen Feistheit der Lüge, die zu keiner Zeit verlegen ist, weitere Kinder in die falsche Welt zu setzen. Warum ist Wahrheit niemals gänzlich fertig, warum wirkt sie stets ein wenig bekümmert, während man das wonnigliche Schnarchen der Lüge nach getaner Arbeit vernimmt?
All diese Gedanken im Kopf. Einhalten, warten. Am Boden das welke braune Buchenlaub des letzten Jahrs, durchsetzt von Huflattich und Leberblümchen. Ein weiterer Frühling. Auf alles ist wunderbar Verlass, nicht eine einzige Lüge steckt dahinter. Nur ich bin das Falsche darin. Los, hör auf zu starren, lass diesen Flecken doch in Ruhe, geh weg von hier, geh weiter.
In der Nacht, wenn mich der Kummer nicht schlafen lässt, lausche ich mich in das Triefen des Regens hinein, in der Hoffnung, darin Trost zu finden. Warum aber tropft Wasser? Muss es wirklich unbedingt so sein, dass es flüssig ist? Ginge das nicht auch völlig anders?
Eine Millisekunde reicht aus, um tausend Jahre von Hingabe und liebevoller Mühe zu vernichten. Warum aber ist das so? Muss das sein? Oder ist all das nur uns zum Spott so eingerichtet? Ich weigere mich, es als legitim anzuerkennen, dass Zerstörung stets so viel leichter und schneller erfolgt als Aufbau. Dies ist ein Fehler, ich bestehe darauf. Und bevor sich nun die Physiker in ihrer bekannten Arroganz formieren, um mich zu belehren: Es geht hier nicht um Fragen der Mechanik, sondern des schlichten Anstands, der bei der Einrichtung des Kosmos hätte walten können.
Abends, wenn ich mich zum Schlafen lege, dann frage ich mich bisweilen: Ist das nun ein Tag gewesen? Oder waren es zwei, drei, zehn Tage? Wieso sehen sich alle Tage zum Verwechseln ähnlich, und weshalb verfließen die Monate, ohne dass es einen Unterschied zwischen ihnen gäbe? Und wann kommt der Krieg? Als ich geschlafen hatte, bist du im Traum an meinem Bett gestanden: So ähnlich ist es damals auch losgegangen, hast du gesagt. Also sei darauf gefasst. Das Falsche hat nie aufgehört. Es war nur unsere verblendete Hoffnung, die so gerne das Gegenteil gewollt hat, doch bloßes Wollen hat noch zu keiner Zeit gereicht. So blieb die Lüge wieder einmal mühelos mächtiger.
Die Beklemmung und Sorge, und manchmal schon Angst, sickern stetig und leise in den Alltag hinein. Auch die Wünsche durchlaufen eine Metamorphose: Sie werden einfacher und kleiner. Bescheidener wird auch die Sprache. Es kann geschehen, dass man, wenn man sich reden hört, mit stillem Erschrecken die Phrasen seiner Großeltern wiedererkennt. Aber noch ist man nicht soweit, dass man das auch offen zugeben würde. Das wäre ja gleichbedeutend damit, das erneute Scheitern einzugestehen, und ist doch auch jedes Scheitern noch schlimmer als das vorige. Die Mär vom besseren Scheitern ist lediglich ein weiterer Sieg des Falschen.
Alles, was man tut, glückt nur noch aus Zufall. Dementsprechend selten wird das Gelingen, denn das Falsche war ja nie weg. Zu viele neue Regeln gilt es zu beachten, zu viele Leute dürfen sich irgendwie einmischen, zu viele unvorhersehbare Hindernisse, die es vordem nicht gab, türmen sich auf oder legen sich quer. Zu wenig Zeit, um etwas richtig zu machen, bis es auch bei bester Vorbereitung fast unmöglich wird, schon beim ersten Mal unbeschadet durchzukommen. Ebenso gut könnte man versuchen, durch ein mannshohes Gestrüpp aus Brombeerstauden zu steigen, ohne sich auch nur einmal zu verheddern. Für alles braucht es mindestens zwei Anläufe, und das ist noch ein Traumwert. Und inmitten dieser Stacheldrahtgewirre ruht sanft auf Kissen gebettet das Falsche.
All das kann für Gereiztheit sorgen und man beginnt, jene zu kränken, die man eigentlich liebt. Es wird einsam um einen und man schaut ungerührt dabei zu. Man erhofft sich nichts mehr. Auch ist kein Platz mehr freigehalten für andere, der Sieg des Falschen ist komplett. Ja ja, ich weiß, die Umfragewerte hätten eigentlich was anderes vorhergesagt. Eigentlich. Aber vielleicht haben viele Leute ganz einfach nur gelogen? Haben vielleicht aus Hinterlist was anderes gesagt, als sie eigentlich denken, um diesen Umfrage-Fuzzis gleich eins auszuwischen? Außerdem ist ja egal, wie Wahlen ausgehen, was zählt ist, wer die Macht hat, und diese hehre Wa – a -ahrheit ist sowieso nur eine Möglichkeit von vielen. Das regeln wir dann schon.
Was war man einst für ein selbstbewusster Kämpe. Überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen, ritt man stolz in die Arena, während das Falsche unauffällig irgendwo auf der Tribüne unter den Zuschauern stand und lächelnd das Spektakel verfolgte. Es hatte bereits vorgesorgt. Jetzt presche du erst einmal mit flatterndem Wimpel hinaus in dein Leben, und wenn es großteils vorbei und ausgesaugt ist, dann sprechen wir uns wieder.
Nun also ist es soweit. Stillschweigend hat man längst verstanden, dass das Wertvollste, das man je im Leben besessen hat, nicht nur die Träume waren, sondern vor allem der Glaube daran. Der ist nun weg.
So bleibt man völlig verarmt zurück inmitten dieser Zeit des Falschen. Los, weitergehn!
Illustration: Diethard Sanders. Einzelbild aus der Serie „Aus einem Leben“. 10 x 10 cm, Farbstift auf Karton
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Chapeau – das Richtige im zeitgeistigen Falschen zurecht gerückt.
LG und Danke!