Christoph Themessl
Über den Urknall und die Frage des Nichts
Essay

Das geozentrische Weltbild ist in den Köpfen der meisten Menschen überwunden. Stattdessen ist nun dank Mathematik, High-Tech und moderner Naturwissenschaft der Glaube verbreitet, das Universum habe einen Anfang (und ein Ende). Die Physik hat uns einen Ur-Knall eingeredet.

Die Sehnsucht und Suche nach einem Anfang ist verständlich. Es zeichnet den Menschen aus, versuchsweise kausale Zusammenhänge herzustellen und Ursachen zu ergründen. Lasse ich den Hammer aus, fällt er zu Boden, fällt er mir auf den Zeh, schmerzt es, und Schuld an allem hat die Schwerkraft, die auf Erden alles auf den Boden zieht.

Wer hingegen an einen Anfang des Universums glaubt, an das hochenergetische Pünktchen vor dem sinnbildlichen Big Bang, an eine Urzündung quasi aus dem Nichts, aus welcher alle weitere Materie folgen sollte, kurz: wer den Ur-Knall im Kopf hat, der muss auf Kriegsfuß mit der Logik stehen. Denn: Ex nihilo nihil fit. Aus nichts kann nichts entstehen.

Hingegen: Ausgerechnet die Naturwissenschaft scheint auf einen Anfang aller Dinge zu bestehen. Das hat systemische, teils auch kulturelle Gründe. Oder wird die Ur-Knall-Theorie überhaupt nur für die bürgerliche Allgemeinheit hochgehalten?

In vielen Kulturen hat man sich – lange vor Newton oder irgendeiner wissenschaftlich fundamentierten Kosmologie – auf einen Anfang (und ein Ende) des Universums festgelegt: Schöpfung in unserer Religion genannt.

Der Schöpfungsmythos entstammt den monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam), welche die Entstehungsgeschichte des Lebens auf ihren jeweiligen, einzigen Gott zurückführen. Das ist dogmatisch, aber systemisch folgerichtig; ihr Gott macht wohl nur einen Sinn, wenn er auch am Anfang aller Naturgeschichte (Materie) steht.

Die Astro-Physiker, Astronomen, und wer sich sonst naturwissenschaftlich mit dem Kosmos beschäftigt, tüfteln wiederum seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert an einer entsprechenden mathematischen Urknall-Theorie.

So unterschiedlich die Varianten der gemeinsamen Annahme eines ersten Anfanges der Materie sein mögen (auch Einstein und die Quantentheorie gehen nicht immer zusammen), so gut verträgt sich die Urknall-Theorie als solche mit dem Schöpfungsgedanken. Beide sind in der Grundausrichtung mono-kausal, und wo es der einen – nämlich der naturwissenschaftlichen – Konzeption an Logik fehlt, kommt ihr die andere – die keine Logik braucht – mit Gottes Allmacht (der wohl auch die Erzeugung eines Ur-Knalls zuzutrauen ist) zu Hilfe.

Das ist der Vorteil der theologischen, mono-kausalen (monistischen) Theorie, dass sie an den Anfang allen Lebens das Wunder, ein Geschenk, eine Laune des ewigen und ewig rätselhaften Gottes stellen kann.

Ein Basis-Satz der menschlichen Vernunft, nämlich, dass aus Nichts nichts entstehen kann, besitzt ausschließlich in göttlichen oder rein spirituellen Sphären keine Gültigkeit. Alle anderen, die von materiellen Dingen reden, sind an das Gesetz gebunden. 

Es müsste unser Verstand völlig untauglich zu jedweder Erkenntnis sein, wenn es sich anders verhalten sollte und aus nichts doch irgendetwas hervorginge.

Natürlich sind gerade Physiker und Mathematiker nicht solche Einfaltspinsel, dass sie nicht selber wüssten, dass aus null allein nichts, nicht einmal das energetische Ur-Pünktchen ihres Ur-Knalls hervorgehen könnte. Und natürlich wollen Physiker nicht in ein Zeitalter der Meta-Physik zurückkehren und bei den Theologen Rat suchen, die ihnen den Allmächtigen zur Seite stellen. Diese Zeiten sind vorüber, nehme ich an.

Das Problem ist nur: In einem Universum, das – zurück gerechnet – ursprünglich aus vollständiger energetischer Dichte bestand, fehlt es an Raum für mathematische Gleichungen. Diese naturwissenschaftliche Pleite nennt sich Singularität.

Die Urknall-Theorie weist letzten Endes ausgerechnet ihre Erfinder und mit ihnen die königlichste aller intellektuellen Betätigungen (sehen wir einmal von der Philosophie ab) in ihre Schranken.

Aber wo steht auch geschrieben, dass die Mathematik das letzte Wort im Universum haben müsste? Wieso nicht Platons Ideen oder Buddhas Nirvana oder Zarathustras Ewige Wiederkehr desselben? Aber wie sollen wir diese Konstruktionen oder prophetischen Lehren ohne Mathematik beweisen oder zumindest auf hypothetischem Niveau glaubwürdig machen?

Nun rudert man, wenn es mich nicht täuscht, in der Theorie der Quantengravitation um die Singularität des Ur-Knalls herum, um doch wieder mathematisches Land, Raum und Zeit, die schon vor (oder neben) dem Urknall bestanden hätten, zu gewinnen.

Ob Schleifenquantenkosmologie oder Stringtheorie, die mathematische Singularität der vollendeten Dichte soll mit ihrer Hilfe übersprungen werden oder gar (rein theoretisch, versteht sich) Zeitreisen in Paralleluniversen ermöglichen.

Ich habe einen exzellenten Wissenschaftstheoretiker, den ich als meinen Freund bezeichnen darf, sagen hören: Wenn wir über eine letzte, völlig verdichtete Einheit nicht hinausrechnen können, so besagt das nicht, dass wir ein missing link im Universum hätten, sondern dass es ein Nichts, aus dem selbstverständlich nichts entstehen kann, gar nicht geben kann.

Aber genau das ist es ja, was ich nur mit anderen Worten sage. Der Ur-Knall ist kein Ur-Knall, die letzte messbare Einheit nicht der Anfang der Welt. 

Ist es wirklich so schwer, das einzig – zumindest logisch – Richtige zu sagen, nämlich, dass das Universum ohne Anfang und Ende ist, die Welt immer schon war und immer sein wird?

Unter Umständen. Vielleicht fürchten manche – aber ich kenne mich im Universitätsbetrieb zu wenig aus –, es erginge ihnen mit ihren Erkenntnissen (oder den pantheistischen Konsequenzen ihrer Erkenntnisse) gar wie einst Giordano Bruno, der schon vor über 400 Jahren behauptete, dass die Welt ohne Anfang und Ende sei, immer schon existiert habe und nie zu existieren aufhöre.

Der Philosoph und renitente Mönch stellte damit den Schöpfungsmythos, das wichtigste kirchliche Dogma, in Frage und musste dafür sein Leben auf dem Scheiterhaufen lassen. Wo komplizierte (scholastische) Systeme am Werk sind und das Gegenteil dessen, was uns der Verstand verrät, behaupten und beweisen müssen, kann der Gebrauch der Vernunft unter Umständen sehr gefährlich sein.

Mit dem Anfang kennt die Kirche keinen Spaß. Sie hat nicht nur die Monogamie und den Monotheismus gefördert und gefordert, sie hat das Haus des monokausalen Denkens, das schützende Dach unserer von den meisten Menschen als selbstverständlich empfundenen monotonischen Welt raumzeitlicher Kausalitäten schlechthin über uns erbaut. Am Anfang war…

Langer Rede kurzer Sinn: Wäre es nicht an der Zeit, nach Aufklärung, Moderne und Postmoderne, in einer pluralistisch denkenden Gesellschaft, in einer Welt schier endlosen Datenflusses, auch ein Weltbild der Endlosigkeit zu entwerfen?

Gewiss, es ist ungewohnt, es mag dies Manifeste des Bewusstseins manchen konventionellen Verstandes erschüttern. Andrerseits bietet die Ewigkeit auch zahlreiche neue, kreative und sogar moralische Perspektiven und Ausblicke, welche so oder so ähnlich ohnehin schon immer im Raum standen.

Zumindest ist es lächerlich, wenn gebildete, aufgeklärte Menschen mit einer völlig unreflektierten Vorstellung von Ur-Knall herumlaufen, als handelte diese Theorie von der vielzitierten Wurst mit den zwei Enden. Nicht alles, sondern nichts hat ein Ende – nur die Wurst hat zwei.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Christoph Themessl

Christoph Themessl, Dr., geb. 1967 in Innsbruck, ist Schriftsteller, Philosoph und Journalist. Er arbeitete für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften und war mit seiner Firma PR-Zeitungen Themessl als Magazin-Produzent fünfzehn Jahre lang selbständig. Zu seinen Publikationen zählen: „Der Tod kann warten“ (Roman; 1997), „Bewusstsein und Mängelerkenntnis; Philosophische Psychologie für die Praxis“ (studia Verlag, 2013), „Als die Seele denken lernte“ (studia Verlag, 2016) und „Sinn- und Sinnlosigkeit. Die Entscheidung des philosophischen Praktikers“ (LIT Verlag, 2021). Themessl betreibt in Lans eine philosophische Praxis namens „Safe House – das Sorgendepot“ und arbeitet in der Behindertenhilfe des Landes Tirol.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. christoph themessl

    Sehr geehrter Herr Schiestl, ein interessanter Gedanke, ob die Unvorstellbarkeit und Unlogik von Nichts schon als Einwand gegen dessen „Existenz“ ausreicht. Wenn dem nicht so wäre, dann wäre allerdings wirklich alles möglich und der menschliche Verstand bloße Einbildung. Danke für ihren Kommentar. Liebe Grüße Christoph Themessl

  2. Helmut Schiestl

    Aber ist ja doch immer wieder interessant zu lesen! Und wenn wir ehrlich sind, wir hatten uns ja auch das Nichts vor dem Urknall, so der denn passiert wäre, nicht vorstellen können. Etwas muss es da doch auch schon vorher gegeben haben.
    Hoffen wir, dass zumindest ein paar Atömchen unseres dann schon lange verstorbenen Körpers immer wieder mal wo Platz finden können im ewig kreisenden Universum!

  3. Christoph Themessl

    Sehr geehrter Professor, danke für Ihre Wertschätzung meines Beitrages, die mich, da Sie ja sozusagen ein „Profi des Kosmos“ sind, natürlich ganz besonders freut. Im Grunde erinnere ich in dem Artikel nur an das alte aristotelische „Weltbild der Ewigkeit“, das aus diversen Gründen in unserer Kultur mit Dogmatik und Unlogik „verschwurbelt“ wurde.
    Mit lieben Grüßen Christoph Themessl

  4. Ronald Weinberger

    Ach, Herr Dr. Themessl, Sie ahnen ja nicht, wie glückselig es mich (einen pensionierten professionellen Astronomen) macht, sozusagen die Arme hinter meinem unmäßig schwach behaarten Haupt zu verschränken und mir zuzuraunen: „Hab‘ ich doch fast alles schon gesagt, besser geschrieben, was Sie da von sich geben! Noch dazu im schoepfblog! Über das ‚Anfanglose‘ hier …:

    https://schoepfblog.at/ronald-weinberger-anfanglos-essay/

    … und über das ‚Nichts‘ da:

    https://schoepfblog.at/ronald-weinberger-nichts-fur-ungut-essay/

    Wir können uns also gegenseitig auf die Schultern klopfen, dass es nur so staubt!

Schreibe einen Kommentar