Andreas Niedermann
Mein Leben als Swiss Bea(s)t
Kurzautobiographie
The beast in me. Is caged by frail and fragile bars. Restless by day. And by night rants and rages at the stars. (Nick Lowe)
Mit drei Jahren haute ich ab. Mit dem Dreirad. Und landete im Basler Rheinhafen zwischen den Schwellen der Hafenbahn, wo mich der Lokführer aus den Gleisen lupfte.
Mit sieben fing ich an zu rauchen. Zigaretten, die man für 20 Rappen aus den Automaten beim Bahnhof ziehen konnte. Drei Virginias mit Filter. Was das alles anstellte in Kopf und Herz! Rausch.
Ich war ein braver Junge. Die Eltern von anderen Jungs sahen es gern, wenn sie mit mir zusammen waren. Wir gaben uns der Onanie hin.
Meine erste gekaufte Single war Crosstown Traffic von Jimi Hendrix. Die erste LP Johnny Cash at Folsom Prison.
Wir rauchten in den Schulpausen und versuchten ständig von irgendwas high zu werden. Muskatnuss rauchen. Und getrocknete Fliegenpilze, die wir im Wald suchten.
Mit 13 hörte ich Leonard Cohens Album Song from a Room, was mich auf eine Weise aufwühlte, die ich nicht verstand, aber alles auf einen Schlag veränderte. Ich schrieb ein Gedicht. Jemand verriet mich an die Deutschlehrerin und das Gedicht wurde Gegenstand einer Deutschstunde. Ich schämte mich so, wie ich mich heute noch immer für meine Texte schäme. Aber ich war auch ein wenig stolz. Scham und Stolz.
Eine junge Hippiefrau nahm mich mit zur Schifflände, wo ich meinen ersten Joint rauchte. Sie sagte: Ich habe etwas im Shitrauchen gefunden. Ich glaube, du wirst es auch. Ich war 15, und sie hatte recht. Ich hörte auf Sport zu treiben, hörte auf als Handball- und Fußball-Torwart, wollte nicht mehr das Lauberhornrennen fahren, verachtete jedes Vereinsleben und jede Art von Sport. Ich wollte irgendwie ein Künstler werden, und war doch nur ein Laborantenlehrling, der massig LSD einwarf und Meskalin, der kiffte und Chloroform schnüffelte, und alles an Substanzen probierte, die irgendeine Veränderung von was auch immer versprachen.
Später landete ich in einem einsamen Haus in Südfrankreich, das einem jüdischen Arzt gehörte, das ich bewohnbar machen sollte. Ich fand eine Schachtel voll Beta-Amphetamin-Pillen, die mich in den einsamen Nächten wachhielten. Ich schrieb an einem Roman, verlor ihn später irgendwo unterwegs, auf meinen Touren ohne Geld, aber mit ewig knurrendem Magen.
Ich las Henry Miller, der mein Lehrer wurde, und mich von der Angst vor meiner rast- und auch haltlosen Existenz befreite.
Ich hatte viele Liebschaften. Oft gleichzeitig. So wie ich viele Jobs hatte. Auch gleichzeitig. Aus Verzweiflung landete ich als Hirte auf einer Alm. Ich lernte ein anderes Ich kennen. Eines, das sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzen konnte, das nie aufgab. Das hätte ich nicht von mir gedacht. Ganz bestimmt nicht.
Danach schrieb ich eine Story, die von einer Zeitschrift angenommen wurde. Mit Honorar (ja, das waren noch Zeiten). Bald darauf schrieb ich einen Roman, der mich ein bisschen berühmt machte. Eine Weile. Dann schrieb ich noch einen, und dann lange Jahre keinen mehr. Und dann schon wieder, während ich mein Geld als Theatertechniker verdiente.
Dazwischen brachte mich das Alkohol-Depro-Beast an den Rand des Grabes, und ich machte wieder Sport, um von dort wegzukommen.
Dann war ich mit einem Mal verheiratet und Vater zweier Töchter. Und schrieb noch mehr Romane. Hatte noch mehr Jobs.
Und jetzt sitze ich über diesem Text, und frage mich, wie so oft, ob das alles geschah, weil ich es so wollte oder weil es mir einfach passierte, weil ich mich treiben ließ und mich das Abenteuer reizte? Wie wird es weitergehen? Ich weiß es nicht.
Oder ist es, wie der Chirurg nach der Prostataresektion trocken meinte: Viel ist da nimma.
Das Beast schüttelt den Kopf und lacht.
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