Andreas Niedermann
Spiel mir das Lied der Harmonika
Über ein Meisterwerk der Filmkunst
Notizen

Wieder mal Once upon a time in the West gesehen, der auf Deutsch halbsinnigerweise: Spiel mir das Lied vom Tod heißt. Dieser Film ist nicht nur der Western mit dem schärfsten Suspense, sondern auch ein Meilenstein in der Kinogeschichte und er gehört zum Weltkulturerbe; ein Drama von Shakespeare´schen Ausmaßen: Gier, Rache, Liebe, Korruption, gigantische Lebensträume, Cleverness, Mut, Sadismus, Kindsmord, Verrat.

Und der Regisseur Sergio Leone hat zusammen mit dem Komponisten Ennio Moricone nicht nur ein beeindruckendes und unvergängliches Kunstwerk geschaffen, sondern er hat uns auch gezeigt wie die Hautporen von Charles Bronsons Augenpartie in Cinéscope aussehen: Nämlich wie Oma Lummermanns Schmalztöpfe.

Und trotz alledem hat der Film einen Fehler. Sogar zwei. Und ich gäbe einiges darum, den Hergang der Konflikte in der Filmcrew, die es zweifellos gegeben haben muss, als Story nachgeliefert zu bekommen.

Die Fehler sind für alle erkennbar, obschon sie nur Details betreffen und kaum jemandem auffallen mögen. Aber wenn man weiß, wie besessen Leone an Details gearbeitet hat, am Setting, dass er stundenlang Ketten und Gerätschaften in einem Stall umhängen konnte, bis er endlich Action! flüsterte -, der ahnt, dass bei dieser Angelegenheit wohl nicht die Colts, aber sicher die Köpfe geraucht haben müssen.

Die Fehler betreffen den Schluss, den Showdown.

Als sich Frank und Harmony zum finalen Duell gegenüber stehen, wird dem Zuschauer durch Rückblenden klar, warum Harmony Frank gejagt hat, und auch warum er immer wieder einmal diese weltberühmt gewordene Melodie auf der Mundharmonika anstimmte.

Wir sehen nun den jugendlichen, gefesselten Harmony, auf dessen Schultern sein Vater steht, eine Henkerschlinge um den Hals. Wenn Harmony die Kräfte verlassen und er fällt, wird sein Vater gehenkt. Der sadistische, sardonisch grinsende Frank hat Harmony eine Bluesharp zwischen die Zähne gesteckt.

Die Blechverkleidung der Bluesharp ist, wie wir in der ersten Einstellung (eine Nahaufnahme) sehen können, oben eingedellt, als hätte Harmony im Schmerz draufgebissen.

Totale zum Duell. Dann wieder Schnitt zur Hängeszene. Nun ist die Delle der Harmonika unten, als hätte Harmony sie als Kunststückchen (seine Hände sind auf den Rücken gefesselt) mit der Zunge umgedreht. Schnitt zum Duell. 

Wieder Schnitt zur Hängeszene. Jetzt ist es eine ganz andere Bluesharp. Glänzendes Metall, ohne Delle, brandneu.
Die Annahme, dass dieses Detail sowohl dem Cutter als auch dem Perfektionisten Sergio Leone beim Sichten der Muster entgangen ist, ist so wahrscheinlich, wie ein Sandsturm in der Arktis.

Dass diese Szene, fehlerhaft wie sie war, einfach drin blieb, ist ein Ding. Mehr noch: Eine Story. Ich hoffe, dass ich sie eines Tages erzählt bekommen werde.

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Andreas Niedermann

Andreas Niedermann, 1956 in Basel geboren. Nach einer Laborantenlehre einige Jahre in Europa unterwegs. Informelle Ausbildung zum Schriftsteller in genau 50 ausgeübten Berufen. U.a. als Steinbrecher, Alphirte, Kranführer, Kinobetreiber, Krafttrainer, Koch und Theatertechniker. Seit 1989 mit Familie in Wien lebend. Gründete 2004 den Songdog Verlag. Publizierte einige Romane, Storybände und Novellen. Zuletzt „Blumberg 2 (Die Wachswalze)“ bei Edition BAES.

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