Christoph Schmarl
Gepanzerte Vergangenheit
für eine ungeschützte Zukunft
Warum wir unsere Sicherheit
umfassender denken müssen.
Analyse
Vor wenigen Tagen übernahm das Österreichische Bundesheer die ersten modernisierten Kampfpanzer Leopard und Schützenpanzer Ulan. Bis 2029 sollen rund 170 Kettenfahrzeuge modernisiert werden.
Bei den Kosten lohnt sich ein genauer Blick: Ursprünglich wurde die Modernisierung mit rund 765 Millionen Euro veranschlagt. Das Bundesheer beziffert das aktuelle Modernisierungsprogramm inzwischen mit rund 561 Millionen Euro.
Als ich diese Zahlen las, musste ich an meine eigene Zeit beim Bundesheer denken. Als langjähriger Milizsoldat habe ich die Raumverteidigung der 1980er- und 1990er-Jahre bei zahlreichen Truppen- und Kaderübungen selbst erlebt.
Meine Erinnerung daran ist zwiespältig. Es gab engagierte und hervorragende Soldaten. Gleichzeitig erlebte ich veraltetes Gerät, organisatorische Leerläufe und eine Hierarchie, die nicht immer mit tatsächlicher Kompetenz und beruflicher Erfahrung übereinstimmte. Das Problem war nicht der einzelne Soldat. Das Problem war das System.

Nach dem Ende des Kalten Krieges veränderte sich die sicherheitspolitische Lage grundlegend. Die ursprüngliche Raumverteidigung verlor ihren konkreten Gegner. Bei vielen entstand das Gefühl, nur noch Soldat zu spielen. Sinn und Motivation gingen verloren.
Heute ist die Lage eine andere.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat gezeigt, dass konventionelle militärische Konflikte in Europa keineswegs Geschichte sind. Österreich braucht deshalb eine glaubwürdige Landesverteidigung. Aber daraus folgt nicht, dass gepanzerte Fahrzeuge allein die Antwort auf die Sicherheitsfragen unserer Zeit sind. 6+3 – aber bitte nicht mehr vom Alten.
Die Bundesregierung hat eine Reform des Wehrdienstes beschlossen: Sechs Monate Grundwehrdienst plus drei Monate verpflichtende Truppen- und Milizübungen. Das kann sinnvoll sein – wenn 6+3 nicht einfach neun Monate des alten Systems bedeutet. Die zusätzlichen Monate müssen echte Ausbildung, Spezialisierung und Einsatzvorbereitung bringen.
Entscheidend ist nicht nur, wie lange jemand dient, sondern was er danach tatsächlich kann.
Auch die Miliz muss regelmäßig und realistisch üben. Denn: Nicht jeder Milizsoldat braucht einen Panzer. Aber jeder braucht eine Aufgabe. Pioniere, Sanitäter, Techniker und Logistiker können im Krisenfall ebenso wichtig sein wie klassische Kampfverbände. Sicherheit beginnt nicht an der Staatsgrenze. Sicherheit hat heute viele Gesichter. Hochwasser, Muren, Waldbrände und extreme Wetterereignisse stellen Österreich vor große Herausforderungen. Dazu kommen mögliche Blackouts, Cyberangriffe und Ausfälle kritischer Infrastruktur.
Ein Leopard kann Teil einer glaubwürdigen militärischen Verteidigung sein. Aber er löscht keinen Waldbrand, repariert keine zerstörte Brücke und rettet niemanden aus einer überfluteten Ortschaft.
Deshalb brauchen wir neben einer leistungsfähigen Armee auch einen starken Katastrophenschutz: geeignete Lösch- und Transporthubschrauber, modernes Pioniergerät, mobile Brücken, Notstromversorgung und krisenfeste Logistik.
Das ist kein Gegensatz zur Landesverteidigung. Es ist ein Teil davon.
Freiwillige stärken
Einen wesentlichen Teil unserer Sicherheit tragen Menschen, die sich freiwillig engagieren. Feuerwehr, Rettung, Hilfsorganisationen und viele Vereine stehen bereit, wenn Hochwasser kommt, Waldbrände ausbrechen oder Menschen Hilfe brauchen. Diese freiwillige Infrastruktur ist ein unschätzbarer gesellschaftlicher Wert. Sie darf nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Wer Österreich krisenfest machen will, muss deshalb auch jene stärken, die bereits heute Verantwortung übernehmen – durch gute Ausrüstung, Ausbildung, Anerkennung und verlässliche Rahmenbedingungen.
Sozialjahr statt Zwang
Auch beim Zivildienst sollten wir neue Wege denken. Warum junge Menschen möglichst lange verpflichten, wenn wir sie stärker motivieren und belohnen können? Ich plädiere für ein freiwilliges und fair bezahltes Sozialjahr für alle Geschlechter – verbunden mit konkreten Vorteilen für die Zukunft. Wer sich engagiert, sollte davon später profitieren können: etwa durch Anrechnungen oder Erleichterungen bei bestimmten Ausbildungen und Berufslaufbahnen, besonders in Pflege, Medizin, Pädagogik und sozialen Berufen.Auch Bonuspunkte bei bestimmten Aufnahmeverfahren wären denkbar.
Der Staat sollte einen solchen Dienst so attraktiv gestalten, dass sich genügend junge Menschen freiwillig dafür entscheiden. So würde aus einem vermeintlich verlorenen Jahr eine Investition in die eigene Zukunft.
Sicherheit neu denken
Mein Fazit aus Jahrzehnten eigener Milizerfahrung ist klar: Österreich braucht Sicherheit – aber Sicherheit ist mehr als Panzer. Ja, wir brauchen militärische Verteidigungsfähigkeit. Österreich muss sein Staatsgebiet schützen und auf militärische Bedrohungen glaubwürdig reagieren können. Aber Landesverteidigung darf nicht bei Panzern beginnen und bei Panzern enden. Wir brauchen eine leistungsfähige Armee, eine gut ausgebildete und einsatzbereite Miliz, einen starken Katastrophenschutz, widerstandsfähige kritische Infrastruktur und eine Gesellschaft, in der freiwilliges Engagement anerkannt und unterstützt wird.
Das Geld des Staates ist begrenzt. Deshalb müssen wir Prioritäten setzen. Wir können nicht jede mögliche Bedrohung mit dem teuersten verfügbaren Gerät beantworten. Wir müssen fragen: Welche Gefahren können Österreich tatsächlich treffen? Welche Fähigkeiten brauchen wir dafür? Und wie setzen wir unsere begrenzten Mittel am wirksamsten ein?
Nicht jede Bedrohung kommt mit einem Panzer. Nicht jede Krise lässt sich militärisch lösen. Aber jede Krise verlangt Menschen, die vorbereitet sind. Wir brauchen beides: eine starke Armee für den Fall eines militärischen Angriffs und einen starken Katastrophenschutz für jene Krisen, die Österreich tatsächlich treffen können.
Wir brauchen keine Armee, die auf die Krisen von gestern wartet. Wir brauchen eine Republik, die auf die Krisen von morgen vorbereitet ist.
Illustration: KI-generiert
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