Bernhard Schlögl bespricht:
Das 3. Symphoniekonzert des
Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck (TSOI)
unter dem Motto „Fernes Licht“

Mit seinem dritten Symphoniekonzert spannt das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck einen dramaturgisch wie ästhetisch klug gesetzten Bogen zwischen Gegenwart, jüngerer Moderne und ikonischer Klassik.

Ainārs Rubiķis, der neue Chefdirigent des Orchesters, präsentiert sich dabei nicht nur als Gestalter großer sinfonischer Linien, sondern auch als programmatischer Denker, der Reibung, Kontrast und innere Verwandtschaft der Werke bewusst sucht. Müsste ich den neuen Chef unseres Landesorchesters pointiert beschreiben, wäre er unaufgeregt aufgeregt.

Der Abend selbst hätte indes beinahe als lettische Festspiele durchgehen können: Mit dem Dirigenten Ainārs Rubiķis, dem Komponisten Pēteris Vasks und der Solistin Kristīne Balanas, die ihren Soloauftritt mit einem lettischen Volkslied abrundete, standen gleich drei Protagonisten aus dem kleinen baltischen Staat an der Ostsee im Rampenlicht.


Der Komponist Johannes Maria Staud und die Musikerinnen und Musiker des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck

Scattered Light (Streulicht) 

Den Auftakt bildete Johannes Maria Staud`s Scattered Light, ein Werk, das als Auftragskomposition des Festivals Wien Modern, des Konzerthauses Berlin und des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck im Jahr 2018 entstand und seine Uraufführung im Wiener Konzerthaus mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung des Konzertmeisters Rainer Honeck erlebte.

Ausgangspunkt für Scattered Light war die Frage, ob Staud sich ein undirigiertes Orchesterwerk vorstellen könne. Sofort war ich Feuer und Flamme, auch wenn ich mir der Gefahr, bei diesem Unterfangen zu scheitern, von Anfang an bewusst war, erinnert sich der aus Tirol stammende Komponist. Parallel dazu trug er sich schon lange mit dem Plan, ein Orchesterstück ohne hohe Bläser und ohne tiefe Streicher zu schreiben. Ein Werk, das quasi unbalanciert um ein stabiles Schlagzeug-Klavier-Zentrum schwankt.

Das zentrale Gestaltungsmittel von Scattered Light ist ein langsamer, regelmäßiger Puls, zu Beginn deutlich hörbar im Klavier. Dieses bildet das Rückgrat für ein Spannungsfeld zwischen Präzision und Unschärfe, ausgelöst durch zwangsläufig auftretende agogische Abweichungen zwischen den Instrumentengruppen, besonders in Accelerando- und Ritardando-Passagen.

Rubati und ihre reizvollen Unschärfen erzeugen allein durch die Vielzahl der Musizierenden ein Streulicht – daher auch der Titel. Der Verzicht auf traditionelle metrische Notation unterstützt diese psychologische Komponente der organisierten Unschärfe. Spannungen erwiesen sich unmittelbar als sehr lebendig: Die Musikerinnen und Musiker des Orchesters, angeleitet von Konzertmeister Martin Yavryan, schufen Momente von zarter Transparenz, die zugleich eine enorme Intensität aufstrahlten.

Die klangliche Differenzierung zwischen den Instrumentengruppen war fein austariert, die einzelnen Schläge des Klaviers pulsierend und zugleich instabil. Man spürte die akribische Konzentration, die notwendig ist, um das scheinbare Chaos orchestriert wirken zu lassen. 

Für das Publikum, das eher der gewohnten Ordnung der klassischen abendländischen Musik zugeneigt ist, war die Vertikalität, also das Zusammenspiel, in Scattered Light zunächst zu ungenau, und schnell kam die Erkenntnis auf, dass der Dirigent schlussendlich doch eine unverzichtbare Rolle spielt. In Anbetracht der Absicht, mit der Ungenauigkeit bewusst zu spielen, war es für das Publikum somit auch eine Einladung, sich der zeitgenössischen Musik intensiver zu widmen und eigene Grenzen neu zu setzen.

In Scattered Light wird die Fähigkeit der Orchestermitglieder, aufeinander zu hören, als Gruppe musikalisch zu atmen und sich dabei selbst zu koordinieren, zum zentralen Thema. Kurz: ein demokratisches Stück Orchestermusik, bei dem das Miteinander – nicht das Gegeneinander – im Zentrum steht. Was entstand, war eine Atmosphäre von konzentrierter Gemeinsamkeit, in der jedes Instrument zählte, ohne sich aufzudrängen. Dies könnte, wenn man so will, auch als utopisches Vorbild für unsere leider sehr chaotische und narzisstische Gegenwart verstanden werden.


Die Lettische Geigerin Kristine Balanas

Fernes Licht 

Nach diesem Auftakt folgte das Violinkonzert Distant Light von Pēteris Vasks. Die schiere Klangschönheit ist eine der hervorstechendsten Eigenschaften in Vasks’ Musik. Das Werk, 1996–1997 auf Anfrage des Geigers Gidon Kremer komponiert, verfolgt wie viele Werke Vasks‘ das Bestreben, der Seele Nahrung zu geben. Vasks und Kremer waren Schulkameraden. Das Lesen von Kremers Buch Kindheitssplitter inspirierte Vasks zu einer besonders emotionalen und tiefgründigen musikalischen Sprache. Fernes Licht ist Nostalgie mit einem Anflug von Tragik. Kindheitserinnerungen, aber auch funkelnde Sterne Millionen von Lichtjahren entfernt.

Die tiefen Streicher, Bratschen, Celli und Kontrabässe, schufen besonders berührende Momente, die Gänsehaut erzeugten. Bei geschlossenen Augen erinnerten die ausdrucksstarken Akkordfolgen und Phrasenbögen unweigerlich an Gustav Mahler. 

Besonders hervorzuheben waren die Bratschen des TSOI, die sich mehrfach in voller Klangfülle und Höchstform zeigten. Kristīne Balanas war eine Klasse für sich und beeindruckte das Publikum auf allen Ebenen. Ihrer 238 Jahre alten Geige entlockte sie eine erstaunliche Bandbreite, von hauchzarten Flageolett-Tönen bis zu drei virtuosen Kadenzen. Fast magisch fügte sie sich dem großartigen tiefen Streichersatz ein und entwickelte daraus Nahrung für die Seele.

Eine muntere, volkstümliche, tänzerische Episode leitete einen Stimmungs- und Tempowechsel ein, wurde aber abrupt von der zweiten Kadenz unterbrochen, die ihrerseits wieder von einer weiteren Elegie der Kontrabässe abgelöst wurde. Die dritte Kadenz, mit absichtlich dissonanten Elementen, entfesselte ein kontrolliertes Chaos, bevor ein unverfrorener Walzer das Geschehen wieder unter Kontrolle brachte. Die ausgedehnte Coda griff Ausschnitte des vorangegangenen Materials nochmals auf und führte die Musik zu einem sanften Abschluss. Stilistisch verortet sich Vasks dabei zwischen Pärt und Lutoslawski – eine Balance aus geographischer Verwurzelung und universeller Klangpoetik.


Ainārs Rubiķis, der neue Chefdirigent des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck, dirigiert „Die Fünfte“.

Beethovens Fünfte

Nach der Pause folgt Beethovens Sinfonie Nr. 5 in c-Moll op. 67, ein Werk, das keiner Erklärung mehr bedarf und doch immer wieder neu errungen werden muss. Herbert von Karajan brachte die interpretatorische Herausforderung dieser Partitur einst auf den Punkt: Ihre ersten 100 Fünften können Sie wegwerfen!, soll er jüngeren Kollegen angesichts der enormen Schwierigkeiten dieses Werkes gesagt haben. Auf Arthur Nikischs Pionieraufnahme für die Grammophone Company von 1913 und Wilhelm Furtwänglers gefeierte Einspielung von 1937 folgten durch Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und Carlos Kleiber zahlreiche Aufnahmen, die die Sinfonie zu einem Maßstab der Interpretationsgeschichte werden ließen.

1977 wurde Beethovens 5. Sinfonie zudem Teil eines kosmischen Experiments: The Sound of the Earth. Eine vergoldete Schallplatte, haltbar für mindestens 500 Millionen Jahre, wurde an Bord der Raumsonde Voyager II in die unendlichen Weiten des Alls geschossen. Seitdem kreist Beethovens 5. Sinfonie im Universum – ein symphonischer Mythos, der damit weit über die Grenzen von Zeit, Raum und menschlicher Erfahrung hinausreicht.

Welch ein Lärm! Die Symphonie eines Revolutionszeitalters? Die Fünfte hatte Beethoven 1804 begonnen. Viele Skizzen verwarf er, bis er jenes Klopfmotiv gefunden hatte. Unerhört! Keine Melodie. Vier Töne bloß. Genial ausformuliertes Gedankenspiel im ersten Satz der Symphonie. Unerhört logisch, doch niemals berechenbar oder langweilig. Die Zeitgenossen waren verstört. Musik, die nicht bremsen war.

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck zeigte unter der Leitung von Ainārs Rubiķis eine Interpretation mit persönlicher Note: Sie bewegte sich irgendwo zwischen Beethovens originalen (manchmal chaotischen) Manuskripten und der späteren Druckfassung. Die Umsetzung der Sinfonie ist ein komplexes Feld, da das Werk über zwei Jahrhunderte hinweg oft romantisch übersteigert wurde. Eine richtige Interpretation orientiert sich heute zunehmend an den Quellen, insbesondere am Autograph und den korrigierten Druckvorlagen. Rubiķis balancierte zwischen der formalen Perfektion der Wiener Klassik und der emotionalen Expressivität der Romantik.

Die Tatsache, dass Betonungen, Tonlängen und Artikulationen punktuell vom aufliegenden Notenbild abwichen, zeugte von der kreativen und fachkundigen Überlegung des neuen Chefdirigenten. Virtuos zeigte sich das gesamte Orchester, souverän die Bläsersolisten und treffsicher die beiden Hörner. Fesselnd war jedoch vor allem die Musik Beethovens selbst, interpretiert mit spürbarer und mitreißender Spielfreude, die den Musikerinnen und Musikern deutlich anzusehen war. Jeder Moment vermittelte die Spannung zwischen Strenge und Freiheit, die im Kern dieses Meisterwerks steckt.

Die oft zitierte Bewegung durch die Nacht zum Licht ist in Beethovens Fünfter keine bloße Idee, sondern unmittelbar hörbar: rhythmisch, harmonisch, klanglich. Gerade im Kontext der beiden vorangegangenen Werke gewinnt die Musik zusätzliche Schärfe – als historischer Bezugspunkt, als kulturelles Gedächtnis und als zeitloses Zeugnis musikalischer Konzentration und innerer Dramatik.

So erweist sich dieses Programm des 3. Symphoniekonzerts weniger als Abfolge einzelner Werke denn als bewusst komponierter Gesamtzusammenhang. Licht und Dunkel, Zerfall und Form, individuelle Stimme und kollektiver Klang stehen in einem spannungsreichen Dialog.

Und damit schloss sich an diesem Abend ein weiter musikalischer Bogen: von der fragilen, bewusst in Kauf genommenen Unschärfe in Johannes Maria Stauds Scattered Light über die tröstende, tief empfundene Klangpoesie von Pēteris Vasks bis hin zur existenziellen Wucht Beethovens.

Fotorechte: WE FEEL

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Bernhard Schloegl

Bernhard Schlögl hat Posaune am Tiroler Landeskonservatorium studiert. Dort studierte er auch Blasorchesterleitung bei Hermann Pallhuber und Thomas Ludescher. Außerdem machte er seinen Abschluss noch in Musik- und Instrumentalpädagogik an der Universität Mozarteum in Salzburg. Mittlerweile ist Schlögl nicht nur Dirigent des "Sinfonischen Blasorchesters Tirol", sondern auch als Lehrer, Dozent, Juror tätig und vor allem ist er künstlerischer Leiter der international renommierten Innsbrucker Promenadenkonzerte.

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