Andreas Niedermann
Warum, weswegen und wieso?
Notizen

Ich war in der Kirche und versuchte mich nicht zu langweilen. Aber es war für einmal gar nicht langweilig. Eingemauert in diesen finster-wienerischen Niedertrachtsbarock, der steingewordenen Verhöhnung der unterlegenen Protestanten bei der Gegenreformation, diesem Gedränge von sinnlosen Schnörkeln, Voluten, Putten und Statuen unbekannter Heiliger. 

Ich dachte an Narziss und Goldmund von Hesse. Ich denke immer an Narziss und Goldmund, wenn ich Statuen von Heiligen sehe.

Wie ich immer ans Kiffen denke, wenn sich die Gläubigen nach der Einnahme der heiligen Hostie in die Bänke knien. Als Kind wartete ich immer darauf, dass nach dem verspeisten Leib Christi was Außerordentliches mit mir passieren würde. Es geschah nie etwas. Wie der Kifferdebutant auf die Wirkung des Stoffs wartet, so wartete ich.

Die Wirkung tritt vielleicht ein, aber man merkt sie nicht. Die heftigste Wirkung aber ist, dass man den Menschen nicht mehr richtig traut, nachdem man sie in der Kirche hat knien sehen.

Dann dachte ich an Mutter Teresa. Mutter Teresa, so macht es den Anschein, ist die Patronin der Wiener Spitäler. Mutter Teresa stand auf Schmerzen. Sie verweigerte Sterbenden Painkillers. Sie war der Ansicht, dass man durch Schmerzen Jesus am nächsten komme.

Wenn man es genau nimmt, waren die Schmerzen Jesu gar nicht so irre. Viele Krebspatienten erleiden mehr. Und in Pinochets Kellern, in den Konzentrationslagern der Nazis, und in den Gulags von Stalin war eine Menge unermesslicher Schmerz.

Mutter Teresa starb, ohne an Gott zu glauben. Sie hatte nach ihm gesucht. Ihr langes Leben lang. Sie war verzweifelt, weil Gott ihr nicht antwortete. Wie Jesus. Denn auch er starb gottverlassen. Das hat sie vielleicht getröstet. Aber vermutlich nicht.

Das sind so die Dinge, an die man in Kirchen denken kann. Man könnte natürlich auch an andere Dinge denken. Aber ich nicht. Nicht mit meiner Vorgeschichte. Aber ich denke gerne an solche Dinge. Wie oft komme ich denn schon in eine Kirche?

Und während der Fahrt mit der Tram hatte mich meine neunjährige Tochter wegen des Baums der Erkenntnis gelöchert, dem Paradies und den Erzengeln. Es hörte schon die halbe Tram zu.

Verdammt, dachte ich, vielleicht liegt diese Fragerei in der Familie. Und wenn es so wäre? Warum, weswegen und wieso?

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Andreas Niedermann

Andreas Niedermann, 1956 in Basel geboren. Nach einer Laborantenlehre einige Jahre in Europa unterwegs. Informelle Ausbildung zum Schriftsteller in genau 50 ausgeübten Berufen. U.a. als Steinbrecher, Alphirte, Kranführer, Kinobetreiber, Krafttrainer, Koch und Theatertechniker. Seit 1989 mit Familie in Wien lebend. Gründete 2004 den Songdog Verlag. Publizierte einige Romane, Storybände und Novellen. Zuletzt „Blumberg 2 (Die Wachswalze)“ bei Edition BAES.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. c. h. huber

    nicht das schlechteste, das fragen. also fragen sie bitte weiter. auch wenn ich ihre gedankengänge manchmal nicht nachvollziehen kann.

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