Diethard Sanders bespricht:
Rutger Bregman
"Im Grunde gut"
Eine neue Geschichte der Menschheit

Da ich zu einem Treffen in der Stadt etwas zu früh war, beschloss ich, mir die überschüssigen Minuten in einer nahegelegenen Buchhandlung zu vertreiben; im festen Vorurteil, keinen Titel zu finden, der mich so fangen könnte, dass ich das Buch auch kaufe. Und das gelang mir zuerst auch, bis mein Blick auf den Umschlag von Bregman’s Im Grunde gut fiel, mit der Kurzbeschreibung des Inhalts auf der Rückseite, dass die meisten Menschen im Grunde gut sind. 

Im Grunde, hm, hm! Und das in Zeiten wie diesen? Ich kaufte es. . .

. . . und habe nie zuvor ein Buch gelesen, in dem die Kluft zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis – die bekanntlich die Grundlage von Entscheidungen und Vorhaben sein sollte – und politischem Handeln und Alltagshandeln anhand von Beispielen so eindrücklich dargestellt wurde. Das kam für mich beim Lesen unerwartet, doch es ist tatsächlich relevant für die Frage, ob der Mensch im Grunde gut oder böse ist. 

Bregman zeigt, vielleicht sogar ohne das in erster Linie zu wollen, wie rückständig und verbohrt bis hin zum Selbstbetrug unsere westliche Gesellschaft in mancher Hinsicht ist.

Beeindruckend ist die hartnäckige Recherche des Autors zu prominenten psychologischen Legenden, die angeblich auf wissenschaftlichen Ergebnissen beruhen, die jedoch völlig verdreht, aber medienwirksam durchgereicht wurden, wobei natürlich kaum jemand die eigentlichen Ergebnisse und vor allem die Methoden, mit denen sie erreicht wurden, unter die Lupe nahm. 

Interessant ist auch die Geschichte rund um das Buch Herr der Fliegen (Lord of the Flies) von William Golding (1954), eine Fiktion, die immerhin mit dem Literaturnobelpreis bedacht wurde. Darin geht es darum, dass eine Gruppe von Jugendlichen auf einer Insel strandet und sich am Ende durch ungehemmte Feindschaft selbst vernichtet. 

Dieses Menschenbild hielt man für tragisch, aber realistisch. Es ist im 20. Jahrhundert aber tatsächlich vorgekommen, dass eine Gruppe von Jungen auf einer Südsee-Insel strandete! Im Wissen, dass sie nur ihre Insel und sich gegenseitig haben, hatten die Jungen ihr Leben so wunderbar organisiert, dass alle gesund und geeint blieben, bis sie schließlich aufgefunden und – durchaus zu ihrer nicht ungeteilten Begeisterung – wieder in den westlichen Lebensstil gezwängt wurden. Ärzte sollen über die ausgezeichnete körperliche Verfassung und die Fähigkeiten der Jungen erstaunt gewesen sein. Diese sehr positive Begebenheit hat es aber kaum in die Schlagzeilen geschafft.

Das Buch enthält viele weitere Episoden und Recherchen dieser Art und mündet schliesslich in die entscheidende Frage: Ist der Mensch nach allem, was wir heute wissen, nun gut oder böse? Die an sich beruhigende Antwort, die von verschiedenen Forschungsrichtungen unterlegt wird lautet: der Mensch ist im Grunde gut. 

Ausnahmen sind Fremde und Fremdes, denen und dem stets mit Misstrauen und erhöhter Aggressionsbereitschaft begegnet wird, und negative Vorfälle (z.B. mit Fremden), die sich deutlich nachhaltiger ins einzelne und kollektive Gedächtnis einprägen als viele gute Interaktionen vorher. 

Anders gesagt: der Mensch hat eine vermutlich aus Selbstschutz stammende Neigung, nach negativen Geschehnissen nachtragend zu sein und viele positive Erlebnisse vorher zu vergessen oder abzuwerten.

Ein Problem wird aber kaum adressiert, das durchaus mit der Kernfrage zu tun hat: Die offenbar fehlende kollektive Lernfähigkeit des im Grunde guten Menschen, sodass wir dieselben Fehler immer wieder machen, während die technologische Vernichtungskapazität und die überdehnte Ausbeutung von Ressourcen ständig zunehmen. Von dieser Stelle aus kann man selber weiterdenken.

Fazit: Alles in allem ein sehr lesenswertes Buch.


Rutger Bregman: „Im Grunde gut“, Eine neue Geschichte der Menschheit, rororo 479 2021, 15,42 Euro,  ISBN-13 : ‎ 978-3499004162

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Diethard Sanders

Diethard Sanders, alias Corvus Kowenzl, kam am 18. Februar 1960 in Hall in Tirol zur Welt und wuchs in Innsbruck auf. Erste Schreibversuche ab 12 Jahren. Der Matura an der HTL für Hochbau in Innsbruck folgten Jahre eines selbstfinanzierten Lebens und Studiums der Geologie an der Uni Innsbruck. Nach einem Doktorats-Studium an der ETH Zürich im Jahr 1994 Rückkehr an die Uni Innsbruck, wo ich mich im Jahr 2000 habilitierte. Trotz der universitären Tätigkeit nie damit aufgehört, vor allem des Nachts Bücher zu lesen, die wenig bis gar nichts mit Geologie zu tun haben.

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