Bettina König
Schluss mit dem Schlussverkauf
Elegie
Jetzt haben wir sie ja wieder hinter uns, die glorreiche Zeit des Schlussverkaufswahnsinns. Schade einerseits, weil ich eine begnadete Schnäppchenjägerin bin. Und Gott sei Dank andererseits, weil ich jetzt wieder für eine Weile von der absurden Milchmädchen-Psychologie der Verkäuferinnen Abstand nehmen kann.

Tatsächlich bringen mich so manche Argumente der Hüterinnen der Kleiderstangen zum Kochen und können bei mir – im Extremfall – starke Fluchtreflexe auslösen. Wobei ich überzeugt bin, dass die betreffenden Damen (sorry an alle Geschlechtsgenossinnen, leider sind es zu 99,9 Prozent immer Damen) sich für psychologisch besonders gewiefte und absolut verkaufstüchtige Exemplare von Warenvermittlerinnen halten.
Die Nummer 1 in meiner Hitliste der No-Go-Argumente beim Kauf ist: Das haben wir total gut verkauft! Heißt im Klartext: Die halbe Stadt rennt mit dem Zeug herum. Was jetzt für eine Individualistin, wie ich das bin, gar nicht geht. Umso mehr, sollte das Kleidungsstück etwas ausgefallener sein. Und das ist bei mir fast Standard. Meine logische Reaktion also nach einer solchen Äußerung: Ich lasse das Ding fallen wie eine heiße Kartoffel.
Sehr ärgerlich ist auch die Aussage: Das ist das letzte Stück, da sollten sie nicht lange überlegen, sonst ist es weg! Höre ich so etwas, schalte ich in den Fatalismus-Modus um. So nach dem Motto: Soll es mir gehören, dann wartet es auf mich. Wohl das Gegenteil von dem, was die Laden-Lady mit ihrer auf Manipulation abzielenden, aber vollkommen durchsichtigen Meldung beabsichtigt hatte.
Ganz weit oben rangiert auch die Verkäuferin, die findet, dass mir alles, aber auch wirklich alles, was ich in ihrem Laden anprobiere, total wunderbar steht. Und dabei sackartig herabfallende Oberteile, Arsch-frisst-Hosen-Hosen und den Busen abquetschende Blusen großzügig ignoriert.

Die verschärfte Version dieser Spezies wird so aggressiv-drängend, dass man sich nicht mehr traut, von einem Kauf abzusehen. Meist ist sie auch so vorausschauend, dass sie einem den Weg nach draußen für eine unauffällige Flucht im Vorhinein abschneidet. Und so bleibt einem als armer Kundin nichts anderes übrig, als das bereits beim Anprobieren ungeliebte Teil zu erstehen.
Auf diese Weise gelangte ich mal in den Besitz gleich zweier (!) ultrakitschiger Pantöffelchen, die nicht nur in scheußlichen Sahnefarben gehalten, sondern obendrein auch noch mit Bling-Bling-Strass verziert waren. An der Kassa war ich den Tränen nahe, zückte aber tapfer meine Kreditkarte. Immerhin brachte ich den Mut auf, am nächsten Tag wieder zurückzukehren und die Dinger umzutauschen.
Nicht ausstehen kann ich auch die übereifrige Verkaufsjüngerin, die mir in unermüdlicher Bemühung ständig irgendwelche grauenhaften Fetzen zur Umkleidekabine heranschleppt und darauf besteht, dass ich diese probiere. Das ist genau Ihr Stil, ist das Killerargument dabei – von einer Person, die mich noch nie im Leben gesehen hat und nicht die geringste Ahnung haben kann, was nun wirklich mein Stil ist.

Ich gebe zu, dass ich da auch sehr nachtragend bin: Es gibt Geschäfte, die ich aufgrund eines Vorfalls der oben beschriebenen Art strikt vermeide. Ich frage mich manchmal, ob die schicken Boutiquen-Besitzerinnen oder -Verkäuferinnen eine Ahnung davon haben, wie nachhaltig sie einen vergraulen können. Wahrscheinlich nicht.
Ich werde schon eine anspruchsvolle Kundin sein, das gebe ich gerne zu. Andererseits: Die beste Bedienung für mich ist eigentlich gar keine. Wenn man mich also unbehelligt meine Kreise ziehen lässt und nur just in dem Moment für mich da ist, wo ich eine Information brauche oder die richtige Größe für das Kleidungsstück/den Schuh oder was auch immer für eine Ware, auf die meine Wahl schließlich gefallen ist: DAS ist für mich wirklich guter Service!
Fotorechte: Bettina König
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Ich kaufe zu Beginn der Saison. Die guten Sachen sind, wie immer und überall, als erstes weg.
„Daumen hoch“! Sehr amüsanter Text. Bei den Verkaufsschulungen scheint das Verständnis für die hier beschriebene Konsumentengattung (zu der auch ich mich zähle) jedenfalls nicht besonders ausgeprägt zu sein.