Diethard Sanders
Der Schrei
Aus der Reihe
"Abgründe Alpenländischen Alltags"
Mit diesem Titel soll nicht das legendäre Gemälde von Edward Munch gemeint sein, sondern eine Erscheinung, die streng genommen ein Grenzfall in einer Serie mit dem Titel Abgründe alpenländischen Alltags ist, da das hierunter Beschriebene auch außerhalb der Alpen auftreten kann. Andererseits legt die Erfahrung nahe, dass der im Folgenden ausgeleuchtete kleine Abgrund besonders gehäuft in den Ostalpen vorzukommen scheint.
Ich rede von den Armaturen im Sanitärbereich von Gästezimmern und Ferienwohnungen, von denen man in im allgemeinen annehmen könnte, ihre Beschriftung würde einem allgemeinverständlichen Code folgen.
Leider hat sich das nicht bis zu jenen Firmen herumgesprochen, die die Armaturen für Badezimmer herstellen. Wer als Gast in Ländern unterwegs ist, in denen – sei es, weil dort alle Neuerungen vom Kontinent aus Prinzip abgelehnt werden (England) oder weil schon lange kein Krieg mehr war, der einen Wiederaufbau nötig gemacht hätte (Schweiz) – noch die Armaturen der übervorletzten Generation verbreitet sind, der findet sich zumeist in Badezimmern, die herrlich einfach und einleuchtend zu bedienen sind.
Da gibt es zum Beispiel Mischbatterien, bei denen links ein Drehhahn mit einem leuchtend roten Punkt und rechts ein Hahn mit einem strahlenden Marineblau versehen sind, die beide in einen gemeinsamen Auslass münden. Noch schöner ist das Ganze, wenn die Drehhähne auch noch in grossen Lettern beschriftet sind: Hot–Cold, Warm–Kalt, Chaude–Froide.
Nicht so in den Ostalpen.
Hier scheinen die Hersteller von Sanitär-Geräten in einer Art von sportlichem Wettbewerb gegeneinander zu stehen, wer die noch unklarere und verwirrendere Armatur herzustellen und dann einem Beherbergungs-Betrieb aufzuschwatzen imstande ist.
Also findet sich der Gast jedes Mal mit neuen und vom Design her natürlich möglichst ultramodernen Varianten von Armaturen konfrontiert – und es scheint unzählige davon zu geben. Es geht schon einmal damit los, dass es bereits fordernd sein kann, den Wasserhahn für das Handwaschbecken zum Rinnen zu bringen. Wenigstens derzeit gibt es dafür meist die Mischbatterien, die nur noch einen Hebel haben, und bei denen sich die Wassertemperatur durch Drehen des Hebels nach der einen oder der anderen Seite regeln lässt.
Doch auch das lässt sich anders machen, und so gibt es inzwischen durchaus auch Hähne, die gar keine sichtbare Mischbatterie mehr haben und bei denen die Wassertemperatur durch Antippen eines Displays eingestellt werden muss, das in der Wand hinter dem Hahn angebracht ist. Natürlich nur nachdem man seine persönliche Gästenummer und einige seiner Eckdaten in einem kleinen Buchstabierfeld eingegeben sowie ein Password für die Dauer des Aufenthalts angelegt hat, damit nicht etwa gar Unbefugte dahinter kämen, den Hahn zu bedienen. Doch bleiben wir vorerst bei der einfachen Mischbatterie mit Hebel.
Man greift also zuversichtlich zum Hebel und zieht ihn an. Er ist etwas schwergängig, klemmt ein wenig; doch da gibt er mit einem Mal nach und schon schießt ein Strahl wie aus einem Feuerwehrschlauch heraus. Erschrocken drückt man den Hebel gleich wieder zurück, aber vom Bauch bis zur Hose ist erstmal alles nass. Macht nix, ist nur Wasser, das trocknet.
Vorsichtig, ganz vorsichtig zieht oder besser gesagt ruckelt man den Hebel wieder an. Der Strahl ist nun etwas moderater. Nun die nächste Frage: wo ist kalt, wo ist warm? Nur der Laie glaubt, die auf dem Sockel des Hebels angebrachten abstrakten dreieckigen Symbole für Warm-Rot und Kalt-Blau (wenigstens darüber scheint man sich noch einig zu sein) würden ihm helfen. Denn einmal erreicht man die gewünschte Temperatur, indem man den Hebel in Richtung des Symbols zieht. Bei anderen Armaturen von anderen Herstellern kann es aber genau umgekehrt sein.
Man muss es also ausprobieren und sich nach Möglichkeit auf Anhieb merken. Leider ist es oft nicht einfach, rasch festzustellen, in welcher Stellung die Mischbatterie warmes Wasser und in welcher Stellung kaltes Wasser liefert, denn aus den zumeist schlecht isolierten Leitungen kommt zuerst sowieso zwischen 5-10 Minuten lange nur lauwarmes Wasser, auch wenn es eigentlich warm oder kalt sein sollte.
Als Faustregel gilt, dass die Wassertemperatur, die sich nach etwa 15 Minuten ununterbrochenem vollen Laufenlassen des Hahns eingestellt hat, ein zumeist hohes Mass an Vertrauenswürdigkeit hat. Man kann sich das Ergebnis mit einer kleinen Skizze auf einem post-it Zettelchen notieren, das man dann auf den Badezimmerspiegel klebt.
Nun ist so ein Wasseranschluss für ein Handwaschbecken für einen gestandenen Armaturen-Designer offenbar ein zu einfaches und somit entsprechend frustrierendes Betätigungsfeld. Es muss halt gemacht werden, mehr aber nicht. Das volle Ausmaß seiner Kreativität kann der moderne Designer erst bei einer anderen unabdingbaren Sanitär-Einheit ausspielen – der Dusche.
Grundsätzlich könnte eine Dusch-Armatur ebenso relativ einfach sein wie die des Handwaschbeckens, doch genau dies galt es zu unterbinden. So findet sich in vielen Duschen nicht nur eine Mischbatterie, sondern zudem auch noch weitere Dreh- oder Drückhähne sowie Temperatur-Regler mit Kalt- und Warm-Knöpfchen, die sowieso nur in seltenen Ausnahmefällen wirklich funktionieren und sich fast immer durch extrem lange Reaktionszeiten auszeichnen.
So sehr sich die Designer aber auch Mühe geben, so bleibt das häufigste Problem mit den Duschen aber immer noch das Gleiche, oder wenigstens ein ähnliches, als mit dem Handwaschbecken: Man weiß nicht auf Anhieb, wo sich beim Drehen des Hebels oder des Knopfs dann wirklich kaltes oder warmes Wasser einstellt. Man kann es ebenfalls nur ausprobieren. Man muss auch in diesem Fall das Wasser richtig lange rinnen lassen, ansonsten kann es leicht zum Schrei kommen.
Der Schrei stellt sich beispielsweise ein, wenn man sich gerade damit abgefunden hat, dass mehr als lauwarmes Wasser eben nicht zu haben ist und sich die Temperatur dann binnen etwa zweier Sekunden sprunghaft auf das Niveau erhöht, auf das man die Mischbatterie in Unkenntnis ihrer Eigenheiten eingestellt hatte. Meist muss man dann wieder abreisen, wenn man gerade angefangen hat, mit der Dusche einigermaßen zurecht zu kommen.
Als weitgereister und Ostalpen-geprüfter Mann von Welt bin ich natürlich längst auf die Tücken der Sanitär-Einheiten eingestellt. Immer wenn ich eine neue Unterkunft betrete, werfe ich als erstes das Gepäck aufs Bett und gehe dann sogleich pinkeln, sozusagen als erste vorsichtige Kontaktaufnahme.
Schaffe ich es zum Beispiel auf Anhieb, das Klo zum Spülen zu bringen? Oder geht das nur noch, indem ich einen speziellen Code von meinem Handy schicke, den ich mir vorher an der Rezeption hätte abholen sollen? Als nächstes folgt der obligate Check des Handwaschbeckens und anschließend der Dusche.
Unlängst hatte ich aus beruflichen Gründen sehr kurzfristig eine Unterkunft gebucht und war froh, überhaupt noch ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben. Als ich dort ankam, stellte sich heraus, dass es ein möglichst ökologisch und CO2-arm geführter Betrieb war einschließlich Solarpanelen am Dach.
Als ich beim Beziehen des Zimmers den üblichen Sanitär-Check machte, kam trotz langen Rinnenlassens der Dusche nur lauwarmes Wasser an der Grenze zum kalten heraus. Nun gut, so dachte ich mir, das wird wohl der Preis für Öko sein. Vermutlich duschen wir sowieso alle zu warm.
Als ich aber am Abend des nächsten Tages redlich müde von der Arbeit im Gebirge heimkehrte und mich duschen wollte, versuchte ich es nochmals und ließ den Warmwasser-Anschluss erstmal lange laufen. Es half nichts. Es blieb kalt-lauwarm. Schließlich kapitulierte ich. Ich stieg in die Dusche und biss die Zähne zusammen.
Da erblickte ich einen geheimnisvollen Handhebel, der über der konventionellen Dusch-Armatur in die Wand der Kabine eingelassen war. Er hatte kein Zeichen, keine Beschriftung und keine Farbe darauf. Vielleicht war das der Warmwasser-Anschluss! Fröstelnd drehte ich den Duschkopf etwas zur Seite und machte mich daran, den Hebel zu betätigen.
Zuerst drehte ich in die eine Richtung, da ging nichts. Dann in die andere. Mit einem Mal gab der Hebel nach – und in der nächsten Sekunde erfolgte mein Schrei: Eine nicht enden wollende Sintflut eiskalten Wassers ergoss sich von oben über mich! Verdattert drehte ich den Hebel wieder zurück und starrte entgeistert nach oben.
In der Decke der Duschkabine war diskret ein großer Schwalldusch-Kopf eingelassen. Natürlich – Kneipp, Öko und so! Ich stand einige Sekunden in leichter Fassungslosigkeit, bevor ich wieder weiterduschte. Immerhin erschien mir jetzt das kalt-lauwarme Wasser, das aus dem normalen Duschkopf strömte, nicht mehr ganz so kalt.
Etwas verärgert seifte ich mich ein. Dass so etwas einem alten Routinier wie mir nochmals passieren musste! Da wurde plötzlich das Wasser binnen weniger Sekunden erstmals spürbar wärmer. . .
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