Diethard Sanders
Nur die Anpassungsfähigsten überleben.
Oder:
Wie sehr man sich doch irren kann.
Gedanken zum neuen Jahr
Liebe Österreicherinnen und Österreicher!
An dieser Stelle sollte eigentlich eine Neujahrsansprache stehen. Sie wissen schon, das sind diese Reden, die nicht länger als fünf Minuten dauern sollten und in denen die Worte Aufgaben, Menschlichkeit, Gletscherschmelze und natürlich das inzwischen zum Evergreen avancierte Herausforderungen eingestreut sind.
Doch nach mehreren Anläufen habe ich es aufgegeben und zwar ganz einfach deshalb, weil mir dazu nichts einfallen wollte, das nicht schon völlig abgedroschen klang. Vielleicht geht das ja mit KI, dachte ich mir dann, und promptete Schreib eine verhalten optimistische Neujahrsansprache nicht länger als 1000 Worte – und schwupp! Da war sie!
Doch sie las sich von Anfang bis Ende wie eine Aneinanderreihung der plattesten Klischees und erregte nur noch Übelkeit. Nachdem ich anschließend mehrere Tage ratlos zugebracht hatte, verfiel ich auf die Idee, Sie, meine lieben Österreicherinnen und Österreicher, an einigen meiner Gedankengänge teilhaben zu lassen, ganz ungeschönt und ungeschminkt, sozusagen als ein besonders persönliches Marzipan-Schweinchen an Stelle einer todlangweiligen Ansprache.
Wenn ich am Abend, müde vom Tagewerk, vor dem Fernseher zu irgend einer Naturdoku sanft vor mich hindöse, dann warte ich schon seit Jahren immer auf den Satz des Kommentators, der da lautet Hier überleben nur die Anpassungsfähigsten oder, Nur Anpassungsfähige überleben hier, oder Wer hier überleben will, muss anpassungsfähig sein und so weiter.
Es gibt mittlerweile scheinbar keine Doku zu Natur und Tieren, die ohne diesen Satz wenigstens einmal runterzuleiern auskommt. Und bei einigen dieser Sendungen drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Aussage durchaus mit sozialdarwinistischem Unterton gemeint ist, sich also an uns Menschen richtet.
Da, nehmt euch ein Beispiel am Polarfuchs! Oder am Kaiserpinguin. Oder am Vielfraß. Oder an Wüstenlöwen. Jaa, jaaa, es reicht, wir haben’s schon verstanden! Wir sollen anpassungsfähig sein. Wir sollen uns freuen auf die KI, die uns die Arbeit letzten Endes noch mehr verkomplizieren wird oder uns gleich ganz ersetzt. Wir sollen noch digitalisierungskompatibler werden, bis wir vor lauter EDV-Support kein Frankfurter Würstchen ohne unseren Laptop kochen können. Wir sollen vernünftigen Umgang mit social media pflegen und täglich nur noch zwei statt vier oder fünf Stunden auf unserem Handy rumwischen. Wir sollen mit Freuden lieber eine abenteuerlich umständliche Reise mit der Bahn von Innsbruck nach Wien buchen als einfach mit dem Auto zu fahren. Das aber wenigstens ein E-Auto sein muss! Wir sollen uns freudig gegenseitig Solarpanele auf die Stirn kleben und Windräder total sexy finden.

Diethard Sanders:Ohne Titel. Einzelbild aus:
Ein Leben. Corvus Kowenzl (2023 bis X).
Farbstift auf Karton, 10 x 10 cm
Und bei alledem leben wir trotz hochqualifiziertem Vollzeit-Job mit Uni-Abschluß als anpassungsfähige Singles am Stadtrand in einer 30 Quadratmeter-Einzimmer-Wohnung, für deren Miete man sich früher in einem Flügel vom Schloss Versailles hätte einrichten können. Und natürlich sollte jeder, der nicht imstande ist, so anpassungsfähig zu sein, wenigstens mit einem unablässig schlechten Gewissen kämpfen.
Wir wollen aber nicht so anpassungsfähig sein!
Wir sind keine Pinguine! Und wir wollen kein schlechtes Gewissen, das uns Tag und Nacht drückt. Wir wollen, dass es uns immer noch geht wie damals den Boomern, als die große Saga des ewigen Aufwärts und immerfort Mehr noch gültig schien wie eine in Erz gegossene Wahrheit, die von Managern und Politikern aller Couleurs unablässig in die Gehirne gehämmert wurde. Heute bleibt uns Angepassten die Bitterkeit der Zurücksetzung, der zu späten Geburt, der Verdruss, der gekränkte Egoismus, die zunehmende Kompliziertheit des Alltags, die Zukunftsangst, die verborgene Wut und der vergrabene Hass, die über die Jahre zu einem Cocktail verschmelzen, der selbst das primitivste Urteilsvermögen vernebeln kann.
Das ist ein hochgefährlicher Zustand. Denn, darin befangen, lässt man sich sehr leicht täuschen. Je großartiger die Versprechungen sind, desto lieber werden sie geglaubt. Man kann in diesem belämmerten Zustand durchaus existieren, jahrelang, sogar mehrere Legislaturperioden lang, aber man kann nicht für immer so leben.
Eines Tages bricht die trockene Tatsächlichkeit doch wieder durch die Nebelwand im Hirn, und es dämmert einem: Wie sehr man sich im Leben doch irren kann! Doch dann ist es zu spät. Aber wenigstens eines stimmt immer noch, und dann sogar ganz besonders: Nur die Anpassungsfähigsten überleben.
Ich wünsche mir und uns allen, liebe Österreicherinnen und Österreicher, dass wir uns im neuen Jahr etwas weniger täuschen lassen und etwas weniger irren, damit nicht nur die Anpassungsfähigsten übrig bleiben. Prosit 2026!
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