Dietger Lather
Religiöse Kopftücher
Wieviel Widerstand erzeugen
die Wünsche der Desintegrationsministerin Plakolm?
Essay
Vor fast sechzehn Jahren wurde er öffentlichkeitswirksam, der Satz von den kleinen Kopftuchmädchen. Thilo Sarrazin benutzte ihn, um türkische Mädchen zu entwürdigen. Polemik zeichnete ihn immer aus. Latente Fremdenfeindlichkeit publizierte er unter dem Deckmantel quasiwissenschaftlicher Fakten. Eine Klage wegen Rassismus und Volksverhetzung wurde abgewiesen. Die SPD wollte ihn ausschließen und scheiterte damit. Aushalten musste man ihn. Wäre der Satz nicht gegen die Einwanderer aus der muslimischen Welt in Deutschland gerichtet gewesen, niemand hätte es interessiert.
Das kleine Kopftuchmädchen zierte ein Kinderbuch, das ich als Kind las. Meine Tanten, die Bäuerinnen, trugen im Stall und auf dem Feld immer ein Kopftuch, genauso wie alle arabischen Frauen in der Wüste. Sie schützten ihr Haar vor Sand, Staub und Dreck. Ihre Kinder schützen ihr Haar ebenfalls.
Im Jahr 2018 griff Frau Weidel, nunmehr Vorsitzende der AfD, den Begriff der Kopftuchmädchen auf. In einer Rede im Parlament beleidigte sie alle Mädchen und Frauen muslimischen Glaubens, die ein Kopftuch tragen. Im Saal begann es zu brodeln. Es folgte der Aufruhr unter Abgeordneten und der Vorwurf, Rassismus habe hier nichts zu suchen.
Leider fragte keiner der empörten Abgeordneten, warum Weidel ausgerechnet gläubige christliche Frauen abwerte und zutiefst beleidige, die vor allem im sozialen Bereich tätig sind. Diakonissen, Nonnen und Novizinnen der Frauenorden verhüllen aus Glaubensgründen ihr Haar. Dabei hatte die gute Frau noch im Dezember 2017 behauptet, die AfD sei die einzige christliche Partei, die es noch gibt.
Diese einzige christliche Bundestagsfraktion, die der AfD, ließ fünf Jahre verstreichen, bis sie 2022 eine kirchenpolitische Sprecherin wählte. Nicole Höchst, die seit 2017 Abgeordnete im Bundestag ist, wählte unter anderem diese Worte, um ihr Religionsverständnis zu verdeutlichen: Das Angleichen der christlichen Lehre an den Zeitgeist, das um den Synodalen Weg herum diskutiert wird und immer mehr Zugriff auf zentrale Säulen des Glaubens erlangt, lehne ich ab.
Leider führt sie nicht aus, wie der christliche Glaube heutzutage gelebt werden soll. Jedenfalls traditionell, kann man aus ihren Worten schließen. Im Netz wird auf der Plattform Im Wort der Wahrheit getreu der Bibel traditionell gelehrt:
Wenn gläubige Frauen die Unterordnung unter ihren Ehemann nicht mehr ernst nehmen oder gar verweigern, dann werden sie in ständige Konflikte, in einen ungeistlichen Machtkampf gegen ihr Oberhaupt gezogen, der ihnen allen Segen raubt und sie geistlich schwer schädigt. Solche „emanzipierten“ christlichen Frauen haben dann natürlich auch keinen Sinn mehr für Ordnungen Gottes wie das Schweigen oder die Kopfbedeckung, welche beides Konsequenzen aus der Unterordnung der Frau und der Hauptesstellung des Mannes sind.
Dieses Weltbild harmoniert mit dem konservativen, patriarchalen Familienbild der AfD. Da wird für die Christinnen die Kopfbedeckung gefordert und die Unterordnung. Ist dies Frau Weidel jemals aufgefallen? Falls sie einmal in die Kirche geht, darf sie Herrn Crupalla nicht widersprechen. Es wird ihr schwerfallen, sie wird sündigen.
Das Familienbild deckt sich mit dem der FPÖ. Deren Frauensprecherin Rosa Ecker ist überzeugt, Frauen würden die schönste Herausforderung des Lebens meistern. Sie bringen Kinder auf die Welt, gründen die Familie, geben auf die Kinder Acht, behüten und beschützen sie und erziehen sie vor allem zu Leistungsträgern. Natürlich fordert die Partei auch eine Herdprämie für die Mütter. Willkommen in der Vergangenheit.
Der Widerspruch, eine selbstbestimmte Frau zu sein, in einer Partei leitende Funktionen wahrzunehmen und gleichzeitig ein patriarchalisches Familienbild zu propagieren, verblüfft weder bei Weidel noch bei Ecker. Widersprüche sind Programm in diesen Parteien.
Doch zurück zu den Kopftüchern, zum Vatikan. Denn das Kopftuchtragen gebietet der Papst bei jeder Audienz. Der Papa könnte ja durch offen getragenes Haar sexuell stimuliert werden. Ein wichtiger Grund, warum Frauen ihr Haar bedecken müssen. Hierin gleichen sich jüdische, christliche und islamische Glaubensschriften. Das Kopftuch als Schutz gegen die sexuelle Gier der Männer.
Soeben komme ich aus einem Urlaub in Marokko zurück. Über 98 Prozent der Einwohner sind muslimischen Glaubens. Überrascht war ich über die freizügige Kleidung der Frauen. Gerade jüngere kleiden sich, als wären sie in Innsbruck in der Sommerfrische. Natürlich tragen viele Frauen Kopftücher, einige den Tschador, viele tragen das Haar offen. Frauen mit Nikab, der das Gesicht verdeckt, nur die Augen frei lässt, sah ich nur in den Altstädten und dort extrem selten. Ein muslimisches Land gewährt den Frauen eine Freizügigkeit, die ich angesichts der Kopftuchdebatten hierzulande vermisse.
In Europa ließ die Aufklärung bei den meisten Christinnen das Kopftuch in die Schublade flattern, außer es ging zum Arbeiten aufs Feld oder in den Stall und von der Mode einmal abgesehen. Der Vatikan lebt jedoch seine Traditionen, erstaunliche Sitten, die auf die jahrhundertalte Geschichte des gegenseitigen Machterhalts von Adel und Kirche zurückzuführen sind.
Die daraus erwachsenen Privilegien werden bei Privataudienzen sowie bei der Heiligen Messe zur Amtseinführung eines Papstes zelebriert. Königinnen und Prinzessinnen katholischer Königshäuser dürfen ein weißes Kleid tragen. Alle anderen Personen haben bei diesen Anlässen Schwarz zu tragen. Für Frauen gilt zusätzlich, dass der Kopf mit einem schwarzen Schleier oder einer schwarzen Mantilla, eine Softversion des Tschadors, zu bedecken ist.
Von dieser Regelung sind nur die Königinnen von Belgien und Spanien, die Großherzogin von Luxemburg, die Prinzessin von Monaco und schließlich die Prinzessin des Hauses von Savoyen ausgenommen. Zwar müssen auch sie ihren Kopf mit einem Schleier oder einer Mantilla bedecken, eben in weißer Farbe, passend zum weißen Kleid. Die Gründe für diesen Unfug könnte Machiavelli formuliert haben. Das Privilège du blanc wird als Symbol für die Reinheit und Unschuld katholischer Herrscherhäuser gewährt – als historisierendes Geschenk des Vatikans an jene Monarchen und deren Familien, die ihm über die Jahrhunderte Treue und Beistand gewährt haben.
Es ist die päpstliche euphemistische Umschreibung für Machterhalt. Selbst der Papst weiß, dass katholischer Glaube das Menschenrecht auf Gleichberechtigung mit Füßen tritt. Dafür dürfen die Prinzessinnen weiß tragen.
Die Gebräuche verblüffen immer wieder. Früher mussten die Frauen in der Kirche ein Kopftuch tragen, überall, in einigen Gegenden noch heute, während die Männer ihre Hüte abzunehmen haben. Auch in Regionen dieser Erde, in denen alle Menschen außerhalb von Gebäuden ihr Haupt bedecken, um sich vor Sonne und Staub zu schützen. Warum nun Frauen ihre Haare auch in der Kirche verstecken müssen, kann nur patriarchalisch und sexuell konnotiert begründet werden. Nonnen, die sich als Bräute Christi verstehen, dürfen ihre Haarpracht nicht zeigen, damit sie bei anderen Männern keinerlei Begierden wecken.
Über die Jahrhunderte hinweg war das Kopftuchtragen Alltagskultur. Wir waren alle daran gewöhnt, störten uns nicht an den Kopftüchern von Mädchen, Frauen, Diakonissen und Nonnen. Bis eine Diskussion vom Zaun gebrochen und von konservativen Kreisen befeuert wurde. Westliche kulturelle Arroganz steigerte sich über nationalistische Ansätze zur Fremdenfeindlichkeit und letztlich zur religiösen Arroganz gegenüber Menschen islamischen Glaubens.
Das Kopftuch ist Symbol der Unterdrückung von Frauen, behaupten auch katholische Christen. In jüngster Zeit argumentieren diese überzeugten katholischen Christen mit dem Gleichheitsgebot, um die behauptete Unterdrückung zu beseitigen. Sie nutzen die Charta der Menschenrechte, die übrigens gegen den Widerstand der katholischen Kirche durchgesetzt werden musste. Sie argumentieren mit einem Gebot, das von der katholischen Kirche immer noch unter den Abtritt gekehrt wird. Seit wann herrscht in der katholischen Kirche Gleichheit zwischen Frauen und Männern?
Die behauptete Unterdrückung ist eine unglaublich einseitige Unterstellung. Benazir Bhutto, die ehemalige Präsidentin von Pakistan wird diese Interpretation von sich weisen. Sie, wie auch Millionen anderer Frauen islamischen Glaubens, die keine Kopftücher tragen. Schließlich sieht der Koran dies nicht als allgemeingültiges Gebot vor. Tiefgläubige, auch radikale Moslems, behaupten dies allerdings, weswegen sie das Kopftuch in ihrer Familie und teils in der Gesellschaft radikal durchsetzen.
Letzteres ruft in Österreich die Ministerin für Bildung und Integration auf den Plan. Frau Plakolm befindet sich jedoch in einem Dilemma. Da sie für die Gleichstellung der Frau eintritt, kann sie erwachsenen Frauen das Kopftuchtragen nicht verbieten wollen. Carl Valentin hat es so formuliert: Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.
Es würde tatsächlich Wählerstimmen kosten. Drum stürzt sich die Ministerin auf die wenigen Familien, in denen schon die Kinder Kopftuch tragen. Alle achtjährigen Mädchen dürfen nicht unter einem Kopftuch versteckt werden, sagt sie. Das Kopftuch will sie per Gesetz allen Jugendlichen unter vierzehn Jahren verbieten. Wiederholt ist sie dafür kritisiert worden, weil sie aus religiös verbrämten, ideologischen Gründen einen Konflikt in die Familien zu Lasten der jungen Mädchen trägt. An die Bergpredigt sollte man sie erinnern: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge beachtest du nicht?
Als seien die möglichen Folgen dieses Vorhabens nicht schwerwiegend genug, torpediert sie nicht nur die Integration muslimischer Familien. Nein, sie desintegriert und fördert nicht nur parallele gesellschaftliche Strukturen, sondern auch Widerstand, der in Gewalt ausarten kann. Dabei behauptet sie, genau dies nicht zu wollen. Sie sollte sich daran erinnern: das Gegenteil von gut gewollt, ist gut gemacht.
Wechseln wir die Perspektive. Besuchen Sie eine tief religiöse, strenggläubige muslimische Familie. Die Familie lebt seit einigen Jahren in Österreich. Die Eltern erfahren, dass sie machtlos erdulden müssen, wie in den Alltag ihres Glaubens eingegriffen wird, in ihr Grundrecht auf die Erziehung ihrer Kinder. In diesen Familien wird über die Ungläubigen geschimpft, weil diese Schweinefleischfresser es in ihrer christlichen Arroganz gegenüber Allah und seinem Propheten wagen, die muslimische Religion zu kritisieren. Sie verbieten den Wehrlosesten, den jungen Mädchen, die Religion im Alltag zu leben.
Ein Widerstand entsteht, der sich radikalisiert. Konsequent führt er zur Bildung von lang andauernden Parallelgesellschaften. Gewalt gegen die Unterdrückung durch diese dogmatischen Christen wird legitimiert werden.
Ist dies ein unwirkliches Szenario? Keineswegs.
Nicht nur der Staatsschutz beklagt die Radikalisierung durch die sozialen Medien. Plakolm liefert mit ihrem Versuch, das Kopftuchtragen bei jungen Mädchen zu verbieten, wunderbare Beispiele. Kopftuchverbot in der Schule ist ein gefundenes Fressen für jeden Prediger in den Madrassen, den Koranschulen der Moscheen. Letztendlich kann es in Gewalt enden, in Terroranschlägen. Ein einzelner Anschlag genügt, um die österreichische Gesellschaft zu erschüttern. Vielleicht Jahre später, wenn die Desintegrationsministerin nicht mehr im Amt ist und an die Ursachen nicht mehr erinnert werden will.
Würde sie die langfristigen Auswirkungen ihres angestrebten Verbotes einmal überdenken, könnte man sie wieder als Integrationsministerin bezeichnen. Derzeit beschädigt sie ihr Amt. Völlig überraschend erscheint ihr mangelndes Vertrauen in die Bildung.
Die könnte eher dazu führen, dass Mädchen, wenn sie einmal erwachsen sind, das Kopftuch nur zum Schutz ihrer Haare tragen, weil der Wind Staub durch die Gassen fegt. Alle anderen ziehen die Kapuzen tief in die Stirn.
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Großartiger Artikel, vielen Dank dafür! „Ein muslimisches Land gewährt den Frauen eine Freizügigkeit, die ich angesichts der Kopftuchdebatten hierzulande vermisse“ ist einer meiner Lieblingssätze hier.
Eine Korrektur habe ich allerdings, leider, anzubringen: Benazir Bhutto wurde 2007, und zwar genau heute vor 18 Jahren, am 27. August, in Rawalpindi ermordet, und zwar sehr wahrscheinlich nicht aus religiösen Motiven, sondern im Auftrag des korrupten Geheimdienstes, dessen Machenschaften sie aufdecken wollte. Leider muss man aus dem „wird“ ein „würde“ machen.