Christoph Themessl
Einsamkeit
Oder:
Philosophie des Amoklaufs
Essay

Unsere westliche Kultur, die so stolz auf ihren angeblichen Individualismus ist, schreibt inzwischen eine lange Geschichte der menschlichen Isolation.

Wir besitzen sogar eine eigene philosophische Theorie zum Alleine-in-der-Welt-Sein, genannt Solipsismus. Unter Solipsismus (solus, allein; ipse, selbst) wird genaugenommen eine philosophische These verstanden, der zufolge die Wirklichkeit ausschließlich ein Produkt meiner persönlichen Vorstellung ist. In der eigenen Existenz liegt mithin die einzige Gewissheit.

Theoretisch interessant und schwer oder eigentlich gar nicht widerlegbar, bedeutet diese These in praxi Erlösung und Katastrophe zugleich. Erlösung, da sie aus der Not (Einsamkeit) offenbar eine Tugend zu machen versucht (ohne sich dessen womöglich bewusst zu sein). Katastrophe, da die ethische Verantwortung für meine Mitmenschen zur rein abstrakten Überlegung zu werden droht.

Für den Solipsisten ist die Wirklichkeit (das reale Umfeld) vergleichbar mit einem Film, dessen Drehbuch vom eigenen Geist stammt. Im Falle religiösen Denkens, kann man sich hinter den Drehorten noch ein göttliches Filmstudio vorstellen, welches die Produktion des Lebenswerkes in Auftrag gab. Schlechte, unerfreuliche, unglücklich verlaufende Filme hat sich der Solipsist aber selber zuzuschreiben (schlecht Regie geführt). Auch die vielen Statisten in den unbedeutenderen Nebenrollen sind konsequenterweise er selbst oder Spiegelungen, Manifestationen seiner selbst. Solipsismus ist nicht mit Fatalismus zu verwechseln.

Der Solipsismus ist, wie gesagt, nicht widerlegbar, da ich als Nicht-Solipsist nicht beweisen kann, dass die Dinge an sich unabhängig von meiner Wahrnehmung existieren. Schlafe ich tief, weiß ich nichts von der Welt. Wenn ich zum Zwecke einer kurzen Untersuchung Propofol erhalte, weiß ich nicht einmal, ob ich eine Stunde, zwei Tage oder ein Jahr fort war. Die Welt hat für mich aufgehört zu existieren. Ebenso dürfte es sich mit dem Tod verhalten.

Die Welt der angeschauten Dinge könnte also nur ein Konstrukt meines Geistes sein. Der österreichische Zoologe Rupert Riedl meinte zwar einmal witzig, er könne einen ganzen Kongress von Solipsisten nur mit einem einzigen, wilden Nashorn, das er freilässt, auflösen. Das trifft aber nicht den Punkt der Sache. Der Solipsist würde dennoch behaupten, dass sich das bedrohliche Nashorn sowie der ganze Solipsisten-Kongress nur in seinem Geiste abgespielt hätten.

Ich habe einen (mit allen Wassern der Argumentationskunst gewaschenen) Kollegen, der den Standpunkt des Solipsisten einnahm, zu widerlegen versucht. Erst meine Frage, ob er als Professor unterschreiben würde, dass Mord moralisch unbedenklich sei, da er der solipsistischen These zufolge ja keine andere Person außer mich selbst betreffe, also quasi nur erweiterter Suizid sei, löste ich eine kurze Hemmung bei ihm aus.

Diese war aber mehr dem moralischen Konsens als der Logik seines Denkens geschuldet. Natürlich würde er mir das nie unterschreiben, da er sich der praktischen, ethischen Konsequenzen – zumal kaum jemand mit der Geschichte des Solipsismus vertraut ist und das Dokument daher irrtümlich als Freibrief zum Massenmord lesen könnte – vollständig bewusst ist.

Vielleicht ist hier der richtige Ort, eine kurze Skizze der Geschichte des neuzeitlichen Solipsismus zu geben. Zu den bekanntesten früheren Denkern der Wirklichkeit als subjektive Vorstellung meines Ich zählen Rene Descartes (Ich denke, also bin ich), George Berkeley und Arthur Schopenhauer: Letztere führten das Sein der Dinge auf die eigene Wahrnehmung oder einen metaphysischen Willen und dessen Vorstellungen zurück. Aber auch Max Stirner, Friedrich Nietzsche und Ludwig Wittgenstein sind zu nennen. 

Der Deutsche Max Stirner ist jener Denker, der den Solipsismus in seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum in aufklärerischem Sinn politisierte und mehr oder weniger erfolgreich propagierte. Stirner, geborener Bayreuther, der mit bürgerlichem Namen Johann Caspar Schmidt hieß, nimmt unter den Solipsisten de facto eine Sonderrolle ein. Während Philosophen bis dahin die solipsistische These eher theoretisch oder als Begleiterscheinung eines philosophischen Systems betrachteten, gipfelt Stirners Denken in Sätzen wie: Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar meine Sache ist! Ihr meint, meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber meine Sache, und ich bin weder gut noch böse. Beides hat für mich keinen Sinn.

Oder: Mir geht nichts über mich. Stirner setzt dem menschlichen Geist, den Hegel einst im Namen des deutschen Idealismus auf „Entdeckungsreisen“ schickte, die Krone auf, wenn man so will. Als Weltgeist war er losgezogen und fand sich selbst.

Stirner wurde viel debattiert, angefeindet, aufgenommen, kaum oder gar nicht jedoch zitiert. Der pädagogische Weltverbesserer, der eigentlich Lehrer werden wollte und sich sein Geld als Journalist verdienen musste, lag offenbar in der damaligen Luft oder dem damaligen Weltgeist: die Menschen – die freieren Geister unter ihnen – atmeten nicht nur Spätromantik und Idealismus, naturwissenschaftliche Aufklärung und dialektischen Materialismus (Marx), sondern auch Anarchismus, und an diesem Punkt hörte sich für den Staat ebenso wie für geschäftstüchtige Bürgerliche der Spaß bekanntlich immer schon auf bzw. setzt die Zensur zwangsläufig ein.

Deshalb findet sich vermutlich auch bei Nietzsche, dessen Philosophie zahlreiche Parallelen zu Stirners Denken aufweist, keine Erwähnung des älteren Geistesverwandten. Sein Konzept des Übermenschen, eigentlich nur ein anderes Wort für Stirners Einzigen oder auch Eigner (der eigenen Überzeugungen und von Dogmen und Doktrinen befreiten Werte), lieferte die populärste philosophische Metapher für das 20. Jahrhundert, in welchem die Person Stirners bisweilen in vollkommene Vergessenheit geriet.

Die Postmoderne, sage ich etwas grob, war Solipsismus für die links orientierte Seite der Intellektuellen, insofern sie alle Meinungen oder Anschauungen als gleich wahr oder unwahr betrachtete, damit eben jeder selber seine Sache sein könne. Der Subjektivismus oder vielleicht besser erkenntnistheoretischer Agnostizismus genannt, war lange Zeit die Lieblingsperspektive der Franzosen, bekannt dafür Namen wie Lyotard, Derrida, Baudrillard…

Der Solipsismus ist eine Erlösung, sofern er mit unmündiger Obrigkeitshörigkeit, moralischen Schuldgefühlen, hierarchischen Ordnungen, Doktrinen, Dogmen u.a. theoretisch aufräumt.

Allerdings liefert er uns keine alternative Orientierungsmöglichkeit. Richtig verstanden würde der Solipsismus konsequenterweise maximale Selbstverantwortung bedeuten, da es sich bei dem Film, der läuft, ja um das Lebensglück des Einzigen, des Eigners handelt, einen Film voller Spiegelungen (Rolle der Statisten) der Gedanken und Taten des unteilbaren Individuums.

Praktisch und falsch verstanden (und das dürfte leider die Regel sein), kann er aber auch in die Katastrophe führen: Superindividualismus, Egomanie, Rücksichtslosigkeit. Auf der Spitze des praktischen Eisberges – auf welcher der gutbürgerliche Anteil unserer Gesellschaft heute so oft ratlos seine Werte zerschellen sieht – stehen Suizid, manche Formen des Mordes (Femizid, Familienmord), Amok, sprich, kommt es zur Zerstörung des missratenen Filmwerks samt Statisten durch den Hauptdarsteller und Regisseur, der über seine Figuren wie ein größenwahnsinniger General, dessen Reich dem Untergang geweiht ist, bestimmen zu können glaubt.

Den Amoklauf, häufig von langer Hand prätentiös geplant, würde ich als das bewusst in Szene gesetzte rasende Zürnen (amuk) eines praktischen, von der Theorie selbstverständlich im Allgemeinen keine Ahnung habenden Solipsisten bezeichnen, der im Zuge eines erweiterten Suizides mit dem ganzen Spiegelwerk und zuletzt eben meist auch mit sich selbst, dem Eigner, ein Ende macht.

Nicht von irgendwoher (und der Amoklauf bezieht ja auch daher seinen Namen) erinnert die Vorgehensweise an heldenhafte Krieger, die zum Schutz ihres Königs oder auch heute noch für Allah todesmutig starben und sterben. In Rage versetzt (die Furien wären vielleicht das weibliche Pedant) sollten sie abschreckende Wirkung zeigen.

Doch unter dieser sichtbaren, tragödienhaften Szenerie, die uns den Atem stocken lässt, ist am Amokläufer nichts Auffälliges (und er fällt ja eben auch fast nie rechtzeitig auf…) Vom Fundament des Eisberges aufwärts bis zum Meeresspiegel, also unter der sichtbaren Oberfläche, teilen die meisten von uns nämlich die Werte und Anschauungen (wie ich sie skizzenhaft in der Geschichte des Solipsismus angerissen habe) mit ihm.

Es sind die Werte oder Grundüberzeugungen des zwanzigsten Jahrhunderts, welche vor allem Individualismus (es geht um mein Leben und meine Seele) und Subjektivismus (ich sehe die Dinge so, wie ich will) heißen und mithilfe moderner Technik inzwischen eine Gesellschaft ohrenverstöpselter Egomanen, die primär mit ihrem Handy, dem Laptop und Computer Games beschäftigt sind, hervorgebracht haben.

Oder sind Menschen, die per Social Media bzw. den diversen Messenger-Diensten mit allen, wirklich mit allen kommunizieren, ausgenommen jenen, die sich in ihrem unmittelbaren Umfeld befinden, wirklich Mit-Menschen? Wohl nur für Solipsisten, die sich selbst ebenso verhalten.

Wenn die meisten von uns bislang noch nicht amokgelaufen sind, dann vielleicht nur, weil wir mehr Glück haben und trotz eines solipsistischen Lebensstils noch über die unschätzbare Ressource einer lebendigen Freundschaft, intakten Familie o.ä. verfügen.

Der Solipsismus, wiewohl in reinster Form unschuldig und nicht widerlegbar, ist als Weltbild in praxi – ob von der Theorie her falsch oder richtig verstanden, ob bewusst oder unbewusst gelebt – in jedem Fall eine Katastrophe.

Nichts ist für Menschen in Wahrheit schlimmer als die Einsamkeit (zu unterscheiden von der bewussten Zurückgezogenheit des Eremiten etwa, der noch lange kein Solipsist sein muss).

Junge Menschen versuchen ihrem Leben bekanntlich eine Richtung, eine Bedeutung zu geben. Fühlen sie sich daran gehindert, empfinden sie das als ein Zurückgeworfen-Werden gefolgt von einer faktischen Regression, wie Freud den erzwungenen (eher unbewussten) Rückzug auf frühere Stufen der Persönlichkeitsentwicklung nannte. Die Phase der Regression dient theoretisch der Neuorientierung des Ich, doch in dem Loch zwischen gescheitertem Gestern und erfolgreicher Selbststeuerung von morgen lauern die tausend Fallen der Einsamkeit, wenn es an Gemeinschaft mangelt.

Ich kenne aus meiner Arbeit in der Behindertenhilfe Menschen, die primär wegen Einsamkeit und nicht wegen ihrer Behinderung depressiv werden. Nicht die Beeinträchtigungen unterschiedlichen Schweregrades bedeuten Gefangenschaft, sondern der mangelnde Gemeinschaftssinn einer Gesellschaft, deren Individuen hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind, ist für die Isolation verantwortlich.

Jemand der Einsamkeit zu überlassen, ist auch eine Art von Mord (auf Raten). Aber auch hier gilt: Nur die Spitze des Eisberges ist sichtbar. Wer Spazierengehen kann (und nicht im Rollstuhl sitzt), ist eindeutig im Vorteil, mancher kam jedoch nicht mehr zurück aus der Natur, weil er unterwegs abbog und sich in einem verlassenen Waldstück aufhängte. Man wäre nie auf die Idee gekommen!

In diesem Zusammenhang gehörten auch Medien aller Art weit stärker in die Verantwortung genommen. Die Einsamkeit und Gedankenleere moderner Individuen ist ihr Geschäft (Unterhaltungsindustrie). Man will sich über die Macht der positiven oder negativen Suggestion von Filmen und Computer Games in diesen künstlerischen Branchen anscheinend nicht bewusstwerden.

Seit Jahrzehnten wird die Gesellschaft tagtäglich weltweit mit Krimis, Thrillern und pathologischen Gewaltexzessen mit ihren teils roboterartigen Helden konfrontiert. Eigentlich ist es verwunderlich, dass bei diesem ungeheuerlichen Aggressions-Konsum noch nicht viel mehr Amokläufer entstanden sind, die in der Katastrophe ihre Erlösung finden, an der sie uns in solipsistischer Denkweise teilhaben lassen müssen.

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Christoph Themessl

Christoph Themessl, Dr., geb. 1967 in Innsbruck, ist Schriftsteller, Philosoph und Journalist. Er arbeitete für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften und war mit seiner Firma PR-Zeitungen Themessl als Magazin-Produzent fünfzehn Jahre lang selbständig. Zu seinen Publikationen zählen: „Der Tod kann warten“ (Roman; 1997), „Bewusstsein und Mängelerkenntnis; Philosophische Psychologie für die Praxis“ (studia Verlag, 2013), „Als die Seele denken lernte“ (studia Verlag, 2016) und „Sinn- und Sinnlosigkeit. Die Entscheidung des philosophischen Praktikers“ (LIT Verlag, 2021). Themessl betreibt in Lans eine philosophische Praxis namens „Safe House – das Sorgendepot“ und arbeitet in der Behindertenhilfe des Landes Tirol.

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