Bernhard Schlögl bespricht:
SÜSSER TRAUM
Ein Konzertabend zwischen
Sehnsucht, Erinnerung und Verklärung
Das 2. Symphoniekonzert des TSOI
der Saison 2025/26 im Congress Innsbruck
Nach dem atmosphärisch aufgeladenen Nachtzauber des Saisonauftakts, der den Übergang vom Licht in die Dämmerung auslotete, widmete sich das 2. Symphoniekonzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck einem weiteren, noch fragileren Zwischenreich, nämlich jenem schwebenden Raum, in dem Liebe, Erinnerung, Traum und Tod einander berühren. Die Überschrift Süßer Traum beschönigt nicht, sondern legt einen emotionalen Kern frei, der die Werke Gustav Mahlers, Alma Mahlers und Richard Strauss’ wie ein unsichtbares Band verbindet.
Am Pult stand die Dirigentin Tianyi Lu, deren künstlerische Präsenz von einer Mischung aus Energie und Empathie geprägt ist. Ihre Gestik drängt nicht, sie trägt die Musik auf eine bescheidene aber zutiefst respektvolle Weise. Mit ihr auf der Bühne stand die tschetschenisch/tschechische Mezzosopranistin Bella Adamova, jüngst vom BBC Music Magazine als Rising Star präsentiert. Dass sie mit Gipsfuß und Krücken auftrat und das Publikum durch die anfängliche Suche nach einer fehlenden Partitur zum Lachen brachte, verlieh dem Abend einen humorvollen Akzent und der Sängerin einen spontanen Sympathievorschuss.
Gustav Mahler – Adagietto aus der 5. Symphonie
Mahler schrieb das Adagietto unmittelbar nach seiner schwersten Lebenskrise. Aus gesundheitlicher Erschöpfung und Todesnähe zurückgeholt, erlebte er in der Begegnung mit Alma eine Art Wiedergeburt. Die Musik ist Sehnsucht pur, ein Schweben zwischen irdischer Liebe und metaphysischem Licht.

Schon die ersten Takte öffneten im fast vollen Saal Tirol eine von Mahler gewohnte Klangwelt, in dem die Zeit stillzustehen schien. Das TSOI entfaltete eine traumverlorene Atmosphäre, reich an Schattierungen und getragen von einem Spannungsbogen, den Tianyi Lu mit großer Ruhe formte. Das Pizzicato der Kontrabässe und die Triolen der Harfe fanden fast immer punktgenau zueinander und wirkten wie leuchtende Anker im orchestralen Schwebezustand.
Es ist ungewohnt, ein Konzert mit einem derart langsamen Symphoniesatz zu eröffnen, doch dem Orchester gelang es, das Publikum von den ersten Takten an zu fesseln und in einen Schwebezustand mitzunehmen. In den langgezogenen Vorhalten, dem Wechselspiel von Spannung und Entspannung sowie dynamischen Abstufungen hätte man sich noch etwas mehr Mut, noch feinere Nuancen wünschen können. Angesichts der zutiefst subjektiven Gefühlswelt, die diese Musik anspricht, dürfte es aber ohnehin kaum möglich sein, eine Interpretation zu schaffen, die für alle gleichermaßen als treffend empfunden wird.
Alma Mahler – Sieben Lieder für mittlere Stimme und Orchester
Besondere Aufmerksamkeit galt an diesem Abend Alma Mahler, deren selten gespielte Kompositionen gerade deshalb die Neugierde des Publikums weckten. Eine junge Frau, 22-jährig, umschwärmt und talentiert, bereit, in der Musik heimisch zu werden und doch in eine persönliche und künstlerische Zwangssituation gebracht, die ihr Ehemann mit dem berühmten Satz besiegelte: Wenn wir glücklich werden sollen, musst du das Komponieren aufgeben. Dass diese Lieder fragile Zeugnisse eines inneren Lebens, das sich nicht zum Schweigen bringen ließ, heute noch erklingen, ist schon eine kleine Rehabilitierung.
Die sieben Lieder führten das Publikum durch eine Reihe seelischer Zustände: Von der dunklen, urbanen Einsamkeit in Die stille Stadt über die schwebenden Linien von Laue Sommernacht, von der zarten Intimität in Bei dir ist es traut bis hin zur fiebrigen, harmonisch gewagten Spannung von Licht in der Nacht. In Waldseligkeit verschmolzen impressionistische Farben mit einer tief empfundenen Naturverbundenheit, während In meines Vaters Garten die Kindheit in ihren flüchtigen Erinnerungen spürbar wurde und das Erntelied den Übergang zwischen Vollendung und Abschied zeigte.
Bella Adamova verkörperte diese Miniaturen mit einer scheinbaren Mühelosigkeit, die zugleich von erstaunlicher Präzision und innerer Tiefe getragen war. Man hatte den Eindruck, sie sang nicht über diese Gefühle, sondern ging ganz in ihnen auf und hinterließ beim Publikum das überwältigende Gefühl, Zeuge einer untrüglichen, fast körperlich spürbaren Begegnung mit der Seele Almas Mahlers zu sein.

Inspirierend war zudem die Geschlossenheit des Führungstrios: Dirigentin, Solistin, Konzertmeisterin wirkten wie von einer gemeinsamen inneren Notwendigkeit getragen. Die Hingabe, die Alma Mahler von ihren Interpreten verlangt, wurde hier zur gelebten Haltung.
Und im direkten Vergleich zum zuvor erklungenen Adagietto zeigte sich, zumindest für mich, etwas Bemerkenswertes: Ja, Gustav Mahlers Handschrift wirkt handwerklich überragend und sein Rang ist unbestritten. Aber Alma Mahlers Lieder behaupteten sich erstaunlich selbstbewusst auf Augenhöhe. Vielleicht war es genau diese innere Kraft, die Gustav Mahler zeitlebens irritierte und die Stärke der Stimme seiner Frau ihm wohl auch ein Stück weit Respekt und vielleicht sogar ein wenig Angst einflößte.
Richard Strauss – Tod und Verklärung op. 24
Wo Alma Mahler innere Welten beschwört, wagt Strauss die Darstellung des letzten Kapitels des Lebens. Tod und Verklärung ist der Versuch eines jungen Mannes, das Ende zu denken – ein Werk, das existenzielle Fragen in orchestrale Dramatik überträgt. Vielleicht war ich mit einem Gedanken im Saal nicht allein: Was schmerzt uns mehr – die Totenklage oder der Liebesbrief?

Welches Leiden trifft uns unmittelbarer – die Universalität des Todes oder die Schönheit menschlicher Sehnsucht?
An diesem Abend wirkte Strauss’ Todeskampf fast lebendiger, fast lebensfroher als die seelischen Schluchten der beiden Mahlers. Und das ist keine Kritik, sondern eher eine Erkenntnis. Die ersten zehn Takte, aus einem pulsierenden Triolenuntergrund heraus, auf dem der markante C-Moll-Akkord aufgebaut ist, entfalten jenen typischen Strauss-Sog, jene hochenergetische Klangsprache, die ihm bereits mit 24 Jahren (!) eigen war.
Die knapp dreißig Minuten dieser Tondichtung verlangen ein Orchester, das den enormen Spannungsbogen vollständig stemmen kann, eine Aufgabe, die das TSOI eindrucksvoll meistern konnte. Nicht immer wurde das Potenzial der orchestralen Kontraste voll ausgeschöpft, einige Akzente hätten schärfer, Soloinstrumente und ganze Register hätten deutlicher hervorgehoben werden können.
Doch im Ganzen entstand ein intensives, farbenreiches Bild jener seelischen Zustände:
• Freundliche Träume
• Fieber und Schmerzen
• Rückblick
• Vision des Ideals
• Tod – und schließlich Verklärung
Fazit
Süßer Traum führte tief in den inneren Raum des Menschen: in Sehnsucht, Erinnerung, Lebenshunger, Verlust und jene zarte Verklärung, die uns manchmal tröstet. Es war ein Abend, der emotionale Kraft forderte, der gelegentlich in Schwermut kippte und doch, vielleicht gerade deshalb, nachklingt.
Ein Abend, der unbekanntere Werke selbstbewusst neben Meisterwerke stellte, ohne ihre Wirkung zu schmälern. Und ein Abend, der zeigte, dass Träume, süße wie schmerzhafte, noch lange weiterleben, wenn der letzte Ton verklungen ist.
Fotorechte: WE FEEL
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Was im 1.Symphoniekonzert mit einer sehr überraschend „unpopulären“ Programmierung gewagt wurde, fand im 2.Symphoniekonzert eine leider sehr oberflächliche Fortsetzung ! Nachdem das Adagietto aus Mahlers Fünfter spätestens seit Viscontis „Tod in Venedig“ zum musikalischen Kitschobjekt abgestempelt wurde, hat man es nun unter dem Motto „Liebesbrief“ den Liedern seiner Frau Alma entgegengestellt und ihm damit meiner Auffassung nach keinen guten Dienst erwiesen; denn das Adagietto verstand sich nicht nur als Liebeserklärung an Alma, sondern muss auch im Zusammenhang mit den restlichen 4 Sätzen der 5.Symphonie verstanden werden ! Der Seitengedanke taucht z.B. im 5.Satz nochmals in beschleunigter Form auf, aus der Liebeserklärung erwachsen gleichsam Taten und Ereignisse. Es ist bekannt, dass Alma grundsätzlich nicht besonders viel von Gustavs Musik hielt, auch wenn sie sich als Witwe stolz mit den diversen Widmungen brüstete (5., 8. und 10.Symphonie…). Viel mehr war sie der Musik ihres Kompositionslehrers (und zeitweiligen Liebhabers!) Alexander Zemlinksy zugetan, daher wäre ein Werk aus dessen Feder ungleich besser programmiert gewesen als die sehr pathetische Tondichtung „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss ! Mir ist vor allem aufgefallen, dass die Lieder Almas in ihrer Klavierfassung viel besser wirken als in der Instrumentierung von zweiter Hand. Das schöne Timbre der Sängerin konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Textverständlichkeit (trotz mitlesen!) kaum gegeben war. Interessanter wäre auch eine Gegenüberstellung mit Liedern von Gustav Mahler gewesen (und weniger „kitschig“). Zemlinsky statt Strauss hätte dem ganzen eine noch speziellere Note verliehen !
Das ist ja alles schön und gut – Alma soll ihren Platz bekommen, sie hat ihn sich durchaus verdient; aber dass man dann ausgerechnet jenes Stück ihres „handwerklich überragenden“ Gatten, dessen „Rang unbestritten“ ist, das durch einen schlechten Schnulzenfilm und die ebenso schlechte Aufnahme daraus „weltberühmt“ wurde als einzigen Teil einer verstümmelten V. Symphonie zur Aufführung bringt – während der Kollege Strauss das Privileg genießt, ungekürzt gespielt zu werden – macht schon ein wenig den Eindruck, man wolle ihn, Mahler, noch nachträglich dafür „zum Verstummen bringen“, dass er seiner Frau das Komponieren verboten hat. (Bitte mich nicht falsch zu verstehen: Ich halte das für eine traurige Geschichte, die selbstverständlich thematisiert werden muss).
Im Programmheft steht, dass „diese Musik durch Luchino Viscontis Film ‚Tod in Venedig‘ zum Sinnbild zarter Todes- und Jugendsehnsucht“ wurde. Hier fehlt ein Wort: „Gemacht“. Visconti hat sich angemaßt, diese Musik zu seinen Zwecken zu missbrauchen. Und wir wissen nichts besseres zu tun, als ausgerechnet Visconti zum Erklärer Mahler’scher Musik zu machen.
Ich finde: Man befreie Mahler endlich von dieser Anmaßung und lasse seine Werke – und wenn es geht, bitte vollständig! – für sich sprechen. Und noch ein Aber: Welche „schwere Lebenskrise“ Mahlers ist hier gemeint, aus welcher „Todesnähe“ kehrte er zurück, um dieses Stück zu schreiben? Davon ist mir nichts bekannt.
Zu dieser Zeit hatte Mahler sein großes Ziel, „Gott der südlichen Zonen“ zu werden erreicht und war der äußerst erfolgreiche Direktor der Wiener Hofoper und angesehene Dirigent.