Bernhard Knoll-Tudor
Untergang der Generation Atlantik aus der Sicht Deutschlands
Analyse

Viel öfter sind die unscheinbaren, kleineren tektonischen Beben für den Geologen von Interesse, da sie die intellektuellen Verschiebungen und die neuen geistigen Gemengelagen anzeigen. Ein solches Beben war vergangene Woche zu spüren, als im Aspen Institut Vertreter der Heritage Foundation aufliefen – jener Ideenschmiede, die mit dem Projekt 2025 das Betriebssystem einer kommenden MAGA-Präsidentschaft formuliert hatte. Ein Dokument, das nicht weniger als die Abschaffung liberaler Demokratie in den USA beschreibt. 

Und Berlin? Berlin reicht an runden Tischen Kaffee und Kuchen.

Man möchte sich die Augen reiben. Kaum sind die verspätet entmystifizierten Wandel-durch-Handel-Russland-Romantiker endlich aus den Schaltzentralen der Republik gespült, verschläft die Transatlantik-Zunft erneut tektonische Verschiebungen. Im Grunde ist dies eine alte deutsche Spezialität seit Napoleon – schon damals war der Glaube unerschütterlich, mit Diplomatie und Gesprächsbereitschaft den politischen Vulkanausbruch aus Paris einzudämmen.

Die verbliebenen USA-Versteher wirken heute wie ein Kuriositätenkabinett. Dort pflegt man Rituale, als lebten wir noch im bonbonfarbenen Obama-Land: Austauschprogramme, Track-2-Diplomatie in holzgetäfelten Konferenzräumen, Alumni-Reunions, Workshops, Bundestagsstipendien – all die weichen Instrumente einer vergangenen Ära. Man tut so, als sei das Überbrücken der zweiten Trump-Präsidentschaft eine Strategie und Gesprächskultur bereits ein sicherheitspolitisches Konzept.

Diese Haltung ist nicht nur naiv, sondern grundsätzlich verfehlt. Mit Chamberlain-Noblesse wird der ideologischen Sprengkraft Trumps nicht beizukommen sein. MAGA ist kein inneramerikanischer Betriebsunfall, sondern der politische Ausdruck einer revanchistischen Supermacht, die über Trump hinauswirken wird. 

Die Vereinigten Staaten operieren außenpolitisch nach der Logik eines offensiven Realismus: Macht wird genommen, nicht verhandelt. Multilateralismus ist eine Fessel, kein Forum. Kooperation ist Transaktion. Die Ukraine ist Verhandlungsmasse, nicht europäische Interessensphäre. Loyalität wird erzwungen, nicht verdient. Die EU erscheint nicht als Partner, sondern als zu schwächendes postnationales Störgeräusch.

MAGA und die Illusion des Gesprächs

Dass manche Berliner Thinktank-Kreise dennoch glauben, man müsse Trump verstehen, ist so sinnvoll, wie Putins Ideologie der gelenkten Demokratie einst im Rahmen von Dialogforen mit Moskauer Kadern erörtern zu wollen. Die Ergebnisse dieser Annäherungsversuche kennen wir. Schaumungebremste Transatlantiker wollen anscheinend die Waffensysteme besser kennenlernen, mit denen unsere Errungenschaften vernichtet werden sollen. Naiver geht es kaum – und in ihrer Selbsttäuschung stehen sie den alten Russlandverstehern in nichts nach.

Die Atlantikbrückenbauer, die eine Partnerschaft mit Washington weiter normalisieren, um MAGA besser zu begreifen (als wäre Trumps unlängst veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie, deren unpublizierte Langfassung angeblich die Herauslösung europäischer Staaten aus der EU beschreibt, nicht deutlich genug), sind heute ebenso brandgefährlich wie jene Außenwirtschaftsinteressensgemeinschaft, die im Tross der Kanzlerin einst Kanäle nach Moskau bohrte – blind für die importierte Abhängigkeit von billiger Energie und die kriminelle Verkommenheit des Kremls.

Wer heute mit MAGA-Architekten dialogisiert, verkennt die Bedrohungslage. Diese formulieren nicht abstrakte Politikentwürfe, sondern verfolgen Strategien, die darauf abzielen, autoritäre Netzwerke transnational zu stärken, europäische Rechtsstaaten über Desinformation, Plattform-Manipulation und Handelserpressung zu unterwandern und unsere liberale Ordnung bewusst zu delegitimieren. 

Wenn wir die USA nicht als ernsthafte Bedrohung für Frieden, Sicherheit und Völkerrechtsordnung begreifen, liegt das nicht an ihnen – sondern daran, dass wir nicht zuhören. Noch ist es Gegenstand der Ironie, dass ausgerechnet jene, die sich bislang als Hüter des transatlantischen Wertefundaments sahen, sich dienstbeflissen anbiedern und anbieten, den roten Teppich für jene Kräfte ausrollen zu dürfen, die das Wertesystem am liebsten schon jetzt sprengen wollen.

Der lange Abschied vom transatlantischen Märchen

Die Berliner Generation Atlantik wirkt in ihrem intellektuellen Habitus wie Archäologen einer Epoche, deren moralische Selbstverständlichkeiten wie Tonfragmente in den Händen zerbröseln – und die dennoch versuchen, das alte Weltbild transatlantischer Solidarität mit Paneldiskussionen wieder zusammenzukleben. 

So wird strategische Klarheit durch Nostalgie ersetzt. MAGA aber wird keine Rücksicht auf europäische Befindlichkeiten nehmen; warum also sollten wir unsere Analyse noch in Freundschaftsvokabular kleiden?

Auch die DGAP und die Atlantik-Brücke luden bislang gerne Karriere-Republikaner mit MAGA-Prägung als analytische Stimmen in ihre Hallen ein und verbreiten deren Texte. Warum nicht gleich Kreml-Apologeten, wenn doch beide – Moskau wie Washington – unsere Werteordnung inzwischen in bemerkenswerter Parallelität unterminieren? 

Die Liste ließe sich weiterführen: Heritage als geistiger Sponsor der Berlin Campaign Conference vergangenen September, wo internationale Rechtsaußen ihre illiberalen Blaupausen austauschen wie früher Visitenkarten. Man könnte meinen, Berlin habe beschlossen, seine außenpolitische Zukunft jenen anzuvertrauen, die erklärtermaßen damit beschäftigt sind, die europäische Ordnung zu zersetzen – nur eben mit der Höflichkeit eines Panels, nicht mit der Brutalität eines Diktats.

Und dann war da noch das österreichische Alpbach. Im Rahmen des Europäischen Forums, dem Hochamt liberaler Konsensbildung, ließ man dort im Spätsommer ausgerechnet einen Vertreter der Heritage Foundation über Tiroler Almwiesen spazieren. In einem Hike & Talk durfte der MAGA-Stratege erklären, warum Europa angeblich größere Demokratiedefizite aufwiese als die USA. 

Die Organisatoren verteidigten dies als notwendigen Diskurs – eine bemerkenswerte Erweiterung dessen, was in Europa inzwischen als dialogfähig gilt. Nur Cathryn Clüver Ashbrook von der Bertelsmann Stiftung hielt dem ultrarechten Ideologen scharf entgegen.

Die Generation Atlantik – häufig bevölkert von ehemaligen Botschaftern und McCloy Stipendiaten, die seit ihrem Harvard-Studium ihr Berufsleben der Ikone des Transatlantizismus gewidmet hatten – steht vor den ideologischen Trümmern ihres Weltbilds. 

Unerwartet sind Gegner aufgetreten, die in charmeloser Härte ihre Abneigung gegenüber Europa formulieren. Man sollte beginnen, sie jetzt als Feinde anzusehen. Dies ist die Voraussetzung für eine neue handlungsfähige Außenpolitik. Zu ihnen zählen Trump genauso wie Putin und Xi Jinping. Alles andere wäre eine Form der Selbstentwaffnung, der sich Teile der Berliner Denkfabrikenszene mittlerweile verschrieben zu haben scheinen.

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Bernhard Knoll Tudor

Geb 1972 in Wien, nach dem Gymnasium Studium der Rechtswissenschaft; Mag. Jur., anschließend Studium in Bologna, dann Johns Hopkins New York Politische Wissenschaften und Ökonomie, Dr. int. Recht in Florenz; Zwischendurch Arbeit bei der OSZE in Bosnien während der Jugoslawien-Krise, dann in Polen; Wahlbeobachtungen in Ukraine, Weißrussland. Administration und Lehrer in Europa-Recht in Budapest bei der Soros-Privat-Universität; Wechsel zur Hertie-School 2014 nach Berlin; verheiratet mit Dr. Ioana Tudor, drei Kinder.

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