Dietger Lather
Ein unfehlbares Rezept zum
Untergang einer Weltmacht
Essay

Trug sich ein Kaiser oder König in den guten alten Zeiten mit dem Gedanken, ein anderes Reich anzugreifen, besuchte er Delphi. Das Orakel mit dem größten Bekanntheitsgrad in der griechischen und vorderasiatischen Welt. Wunderschön gelegen in einem halbrunden Talhang. In der Antike ein heiliger Ort, in der Gegenwart ein idyllischer, der Ruhe ausstrahlt und an dem man Ruhe empfangen kann. 

Vor gut dreitausend Jahren saß in einem Tempel, der dem Gott Apollon geweiht war, auf einem Dreifuß Phytia, eine Priesterin über einer dampfenden Erdspalte. Sie war die einzige, die den Tempel betreten durfte. Wurde das Orakel befragt, atmete sie die Gase ein. Was auch immer sie enthielten, sie waren berauschend. Phytia geriet in Trance und stammelte Worte, Wortfetzen, Urlaute, die niemand verstand. Die Priester des Tempels interpretierten sie und kleideten sie in Sätze. 

Schon damals verstanden Priester mit religiösen Ritualen Herrscher und deren Politik zu beeinflussen. Mir sind die Aphorismen vertraut, die ich im Griechisch-Unterricht lernen durfte. Auf den Eingangsschwellen des Tempels waren zwei eingemeißelt γνῶθι σεαυτόν (gnōthi seauton), erkenne dich selbst. Weniger bekannt μηδὲν ἄγαν (mēden agan), nichts im Übermaß

Die Geschichte von König Krösos werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, sicherlich kennen. Den Orakelspruch, ein Meisterwerk der Zweideutigkeit, legte er in seiner Hybris für sich positiv aus. Er werde ein großes Reich zerstören, wenn er in den Krieg ziehe. Es war sein eigenes. Krösos landete auf dem Scheiterhaufen. Als der entflammte, ließ Zeus es schauerlich regnen. Aus den noch dampfenden Hölzern rettete Apollo den sterblichen König und brachte ihn an einen unbekannten Ort, weswegen nichts über Krösos weiteres Schicksal bekannt ist. 

Damals gab es noch Götter, die man nicht nur anbeten konnte, sondern die handelten, auf die Verlass war, manchmal. Heute fehlen uns diese Wesen, die über Leben und Tod befinden können und nach eigenem Gusto in den Lauf der Geschichte eingreifen.

Sie werden sich nun fragen warum ich an einen Krieg erinnere, der vor 2561 Jahren endete. So wie Krösos wegen seiner Hybris sein Reich verspielte, zerstört Trump derzeit die Weltmachtstellung der USA. Mit donnernden Worten versprach er einen Regierungswechsel im Iran, forderte die Iraner auf, weiter zu protestieren, drohte schließlich mit einem Genozid, mit Vernichtung. Im Original muss man lesen, was er schrieb:

A hole civilisation will die tonight, never to be brought back again….However, now that we have Complete and Total Regime Change, where different, smarter, and less radicalized minds prevail…47 Years of extortion, corruption, and death, will finally end.

(Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben, nie wieder auferstehen … Doch nun, da wir einen Vollständigen und Totalen Regimewechsel haben, bei dem andere, klügere und weniger radikalisierte Köpfe die Oberhand gewonnen haben … werden 47 Jahre Erpressung, Korruption und Tod endlich ein Ende finden.)

Da droht ein Präsident, der nach seinen eigenen Kriterien Nachfolger von illegalen Einwanderern ist und dessen US-amerikanische Zivilisation auf der Unterdrückung, wenn nicht Auslöschung der indigenen Bevölkerung aufgebaut ist. Er droht einer jahrtausendealten Zivilisation mit Vernichtung in einer Nacht. Wieviele Atombomben will er dazu regnen lassen, um dies in ein paar Stunden zu erreichen? Wen wundert, dass diese Schaumschlägerei nur Verachtung erzeugt.

Unabhängig davon. Wer als Präsident solche Sätze in die Welt posaunt, ein Armageddon beschwört, sollte unbedingt einen Psychiater aufsuchen. Wer sich anschließend als Jesus postet, angehimmelt von einer betenden Frau, einer Ärztin, einem Soldaten und begleitet von himmlischen Kriegern, die der Sonne entspringen. Wer die heilende Kraft des Erleuchteten in der linken Hand hält, dessen golden leuchtende rechte Hand auf der Stirn eines Lazarus ruht und ihn heilt, muss definitiv für längere Zeit in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden. 

Leider geschieht dies nicht, weshalb der Fokus auf sein Umfeld gelenkt werden muss, das unverändert einen amtsunwürdigen Präsidenten stützt. Doch auch Kriegsminister Hegseth, der sein DEUS vult (Gott will es) Tattoo auf seinem Arm präsentiert, führt liebend gerne einen Kreuzzug nach mittelalterlichem Vorbild. Mit den Worten Gott will es soll der Papst zum ersten Kreuzzug gegen die Barbaren aufgerufen haben. So interpretiert man es heute. 

Hegseth scheint es zu leben, wobei die historische Begebenheit nicht zweifelsfrei belegt ist. Einen moderneren Kreuzzug gegen die Barbaren schreiben Beobachter dem Vizepräsidenten zu. Letztlich umringen im Oval Office Priesterinnen und Priester den Erlöser Donald an seinem Schreibtisch. Ein Bild ohne Worte, nach dem Völkerrechtsbruch und ersten Angriffen gegen den IRAN veröffentlicht. Gäbe es ein Video, würden die Segnungen zu hören sein. Die göttliche Religion fegt die Errungenschaft der Aufklärung, die Gesetze der Völkergemeinschaft in den Abfalleimer. Die Regierung der USA ist ins Mittelalter zurück gesprungen und führt einen Religionskrieg.

In der Verfassung der USA sind Möglichkeiten aufgeführt, wie ein Präsident des Amtes enthoben werden kann, falls er nicht selbst zurücktritt. Diese Möglichkeit erscheint utopisch. Narzissten, noch seltener Erlöser, treten nicht freiwillig zurück. Deswegen muss der Vizepräsident J.D. Vance und die Mehrheit der Minister dem Kongress vorschlagen, Trump in ärztliche Behandlung zu überweisen. Trump wird damit nicht einverstanden sein. Letztlich muss der Kongress abstimmen, ob Trump das Weiße Haus verlassen muss und J.D. Vance hinter dem Schreibtisch im Oval Office Platz nehmen darf.

All das wird nicht geschehen. Vielleicht fürchtet sich der Kongress auch davor, J.D. Vance für die nächsten drei Jahre zum Präsidenten einsetzen zu müssen. Er könnte radikaler sein als Donald, befürchten manche.

Ob sich die Mehrheiten nach den Wahlen im November ändern werden, bleibt abzuwarten. Alle 435 Abgeordneten des Kongresses werden neu gewählt und ein Drittel der Senatoren. Deswegen werden die Demokraten keine Anträge auf Amtsenthebung stellen. Sie setzen auf eine weitere phantasievolle visuelle Präsenz des Narzissten Trump, auf weitere Lügen und Misserfolge, auf Preissteigerungen und hohe Benzinpreise in den USA. 

Sie hoffen auf die nächsten Fernsehbilder, die einen anderen D.J. Vance zeigen. Nicht den Vizepräsidenten, der mit erhobenem Haupt, mit dem Zeigefinger andere Nationen belehrt und dem Papst die Bibel erklärt, sondern den niedergestreckten Vance, der in Pakistan mit gesenktem Kopf die Verhandlungen mit dem Iran verlässt. 

Die Bilder würden die Demokraten liebend gerne wiederholt sehen. Die Niederlage von MAGA wird im TV präsentiert. Die demokratischen Wahlkampfstrategen dürften auf einen länger andauernden Krieg gegen den Iran und eine Blockade oder Schließung der Straße von Hormus bauen. Beides erhöht ihre Chancen auf einen überwältigenden Wahlerfolg im November.

Liebe Leserinnen und Leser, Sie halten dies für inhuman? Nun, es ist der Kampf um die Macht; natürlich spekulativ, aber weit entfernt davon, eine Verschwörungstheorie zu sein. Denn wie lange der völkerrechtswidrige Krieg gegen den Iran dauert, wird Donald Trump entscheiden müssen, wenn er nur wüsste wie.

Schmerzhaft hat er bisher erfahren, dass all seine Drohungen den Iran nicht dazu bewogen haben, auf seine Forderungen einzugehen. Im Gegenteil. Das Regime in Teheran bietet der größten Weltmacht die Stirn. Es ist dem iranischen Regime gelungen, die von den USA errichtete Sicherheitsarchitektur im Persischen Golf zu zerstören. Es ist der USA gelungen, die Golfstaaten gegen sich aufzubringen. Sie baden die Folgen des Krieges aus, der ihnen ungefragt aufgezwungen worden ist. 

Das Vertrauen in die USA, wenn es denn je existierte, ist in den Regierungen, bei Emiren, Scheichen und Prinzen auf Dauer zerstört. Dennoch sind sie auf unbestimmte Zeit dazu verurteilt, mit den USA zusammen zu arbeiten. Sie haben im Moment keine Alternative. Sie sind nicht in der Position Irans, zu sagen, Verhandlungen mussten abgebrochen werden, da kein Vertrauen in die US-Delegation vorhanden sei. Auch wenn dies auf Gegenseitigkeit beruhen dürfte.

Der Zwerg ohrfeigt den Riesen, die Welt ist Zeuge und schadenfrohes Wispern ist überall zu vernehmen.

Erinnern wir uns. Im Februar 1991 forderte der damalige Präsident George D.W. Bush die Kurden und die Schiiten im Irak auf, Saddam Hussein zu stürzen. Der Regime Change im Irak wurde in Washington beschworen. Die Aufstände begannen. Die Unterstützung aus den USA blieb aus. Die Widerstandsbewegungen im Irak fühlten sich betrogen.

Trump forderte das Iranische Volk im Januar auf, weiterhin Widerstand gegen das Regime der Mullahs zu leisten. Hilfe versprach er. Die Bombardierung des IRAN begann. Nachdem der Tod von Khamenei bestätigt wurde, ermutigte Trump am 28. Februar erneut das iranische Volk, den Regime Change, den Umsturz zu vollenden, und den militärischen Truppen legte er nahe, nicht länger zu kämpfen.

Um den Regime Change und die Kapitulation der Revolutionsgarden zu erreichen, hätte er Truppen nicht nur aufmarschieren lassen müssen, was im Krisenmanagement notwendig ist, um Drohungen glaubwürdig zu untermauern. Sie hätten einmarschieren müssen. 

Jeder halbwegs über von außen gesteuerte Umstürze Informierte weiß: eine mörderische Diktatur zu stürzen, erfordert den Einmarsch von Truppen. Boots on the Ground, wie die Amerikaner zu sagen pflegen. Stattdessen verkündete Trump den erfolgten Regime Change nach der Bombardierung hunderter Ziele. Leider bemerkte niemand im Iran etwas von diesem Umsturz. Denn außer Zerstörungen ist nichts geschehen. An die Stelle der getöteten Führer sind ihre Nachfolger getreten.

Es gibt kaum eine effektivere Methode für den Präsidenten einer Weltmacht, seine Glaubwürdigkeit und die der USA zu verspielen. Eine zutiefst erschütternde Schlussfolgerung muss zudem gezogen werden: Trump ist das Schicksal der iranischen Bevölkerung egal. Aber eigene Soldaten will er nicht in Gefahr bringen.

Ich fühle mich an Parolen aus den Zeiten des Vietnamkrieges erinnert. Vor Jahrzehnten wurden sie skandiert:

America love it or leave it!
Right or wrong -it’s my country!

Beides habe ich zu oft von Soldatinnen und Soldaten der US-amerikanischen Streitkräfte vernommen. Auch noch nach Vietnam. Ethische und moralische Grundsätze, wie Gesellschaften, wie Nationen miteinander umgehen sollen, sind danach Makulatur. Die MAGA Bewegung und der Slogan America first sind lediglich die radikalisierten Steigerungen der Jahrzehnte alten Parolen. Trump lebt sie.

Wie werden die betroffenen Staaten reagieren? Die nächsten Jahre werden durch eine stetig zunehmende Abgrenzung von den USA gekennzeichnet sein. Und von der Suche nach Eigenständigkeit und verlässlichen Sicherheitsstrukturen. Beim hierzu erforderlichen Rüstungswettlauf erhalten Drohnen, Raketen, Luftabwehr und die Vernetzung der Systeme oberste Priorität.

Da sich selbst Weltmächte scheuen, Soldaten aufs Schlachtfeld zu schicken, und kleinere Staaten dies nicht aufbringen können, werden Roboter die Aufgaben der Infanterie übernehmen.

Bis dies geschieht, sollte man sich in Großmutters Faltenrock verstecken und hoffen, dass sie dem Teufel seine drei goldenen Haare ausreißt. Nur, wer ist die Großmutter? Die sind wir alle. Denn an den wichtigsten Diskussionen in naher Zukunft müssen wir teilnehmen. Wie kann der autonome Einsatz von Drohnen, Robotern und der KI mit der Lizenz zum Töten verhindert werden?

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Dietger Lather

Dietger Lather: Geboren 21. Mai 1953 in Marburg. Abitur am Gymnasium Philippi-num, Marburg 1971.Eintritt in die Bundeswehr Juli 1971. Pensionierung Juli 2014. Dietger Lather war Oberst im Generalstabsdienst. Er hat die deutsche und englische Generalsstabsausbildung absolviert. Auf Verwendungen im Bundesministerium der Verteidigung und in NATO Hauptquartieren folgte die Dozentur „Grundsätze Operativer Planungen, Krisenmanagement und Informationsoperationen“ an der Führungsakademie der Bundeswehr. Als Kommandeur des Zentrums Operative Information kommandierte er einen Medienverbund, der die Einsätze der Bundeswehr und der Nato medial begleitete. Er führte die Interkulturelle Einsatzberatung in den Streitkräften ein. Auf dem Balkan und in Afghanistan war er wiederholt eingesetzt. Von 2015 - 2022 unterstützte er Flüchtlinge in Deutschland. Federführend war er 2021 an der Erstellung des „Forderungskatalog Flüchtlingshilfe der Ehrenamtlichen Flüchtlingsinitiativen in der Stadt Marburg und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf“ beteiligt. Seit 2022 lebt er in Innsbruck. Neben seiner Schriftstellerei unterstützt er weiterhin Flüchtlinge. Verheiratet in zweiter Ehe mit ass.Prof‘in Dr. Marion Näser-Lather. Aus erster Ehe vier Kinder. Publikationen: - Informations-Operationen – Erfahrungen aus dem Einsatz, in: Carsten Bockstette, Walter Jertz, Siegfried Quandt (Hg.), Strategisches Informations- und Kommunikationsmanagement, Bonn 2006, S. 272 - 289 - Strategische Kommunikation, Studie, 2009, Bundeswehrinterne Studie. - Strategische Kommunikation, in Natascha Zowislo-Grünewald, Jürgen Schulz und Detlef Buch, Den Krieg erklären: Sicherheitspolitik als Problem der Kom-munikation, Frankfurt 2011, S. - Für Deutschland in den Krieg, Sachbuch, Marburg 2015 - Zwei Welten, Roman, Berlin 2024

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Christoph Schmarl

    Der Teufel mit den drei goldenen Haaren – Ein mythologischer Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit
    Sehr geehrter Herr Lather,
    Ihr mythologisch und märchenhaft geprägter sowie sehr interessant und in ungewöhnlich eigenständiger, impulsgebender Weise verfasster Beitrag hat mich dazu animiert, das Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ aus einer pädagogischen Perspektive zu betrachten, Ihre Aussagen mit den zentralen Kernbotschaften des Märchens zu verknüpfen und diese auf unsere heutige Zeit sowie auf zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen zu übertragen.
    Alle Menschen, die mit Kindern, Schüler/innen und Studierenden arbeiten – insbesondere Lehrerinnen und Lehrer – stehen im Jahr 2026 vor einer vielschichtigen Herausforderung: Unsere Schüler/innen wachsen in einer Welt auf, in der das Wissen der Menschheit nur noch einen Mausklick entfernt ist. Künstliche Intelligenzen generieren Antworten in Sekundenschnelle, und populistische Akteure füttern die digitalen Feeds im Minutentakt mit einfachen Wahrheiten. Es ist eine Welt, die von mächtigen, scheinbar unantastbaren Systemen beherrscht wird.
    Wenn ich heute das alte Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ lese, sehe ich darin keinen verstaubten Text mehr. Ich sehe darin eine präzise Überlebensanleitung für die heranwachsende Generation – und zugleich eine klare Definition unserer eigenen pädagogischen Verantwortung.
    Das „Glückskind“ des Märchens ist unsere heutige Schülergeneration. Sie zieht hinaus in eine Welt, die von den Versäumnissen der Vergangenheit gezeichnet ist. Überall stoßen die Jugendlichen auf blockierte Systeme: Der versiegte Brunnen steht für den Klimawandel und die schwindenden Ressourcen. Der verdorrte Apfelbaum symbolisiert wirtschaftliche Unsicherheiten und die Krise unseres Bildungssystems. Und der Fährmann ist das Sinnbild jener Menschen, die in den Monotonien von Algorithmen, Plattformkapitalismus und prekären Arbeitsverhältnissen gefangen sind.
    Die Jugend spürt diese Krisen sehr genau. Sie bringt Mut, Kreativität und Unvoreingenommenheit mit – doch sie hat, genau wie das Glückskind, noch keine Antworten auf die großen existenziellen Fragen unserer Zeit.
    Die Antworten liegen beim „Teufel“. In unserer digitalisierten Gegenwart hat dieser Teufel zwei Gesichter. Das erste Gesicht ist die unregulierte Künstliche Intelligenz und Big Tech. Sie thront auf dem Datenschatz der Welt – den goldenen Haaren. Sie weiß scheinbar alles, agiert jedoch oft empathielos und profitorientiert. Das zweite Gesicht ist der moderne Populismus. Er lebt von Impulsivität, Vereinfachung und digitaler Selbstinszenierung in den Echo-Räumen sozialer Medien. Dieser Teufel blendet durch Macht, Reichweite und den Schein einfacher Lösungen, während er zugleich gesellschaftliche Spaltungen vertieft.
    Wie reagieren Menschen, die junge Generationen begleiten und bilden, darauf? Früher glaubte man, Bildung bedeute vor allem, möglichst viel Wissen zu vermitteln. Doch diesen Wettlauf gegen die Maschine kann der Mensch längst nicht mehr gewinnen; die KI kennt mehr Daten als jeder Mensch.
    Die Rolle von Lehrerinnen, Lehrern und allen Bildungsbegleiter/ innen hat sich deshalb grundlegend verändert.
    Sie müssen heute die „Großmutter“ dieses Märchens sein.
    Die Großmutter ist die eigentliche Heldin der Geschichte. Sie versteckt das Kind vor den Gefahren der Welt und schafft ihm einen geschützten Raum. Genau das müssen unsere Schulen heute sein: Orte der Sicherheit, des Vertrauens und des freien Denkens – frei von digitalem Dauerstress, manipulativer Hetze und permanenter Optimierungslogik.
    Doch die Großmutter bleibt nicht passiv. Sie nutzt die Schwächen des Teufels, während dieser schläft. Sie stellt die richtigen Fragen und entreißt ihm die goldenen Haare.
    Für alle, die junge Menschen begleiten, bedeutet das: Gemeinsam mit den Schülerinnen und Studierenden müssen Systeme hinterfragt und dekonstruiert werden. Wenn dem Teufel symbolisch die goldenen Haare ausgerissen werden, dann wird seine Macht entzaubert. Junge Menschen lernen, wie Algorithmen funktionieren, wie Fake News entstehen, wie Manipulation erkannt werden kann und wie populistische Rhetorik arbeitet. Nicht durch ideologische Bevormundung, sondern durch Quellenkritik, Faktenchecks, Medienkompetenz und eigenständiges Denken.
    Das Märchen endet mit einer tiefen pädagogischen Wahrheit: Das Glückskind besiegt die Krisen der Welt nicht mit Gewalt, sondern mit Wissen, Klugheit und Orientierung – mit jenem Wissen, das die Großmutter ihm ermöglicht hat. Es heilt die blockierten Systeme und erlöst am Ende sogar den Fährmann.
    Wenn es gelingt, im Klassenzimmer und an anderen Orten der Begegnung diese Rolle der klugen, schützenden und hinterfragenden Großmutter einzunehmen, dann wird die nächste Generation handlungsfähig gemacht. Junge Menschen lernen nicht nur, was sie denken sollen, sondern vor allem, wie sie denken können.
    Vielleicht ist genau das die wichtigste Aufgabe von Bildung im 21. Jahrhundert: nicht bessere Maschinen hervorzubringen, sondern urteilsfähige, resiliente und empathische Menschen, die die verdorrten Bäume und versiegten Brunnen unserer Gesellschaft wieder zum Leben erwecken können.
    „In den alten Märchen siegt am Ende nicht die Macht, sondern die Klugheit, der Mut und das menschliche Herz.“
    – frei nach Motiven aus Märchen und Mythologie

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