Diethard Sanders
"Das Alpine natural hazard challenge, Prize category: heavy rain 2026"
Aus der Reihe:
Abgründe alpenländischen Alltags
Satire

In Zeiten wie diesen, da inzwischen jeder versoffene Hallodri vermittels vielem Geld und vieler Sherpas auf dem Mount Everest zu stehen kommen kann, muss man sich schon etwas Besonderes einfallen lassen, um aus der Event-Landschaft noch ein wenig herauszuragen. Ohnehin gibt es schon zu viel bereits Gehabtes und Gesehenes, zum beständigen Gram der Tourismusvisionäre und ihrer Entouragen.

Längst ist die Landschaft mit einem dichten Netz aus Events größtenteils sportlicher Art überkrustet, die alle Altersklassen auf einmal oder nacheinander in allen erdenklichen bis doofen Sportarten ansprechen sollen.

Das gemeinsame Feindbild ist der schlichte Wanderer, der mit seiner bei verschiedenen Saison-Ausverkäufen zusammengeschusterten 600-Euro Ausrüstung einschliesslich Regenjacke, Bergschuhen und Rucksack volkswirtschaftlich natürlich ein Nichts an der Grenze zum Sozial-Parasiten ist. Und dann verlangen diese Knauserer auch noch, dass wenigstens die Gebirgs-Pfade frei von Mountainbikes bleiben sollten! Ha! Wer nix zahlt, redet auch nicht mit! So schaut’s aus!

Doch hinter dem brüsken Auftreten des Visionärs plagen ihn Zweifel. Was könnten wir denn noch machen, dass noch mehr Leute auf dieses oder jenes Event kommen? Welche neuen Events liessen sich ersinnen? Irgendein Kriterium, eine neue Challenge? Ist denn wirklich schon alles ausgereizt? Zu viel kosten soll’s natürlich auch nicht, die Gemeinden sind ja jetzt schon pleite, andererseits der Werbeeffekt, der Werbeeffekt. . . aber wenn’s nicht auf Anhieb genug einspielt, dann können wir gleich ganz zusperren.

Solcher Gram quält den Event-Inventor und es ist klar, dass das meteorologische Kontrastprogramm aus Hitzewellen und frei vom Himmel fallenden Sturzbächen aus Wasser und fallweise auch Hagel nicht gerade zur Durchführbarkeit all dieser Pläne beitragen. . . doch hier möchte ich, in aller Bescheidenheit sei es gesagt, beweisen, dass ich neben anderen Talenten (bescheidenes Räuspern) auch das Zeug zum Tourismusvisionär hätte. 

Denn während sich alle, einschließlich der anderen Visionäre außer mir, in Qualen winden und im Wald auf improvisierten Steinaltären heimlich Ziegen opfern, um den Wettergott gnädig zu stimmen, gehe ich frisch und keck an die Sache heran und sage:

JA, es schüttet in Strömen! JA, es hört nicht auf! JA, es ist Land unter! Und was sage ich euch jetzt, Leute, was sage ich?! – HEY, sage ich, das ist volle geil!

Liebe Touristen, habt ihr nicht auch schon längst genug – um es höflich auszudrücken – von diesen quälend immer gleichen Urlauben mitsamt entsprechender Photos!? Von diesen blödsinnigen Sonnenuntergängen, erschwerend mit der Silhouette ihrer Wenigkeiten im Vordergrund; von diesen Photos von grünlichem Schnittlauch auf irgendeinem Marktstand, der die Ursprünglichkeit einer Gegend belegen soll; von diesen Photos irgendeines (Ehe-)Partners oder einer Partnerin der oder die in der Sonne sitzt oder liegt und in die Kamera lacht; von diesen Tempel-, Burgen-, Amphitheater- und Altstadtgassen-Photos sonder Zahl, die ja doch alle gleich aussehen; von diesen Photos von toten Tintenfischen an der Stange; diesen Photos von Alten, die missgelaunt neben einem Hauseingang sitzen, damit sie den Familienmitgliedern im Inneren des Hauses nicht auf die Nerven fallen; von diesen Pizza-Photos nebst grinsendem pubertärem Sohn – um nur einen kleinen Abriss aus dem Tartaros des Genres Urlaubsphoto zu liefern?

Nicht so hier bei uns, im Land, in dem sich die Elemente Feuer, Wasser und Erde nahtlos die Hand reichen. Lassen wir diese ganzen Museumsbesuche, das tatenlose Rumsitzen in Caféhäusern, das Abklappern von Galerien und die Operette am Abend, stellen wir uns in neuer Entschlossenheit den Tatsachen im gemeinsamen Alpine natural hazard challenge, Prize category: heavy rain.

Für den Besuch von Almen empfehlen wir die Mitnahme von Flossen und wenigstens einer Schwimmbrille, um die herumtreibenden Schafe, deren jedes mit zwei Fendern von den Nachbarschafen abgepuffert ist, beim Grundeln zu beobachten. Die Kühe dagegen sind trotz ihrer ständigen Blähungen einfach zu schwer, daher hat man sie mit Taucherbrillen mit langen Schnorcheln ausgestattet, ein interessanter Anblick . Das gibt endlich einmal richtig originelle Urlaubsphotos, die den Nachbarn neidisch machen, der nur mit Müh und Not verhindern konnte, als Grillwürstel in einem der Waldbrände irgendwo am Mittelmeer zu enden, nur weil er sich den Urlaub im sonnigen Süden in den Kopf gesetzt hat.

Doch auch abseits der Allmenden gibt es genügend playground für nice Zerstreuung. Besonders gefragt: Murenhopping. Die älteren Jahrgänge unter uns werden sich noch erinnern, dass in den 80ern bis 90ern unter jungen Leuten das Inselhopping in der Ägäis oder sonst einer Gegend mit vielen Inseln wie der Karibik in Mode war. Aber das ist längst voll outdated

Heute gibt es geführte Touren mit speziell ausgebildeten Murhopping-guides oder debris guides die alles, was sich im Wirkungsbereich der Alpinen Schwerkraft ungeplant zu Tal bewegt per Satellit sofort mitbekommen und sich unverzüglich zum Ort des Geschehens aufmachen, mitsamt einer Gruppe zahlender Touristen im Schlepptau, die sich so eine alpine Mure mal aus der Nähe und vielleicht sogar in Aktion ansehen möchten.

Es gibt billige Eintages-Tickets ohne Ereignis-Garantie und ohne Rückerstattungs-Anspruch, sowie Wochen- und Monatstickets bei denen, sollte sich wider Erwarten doch nichts Sehenswertes ereignen, man Anspruch auf eine teilweise Rückerstattung des Ticketpreises hat.

An guten Tagen kann man mitsamt fakultativem Lunchpaket und einem billigen Familien-Eintagesticket vielleicht drei oder vier heisse locations abklappern. Das gibt dann richtig was her und die Speicherplätze der Handys sind bald zum Bersten voll. Außer Muren kann man übrigens auch Überschwemmungen, Felsstürze, Schneelawinen oder – aber das ist dann richtig teuer! – echte Bergstürze ab einer Million Kubikmeter buchen.

Dank geeigneter Kommunikations- und Transportmittel wie etwa Satellitenüberwachung im Tandem mit einem Hubschrauber lassen sich solche natural disasters fallweise auch in Aktion erhaschen.

Gegen einen ordentlichen Aufpreis kann man dann auch Murensurfing machen, indem man vom Hubschrauber mit einem Wellenbrett direkt auf die zu Tal schiessende Mure oder, im Winter, Lawine hinabspringt. Echter challenge garantiert. Den Haftungsausschluss für den guide sowie die Vollkasko-Versicherung kann man schnell und unbürokratisch per QR code vom Handy abrufen und digital signieren, eine Sache von einer Minute, geht auch noch knapp vor dem Absprung aus dem Heli. Und sollte es mal wirklich eng werden dann kommt eh die Bergrettung.

Neben der Unterhaltung, die so eine Naturkatastrophe aus sich selbst heraus bietet, kann man natürlich auch eventuellen Einsatzkräften herrlich auf die Nerven gehen, etwa, indem man sie mit Fragen löchert oder ständig im Weg rumsteht, weil man Selfies von sich mit der Mure und dem Einsatzfahrzeug im Hintergrund machen muss.

Das Geld, das die Leute für diese Art der Unterhaltung ausgeben, fließt zum Teil in die notorisch klammen Gemeindekassen, und die Touris haben sicher viel Spass dabei. Am Ende hält der guide eine kurze Ansprache, sagt, dass er oder sie noch nie eine so interessierte und nette Gruppe führen durfte, woraufhin alle noch eine wasserfeste kleine Urkunde und ein wasserfestes T-shirt mit einem dramatischen Aufdruck, etwa July 2026 Pitztal debris flow survivor oder so ähnlich mit Handschlag erhalten. . . na, das soll mir mal einer nachmachen.

Ich berate übrigens auch IHRE Gemeinde gerne.

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Diethard Sanders

Diethard Sanders, alias Corvus Kowenzl, kam am 18. Februar 1960 in Hall in Tirol zur Welt und wuchs in Innsbruck auf. Erste Schreibversuche ab 12 Jahren. Der Matura an der HTL für Hochbau in Innsbruck folgten Jahre eines selbstfinanzierten Lebens und Studiums der Geologie an der Uni Innsbruck. Nach einem Doktorats-Studium an der ETH Zürich im Jahr 1994 Rückkehr an die Uni Innsbruck, wo ich mich im Jahr 2000 habilitierte. Trotz der universitären Tätigkeit nie damit aufgehört, vor allem des Nachts Bücher zu lesen, die wenig bis gar nichts mit Geologie zu tun haben.

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