Christoph Themessl
Woran denken, wenn
niemand an uns denkt?
Über die Einsamkeit in modernen Zeiten
Essay

Depressionen und Angstzustände sind in allen Altersgruppen weit verbreitet. Einer der Gründe dafür ist die zunehmende Isolation innerhalb einer hyper-individualistischen Gesellschaft.

Menschen sind nicht fürs Alleinsein geboren. Das können wir auch unter unseren vielzitierten nächsten Verwandten, bei den Schimpansen beobachten, die stets in größeren Verbänden leben. Zusammenleben erleichtert vieles: Nahrungsbeschaffung, Schutz (in der Herde), Pflege (Fellpflege). 

Wer es alleine in der Natur schaffen will, muss ein recht kräftiges Raubtier sein, und dafür kommen praktisch nur Männchen in Frage, die dann lediglich zu Fortpflanzungsgründen mit ihren Artgenossinnen Kontakt aufnehmen: Tiger, Eisbären, Leoparden, um einige Säuger zu nennen, machen ihre Beute auch ohne ein Team.

Primaten haben im Allgemeinen ein komplexes Sozialverhalten entwickelt. (Autistische Orang-Utans, die ein solitäres Leben bevorzugen, bilden eher die Ausnahme.) Beim Menschen, dem redenden Tier, wie Aristoteles einst meinte, kommt noch der Faktor Sprache und Bewusstsein hinzu. 

Zwar haben alle Tiere mehr oder weniger Sprache (Gestik und Lautverständigung), beim Menschen hat sie sich jedoch zu einem abstrakten Zeichensystem (Symbole, Schrift, Zahlen) weiterentwickelt, welches sein gesamtes Dasein prägt. Von Bedeutung ersten Ranges ist selbstverständlich der verbale Austausch, das Gespräch. Die Begriffe tragen das kulturelle, geistige Selbstverständnis eines Menschen, daher ist er in der Kommunikation mit anderen in seinem eigentlichen Element.

Ausgerechnet auf unserem in weiten Bereichen inzwischen überbevölkerten Planeten sind die Einsamkeit und das Verstummen heute zu vielen Menschen zurückgekehrt. Wie einst die Angst von Steppen- oder Gebirgsvölkern vor dem Aussterben ihrer Sippe, geht paradoxerweise in den modernen Klein- und Kleinstfamilien-Strukturen der hochzivilisierten Großstadtgesellschaften die Angst vor dem Allein-Sein um. 

Ich kenne die Einsamkeit von Menschen vor allem durch meine Arbeit in der Behindertenhilfe. Menschen mit Beeinträchtigungen körperlicher und/oder psychischer Natur sind neben unseren Alten der Gefahr von Isolation (sieht man von der Präsenz des Personals der Pflegeeinrichtungen oder diverser mobiler Hilfsdienste ab) am stärksten ausgesetzt. Viele habe ich schon klagen hören, dass dann, wenn nicht sie immer wieder die Initiative ergriffen, kein Mensch sich für sie interessieren würde…

Mitunter ist das Gefühl der Vereinsamung eher subjektiver Natur. Nicht selten wähnt sich einer/eine nur geliebt oder zumindest beachtet dank seines/ihres Geldes, des Status oder der beruflichen Funktion wegen. Doch auch solche Empfindungen sind bereits Ausdruck einer innerlichen Vereinsamung oder Entfremdung – wie man zu Zeiten eines Camus und Sartre noch gesagt hätte. 

Wer sich nur für Äußerlichkeiten wie etwa Schönheit geliebt fühlt, dem könnte morgen schon der Verdacht kommen, innerlich abgelehnt, von den Mitmenschen gar verachtet zu werden. Vom Gefühl, innerlich nicht geliebt und unverstanden zu sein, bis hin zur Paranoia, die oft vielleicht nur der verdrehte Wunsch ist, dass andere an uns denken mögen, ist es bisweilen nur ein Schritt.

Aber was, wenn wirklich niemand an uns denkt, die Welt uns längst vergessen hat wie den alten Eremiten, der nur alle paar Wochen einmal zum Einkaufen aus seiner Höhle steigt? Können wir noch denken, wenn wir mit unseren Gedanken vereinsamen oder gar vollständig allein sind? Woran soll der Witwer einer kinderlosen Ehe denken, wenn die Anonymität der Großstadt das Schicksal seiner Liebe ignoriert? Woran der Bettler, dem lauter Blinde auf den Hut treten, seine Gedanken knüpfen? Woran soll die Alte denken, der Familie und Freunde längst dahingestorben sind?

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein boten sich vielen Einsamen noch der liebe Gott oder wissenschaftliche Bildungsliteratur als Gesprächspartner oder Gesprächspartnerersatz an. Das ist inzwischen, in einer durch und durch materialistischen Zeit, in der Gott an seinen Leistungen für das persönliche Ich und die wissenschaftliche Wahrheit an ihrem praktischen Nutzen gemessen werden, immer seltener der Fall. 

Gott mag zwar immer eine Lösung sein, immer weniger Menschen kommen allerdings zu diesem Ergebnis. Das hängt unter anderem mit einer strukturalistischen Philosophie zusammen, die schon lange bevor man von Strukturalismus sprach, in unserem Gottesbild ein menschliches Produkt gesellschaftlicher Bedürfnisse zu erkennen meinte, ein Ab- oder Spiegelbild kulturspezifischer Mängel, die Gott, der Alleskönner, beheben sollte. 

In Ludwig Feuerbachs Philosophie erschafft nicht Gott die Menschen, sondern die Menschen erschaffen sich ihren Gott entsprechend ihrer Wünsche und Ideale. Nietzsches späterer Ausspruch Gott ist tot war nur der Befund dazu.

Die Entwicklung der Wissenschaften samt den von Aufklärern vielverehrten naturwissenschaftlichen Tatsachen haben einen ganz ähnlichen, quasi strukturalistischen Verlauf genommen. Nicht die Wahrheit findet über Theorien zu unserem Verstand, sondern je nach Theorie, die aufgestellt wird, finden wir zu diesen oder jenen Ergebnissen, Tatsachen, Erkenntnissen. 

Der Modellcharakter der modernen Theorienbildung ist reiner Pragmatismus (vielleicht ein Missverständnis der Wissenschaftstheorie Karl Poppers): Man doktert, philosophiert und rechnet und schaut, was dabei herauskommt. Meist dasjenige, was jemand gebrauchen kann. Denn sonst wäre ja das teure Forschungs-Prozedere zu nichts Nutze und würde kein Geld bringen.

Woran also denken, wenn Gott tot ist und nicht einmal die Wahrheit an uns denkt? Die Isolation des Individuums war das Thema des 20. Jahrhunderts ernsthafter Künste, literarischer Werke, Filme, philosophischer, psychologischer, theologischer und soziologischer Abhandlungen: das subjektive Erleben des Expressionismus in der modernen Malerei, atonale Musik, das sinnlose Warten auf Godot, Existenzialismus (speziell der französische) in Philosophie und Literatur, hierzulande etwa Frauenliteratur von Ingeborg Bachmann oder Brigitte Schwaiger, aber auch von Herrn wie Handke und Bernhard, welche die einsame Stellung des Ich betonten oder betonen. 

Psychologische Abhandlungen zur Seuche der Depressionen mit ihren vielen Erscheinungsweisen aufzulisten, erübrigt sich. Auf Richard Sennetts soziologischen Klassiker über den Verfall und das Ende des öffentlichen Lebens. Auf die Tyrannei der Intimität aus den 70er Jahren sei hier nur verwiesen, da sie zu den besten Analysen der Entwicklung der (westlichen) urbanen Gesellschaft zählt.

Woran denken, wenn niemand an uns denkt? Beantwortet kann die Frage natürlich durch niemanden und nichts werden. Soviel Geld auch für Psychokuren, Wellness-Aufenthalte, die mein schönes Selbst streicheln mögen, Meditationskurse und dergleichen ausgegeben wurden und werden, am Ende findet sich der Mensch nur wieder auf sich selbst zurückgeworfen, um einen Begriff Martin Heideggers zu gebrauchen. 

Buddhismus, eine englisch-amerikanische Modeströmung bis in die 1990-er – an sich die einzige Alternative zu lebendiger Kommunikation – schaut anders aus. Der Buddhist versucht sich von seinem persönlichen Willen zu lösen und zügelt von daher Egoismus und Gier. Davon ist in der Gesellschaft unserer Kultur eines Pseudo-Individualismus der exzessiven Selbst-Pflege nur selten etwas zu spüren.

Im Gegenteil, anstelle konsequenter Selbstversenkung oder, weniger dramatisch Selbstbesinnung, wurde die Flucht nach vorne, in eine Versenkung des Individuums in die Masse angetreten und das, was unter Individuum verstanden wird, zu Gunsten einer Fernsteuerung verlassen. Schon der alte Sigmund Freud verglich anonymisierte Mengen, die von fremdem Willen geleitet ein und dasselbe Ziel vorgesteckt bekommen, mit Ur-Horden Halbwilder. 

Wir dachten, diese Entwicklung hätte in den Kaufhäusern, Einkaufsstraßen, Autobahnen und im Massentourismus ihren Höhepunkt erreicht. Aber dann kamen PC, Handy, Internet, Google und Social Media, welche sich binnen Kurzem zur ersten Wirklichkeit im Leben schon fast der meisten Menschen hochmauserten. Das Hightech-Package aus Marketing, Mathematik und Naturwissenschaften katapultierte den konventionellen Konsumenten, Arme wie Reiche, die sich stets für besondere Klassen gehalten haben, sowie die letzten guten alten Small-Talker, die ihr Unwesen zwischen Kneipen, Metzger und Modeboutiquen getrieben hatten, ins schier unendliche Universum einer logorhythmisierten Warenwelt hinaus. 

Banken, Börsen, Sex, Liebespartner, Urlaubsträume und jeden erdenklichen Artikel findet dort der Mensch, der noch nicht einmal weiß, wie es zur Erfindung des Fotoapparats des 19. Jahrhunderts oder des Radios gekommen ist. Fehlte nur noch die KI, die auf jede Frage eine Antwort weiß und dem Studenten die Doktorarbeit schreibt. Er versteht sie nur nicht. Die KI übrigens auch nicht.

Woran also denken, wenn niemand an uns denkt? Oder löst sich das Problem nach und nach gar von selbst, indem wir es in Selbstvergessenheit vergessen? Verdummung der Menschheit als Ziel! meinte einst schon Friedrich Nietzsche keineswegs nur zynisch. No brain – no pain! sagen die Ärzte. Kein Individuum – kein Bewusstsein der Einsamkeit, könnte man ergänzend sagen.

Suizidraten und Zahlen seelischer Erkrankungen sprechen allerdings eine andere Sprache und sind – ironischerweise – zugleich Hoffnung, das etwas am Menschen fundamental Mensch bleibt. Menschen sind nicht grenzenlos anpassungsfähig. Flucht nach vorne – und das ist momentan leider die Hauptbewegung unserer Gesellschaft – ist gewöhnlich ein Schuss nach hinten. Persönlich würde ich davon ausgehen, dass diesem künstlichen Antrieb früher oder später der Sprit ausgeht.

Mögen diejenigen, an die heute keiner denkt, mit ihrem Dostojewski oder Goethe in der Hand, ihren Erinnerungen und Selbstgesprächen, Gesprächen mit Wänden, Pflanzen und Tieren auch dastehen wie verlassene Idioten, vorsintflutliches Rindvieh, im Aussterben befindlicher Restbestand der alten Tier-Menschheit – sie sind damit in Wahrheit keineswegs allein. Man wird sich auf diese Kommunikation wieder besinnen.

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Christoph Themessl

Christoph Themessl, Dr., geb. 1967 in Innsbruck, ist Schriftsteller, Philosoph und Journalist. Er arbeitete für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften und war mit seiner Firma PR-Zeitungen Themessl als Magazin-Produzent fünfzehn Jahre lang selbständig. Zu seinen Publikationen zählen: „Der Tod kann warten“ (Roman; 1997), „Bewusstsein und Mängelerkenntnis; Philosophische Psychologie für die Praxis“ (studia Verlag, 2013), „Als die Seele denken lernte“ (studia Verlag, 2016) und „Sinn- und Sinnlosigkeit. Die Entscheidung des philosophischen Praktikers“ (LIT Verlag, 2021). Themessl betreibt in Lans eine philosophische Praxis namens „Safe House – das Sorgendepot“ und arbeitet in der Behindertenhilfe des Landes Tirol.

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