Christoph Themessl
Pragmatische Lügen.
Oder:
Über "Stierscheiße" (Bullshit) und Politik
Essay
Die amerikanische Philosophie stand bekanntlich schon früh auf pragmatischen Beinen. Pragmatische Vorgangsweisen in wissenschaftlichen Disziplinen schienen der Befreiungsschlag gegen religiöse, metaphysische Einmischungen in den Fortschritt der Forschung. Auch dem systematischen Zweifeln einer erkenntniskritischen Philosophie, die sich von Platon bis Kant mit den formalen (Rahmen-)Bedingungen von Erkenntnis auseinandersetzte, konnte man sich durch pragmatische Maximen und eine Neubewertung von dem, was Sprache und Denken sei, entledigen.
Pragmatismus bezeichnet – allgemein gesagt – die Ansicht, dass empirische Erkenntnisse, sofern sie uns für den Alltag nützlich seien, Vorrang vor Allgemeingültigkeit, ein Ziel, einen Rahmen suchenden Theorien haben sollten. Die Suche nach solchen Theorien ist aber eigentlich die Arbeit ernsthafter Wissenschaft.
Der angelsächsiche Pragmatismus begann sich um die vorletzte Jahrhundertwende von Amerika aus durchzusetzen und erfasste unseren in erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Hinsicht wesentlich kritischeren Kontinent erst in den neoliberalen Neunzigern mit voller Wucht.
Googelt man heute den Begriff Pragmatismus, finden sich neben dem Wikipedia-Beitrag allerlei Artikel zahlreicher Medien, die pragmatisches Denken beziehungsweise Handeln politischer und wirtschaftlicher Akteure zumeist lobend hervorheben. Erfolgreiche Menschen sind natürlich Menschen der Tat, und da anscheinend alle Menschen erfolgreich sein wollen, sind inzwischen alle Pragmatiker. Merkel war Pragmatikerin, Merz ist Pragmatiker.
Man führt eine lösungsorientierte Diskussion, dann wird sich schon ein Konsens herstellen lassen. Wir schaffen das schon… wie einst Frau Merkel meinte. Sprachlicher Konsens ist die gemeinschaftliche Wahrheit und Basis weiterer Handlungen. So etwa bei Richard Rorty in vollendeter Theorie.
Historisch standen an den Anfängen des Pragmatismus amerikanische Philosophen und Psychologen wie William James, Charles Sanders Peirce oder John Dewey.
James etwa versuchte die Psychologie als empirische Wissenschaft zu begründen, sprich Experiment und Hirnforschung sollten anstelle von rationaler, metaphysischer oder spiritueller Seelenlehre treten. Er bestand auch darauf, dass etwas dann wahr sei, wenn es für uns nützlich ist, es zu glauben.
Der Nützlichkeitsaspekt mischt sich im Pragmatismus zudem schon früh in das Sprachverständnis ein, da man bereits zu jener Zeit wusste oder zu wissen meinte, dass Gedanken aus Worten und nicht Worte aus Gedanken bestünden und Sprechen ein Handeln sei. Das ist vielleicht ein wichtiger Punkt, da sich erst aus dieser veränderten Vorstellung von Bewusstsein, welches als ein Zeichensystem verstanden wird, der pragmatische Zugang zur Wirklichkeit erklärt und rechtfertigt.
So verteidigte auch James Gefährte John Dewey, ehemals Hegelianer, die Naturwissenschaften gegen den Vorwurf, dass Erfahrungen nur subjektive Hypothesen seien, und setzte über die ewigen Ideen Platons und Kants Transzendentallehre den Aspekt der Nützlichkeit und Wirksamkeit von Begriffen und Theorien über Diskussionen ihres Wahrheitsgehaltes.
Kritischer äußerte sich in späteren Jahren der Logiker und Semiotiker Ch. S. Peirce: Die Lehre des Pragmatismus scheint zu besagen, dass das Ziel des Menschen Handeln ist – ein stoisches Axiom, dass sich dem Verfasser jetzt, im Alter von sechzig Jahren nicht mehr so überzeugend empfiehlt wie im Alter von dreißig Jahren. Im Gegenteil: gesteht man zu, dass das Handeln ein Ziel braucht und dass dieses Ziel eines von allgemeiner Art sein muss, dann richtet uns der Geist der Maxime selbst, der verlangt, dass wir das Endergebnis unserer Begriffe ins Auge fassen, um sie richtig aufzufassen, auf etwas anderes als praktische Tatsachen, nämlich auf allgemeine Ideen als die wahren Interpreten unseres Denkens.
Um sich vom naiven Pragmatismus zu distanzieren, bezeichnete Peirce seine Lehre denn auch als Pragmatizismus, der den Pragmatismus nur als Mittel zum Zweck, aber nicht als eine, wie auch immer geartete, Wahrheit ansah.
Bei allem bisweilen Guten der pragmatischen Herangehensweise an die Dinge (tendenziell demokratisch, solidarisch, bodenständig, lösungsorientiert) übersieht eine Quassel-Kultur a la Richard Rorty, deren Wahrheit nur ein augenblicklicher Konsens der Gesprächsteilhaber ist, die Gefahr, die durch solche entsteht, die vom pragmatischen Wahrheitsbegriff mit weit weniger guten Absichten Gebrauch machen und einen sprachlichen Konsens als pragmatische Wahrheit zu ihren durchaus teuflischen Absichten herzustellen versuchen.
Mangels formaler, allgemeiner, absoluter Definitionen, Gesetzmäßigkeiten, die auch für ethische Werte gelten, ist der Willkür der aktuellen Macht dann fürs Erste nichts mehr entgegenzusetzen. Es fehlt eben der größere Rahmen, die absoluten Gebote der Götter, platonische Ideen oder der absolute Vernunft- und Wissenschaftsglaube eines Aristoteles oder der Glaube an das Wissen der Aufklärung.
Auch eintausend amerikanische Sekten können keine funktionierende Religion ersetzen. Warum sollte ich nicht die Unwahrheit sagen, wenn es funktioniert, mir und meinen Verbündeten von Nutzen ist und damit wahr ist?
So zählte etwa die Washington Post in der vierjährigen, ersten Amtszeit des US- Präsidenten Trump insgesamt 30.573 falsche oder irreführende Behauptungen. Der Anteil politischer Äußerungen, die objektiv falsch waren, lag laut der Website Politifact allein im Herbst 2017 bei etwa 70 % . (Quellen Wikipedia)
Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt bezeichnet Trump als Bullshitter, der einfach irgendwelche Behauptungen in die Welt setzt. Bullshit, mit Stierscheiße zu übersetzen, ist im Unterschied zur (bewussten) Lüge das Abfallprodukt eines verloren gegangenen Verhältnisses zu Wahrheit und Wirklichkeit – nicht unähnlich dem gedankenlosen Tratsch auf der Straße, nur weit gefährlicher.
Nicht nur dass es Opposition und Gerichte bei diesem Ausmaß an Verunreinigung von Wahrheit und Wirklichkeit bisweilen sehr viel Mühe und Zeit kostet und zahlreiche Arbeitskräfte bindet, die Scheiße herauszufiltern, entsteht auch so etwas wie eine Lotterie der Machtworte: wer sich mehr Tipps leisten kann, hat eindeutig höhere Gewinnchancen.
Man kann im Pragmatismus Tatsachen auch herbeireden. Die Tatsache, dass Sprechen ein Handeln ist, wird unter umgekehrten Vorzeichen zum Teufelswerk der Macht und die Wahrheit zu einem statistischen Phänomen vergleichbar logorhythmischen Suchergebnissen.
Der sprachliche Pragmatismus, die Worte nach ihrem Nutzen, vom Endergebnis ausgehend, zu wählen, ist im Grunde dieselbe Finte wie der metaphysische Sprachzauber der mittelalterlichen Scholastiker, die zwar sauber argumentierten, aber doch stets unter solchen dogmatischen ersten Obersätzen, dass am Ende des Schlusses herauskommen musste, was am Anfang schon feststand.
Auch in der Phase der sophistischen Philosophie der Griechen verstand man es, durch schlauen Umgang mit Begriffen, der beim sprachgewandten Philosophen (dem Sophisten) zu lernen war, vor Gericht seinen Vorteil zu erreichen. Musste der Kunde des Sophisten seine Sache vor dem Richter einst allerdings selbst vertreten, lässt er das heute, zumindest in heiklen Angelegenheiten, lieber gleich vom Sophisten, also dem modernen Anwalt erledigen, der für diese Art pragmatischer Wahrheiten herbeigeredeter Tatsachen wohl der erste Experte ist.
Pragmatismus ist aus der Alltagsbewältigung nicht wegzudenken. Das alltägliche Werk des Beamtenwesens ist ein Pragmatismus der Schablonen, in dem es dabei primär ums richtige Ausfüllen von Formularen geht. Finden sich für die Dinge, so wie sie sind, keine Schablonen, muss man die Wahrheit ans Formular anpassen, damit der Beamte es bedenkenlos an die nächste Stelle weiterleiten kann.
Im Grunde ist die ganze Natur von den Piranhas bis zu den Wölfen mit ihrem gnadenlosen Gesetz des Fressens und Gefressen-Werdens, von den bunten Farben der Sexualwerbung bis zum eingezogenen Schwanz des Unterlegenen ein pragmatischer Anpassungs- und innerartlicher Unterwerfungsprozess, der mit jedem Mittel das Überleben für sich und seine Nächsten verzweifelt zu sichern sucht. Und auch die pragmatische Lüge ist ein solches Mittel: Denn wäre einer wirklich ein Souverän, hätte er ja das Verstecken hinter falschen Worten nicht nötig, die ihn im Grunde vor sich selbst beschämen müssten.
Das Problem mit der Lüge ist, dass es genaugenommen gar nicht so viele Gründe gibt, warum einer die Wahrheit sagen sollte: Persönlich fielen mir fürs Erste nur Herzensgründe ein. Vielleicht ist es traurig, aber wahr und zugleich auch schön, dass der Verstand keine letzthin befriedigende Wahrheit zutage fördern kann.
Die Vernunft macht bekanntlich nicht glücklich und empirische Tatsachen liefern noch keine Ethik. Ohne einen guten Willen, den ausgerechnet Immanuel Kant als Juwel des Menschen bezeichnet, da dieser insgeheim über das Gute und das Böse immer schon Bescheid wisse, weiß ich weder, was ich tun soll, noch wie ich es zu tun habe.
Ich finde auch zu keinem allgemeinen Gesetz ethischer Natur wie dem Kategorischen Imperativ. Kant, auch wenig freundlich als Begriffskrüppel (Nietzsche) bezeichnet, stellt das Juwel des guten Willens sogar an vorderste Stelle seiner spät erschienenen Anthropologie in pragmatischer Hinsicht; vielleicht war die Freilegung dieses menschlichen Schmuckstückes, das im Stillen ruht – bei manchen leider allzu tief oder gar komatös schlummert – überhaupt das Ziel seines Werks? An einer solchen Freilegung kann eine rein empirische, pragmatische Psychologie nur scheitern.
Was hat es mit pragmatischen Wahrheiten und Ethik also auf sich? Der Satz Nur Verrückte denken mit dem Gehirn, den ich irgendwann, irgendwo gelesen zu haben meine und mir an dieser Stelle eigentlich als Schlusssatz vorbehalten wollte, wird von der KI, der jüngsten Tochter des angelsächsischen Pragmatismus, erstaunlich gut interpretiert (wiewohl sie die Quelle der Aussage ebenso wenig wie ich kennt):
Das Zitat „Nur Verrückte denken mit dem Gehirn“ ist keinem bekannten Philosophen oder Autor direkt zuzuordnen und findet sich nicht in gängigen Zitatdatenbanken. Es zielt vermutlich satirisch darauf ab, dass wahre Erkenntnis oder Kreativität eher aus Intuition, Bauchgefühl oder Emotionen als aus reinem, kühlen Verstand resultiert. (KI)
Auf den bekannten Satz des Antoine de Sant-Exupery: Man sieht nur mit dem Herzen gut, ist die kluge Pragmatikerin in diesem Zusammenhang allerdings nicht gekommen.
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
